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Das Schweizer Kino – eine Kamera, die sieht, aber nicht eindringt

In den letzten Jahren, in denen ich die preisgekrönten Filme des Schweizer Filmpreises verfolgt und darüber geschrieben habe, zeichnet sich – auch mit Blick auf die aktuellen Preisträger – ein wiederkehrendes Muster im Schweizer Kino ab: eine hohe formale Präzision, strukturelle Disziplin und zugleich eine spürbare Distanz zwischen der Kamera und der inneren Welt der Figuren. Es ist ein Kino, das beobachtet, aber nur selten wirklich eindringt.

I Love You, I Leave You von Moris Freiburghaus
Foto mit freundlicher Genehmigung Outside The Box

Dennoch gelingt diese Nähe im Dokumentarfilm mitunter besser. Ein Beispiel dafür ist I Love You, I Leave You von Moris Freiburghaus. Die Figur befindet sich in einem emotionalen Zwischenraum, insbesondere im Spannungsfeld zwischen Selbstsuche und dem Versuch, Distanz zu ihren Angehörigen zu wahren. Daraus entsteht eine Atmosphäre, die ihre Zerbrechlichkeit und künstlerische Sensibilität auf eindrückliche Weise erfahrbar macht.

Ein Blick auf frühere Jahrgänge des Schweizer Filmpreises zeigt jedoch, dass es auch Ausnahmen gibt. Vereinzelt entstehen Filme, in denen die Kamera tatsächlich in die innere Welt der Figuren vordringt und eine sinnlich erfahrbare Erfahrung erzeugt. Ein herausragendes Beispiel dafür ist Drii Winter von Michael Koch, der zu Recht als bester Film des Jahres 2023 ausgezeichnet wurde. Mit einer minimalistischen Bildsprache, dem Einsatz von Laiendarsteller:innen – im Schweizer Kino eher selten – sowie der präsenten, beinahe überwältigenden Alpenlandschaft und einer präzisen Regie entsteht eine Welt, die nicht nur gesehen, sondern auch gespürt wird. Das Publikum wird Teil der äusseren wie inneren Kälte der Figuren. Dieser Film zeigt, dass das Schweizer Kino durchaus in der Lage ist, seine formale Strenge zu überschreiten und eine unmittelbare, sinnliche Erfahrung zu schaffen – ohne sich auf Stars oder professionelle Schauspieler:innen zu stützen.

Demgegenüber steht Heldin von Petra Volpe, der in diesem Jahr als bester Film ausgezeichnet wurde. Der Film erzählt die Geschichte einer Krankenschwester (Leonie Benesch) – einer Figur, die nach aussen ruhig und kontrolliert erscheint, innerlich jedoch unter dem Druck der Arbeitsbedingungen und einer rigiden Ordnung allmählich erschöpft. Ihr Lächeln wird zum Zeichen des Aushaltens, ihr innerer Zerfall bleibt leise und kaum sichtbar. Diese Spannung zwischen äusserer Fassade und innerem Zustand ist ein vertrautes Motiv im Schweizer Kino: Präzision und Ordnung verhindern mitunter ein wirkliches Eindringen in das Menschliche. Zwar gelingt es der Regisseurin, soziale Problemlagen genau zu beobachten, doch die Wiederholung ähnlicher Situationen im Krankenhausmilieu führt nicht zu einer vertieften Figurenentwicklung. Im Vergleich zu anderen Filmen dieser Ausgabe mag dies die überzeugendste Wahl gewesen sein, dennoch bleibt das Werk innerhalb der Grenzen eines vorsichtigen Kinos.

In diesem Zusammenhang lässt sich auch Stiller von Stefan Haupt erwähnen, basierend auf dem Roman von Max Frisch. Die Hauptfigur (Albrecht Schuch) befindet sich in einer Identitätskrise: Ein Mann, der sich James Walker nennt, wird von anderen als Anatol Stiller erkannt. Immer wieder betont er: „Ich bin nicht Stiller.“ Diese Konstellation erzeugt einen Raum zwischen Realität und Wahrnehmung, der an die absurde Welt von Eugène Ionesco erinnert – ähnlich wie in La Cantatrice Chauve, wo Menschen einander gegenüberstehen, ohne sich wirklich zu erkennen.

Der Regisseur zeigt Kreativität in der Gestaltung reduzierter, prägnanter Bilder – etwa in einer Szene, in der Stiller mit einer einzelnen Blume erscheint, während andere mit grossen Blumensträusschen vor dem Theater stehen. Dennoch fehlt es der filmischen Umsetzung insgesamt an Kohärenz. Figurenzeichnung und dramaturgischer Impuls setzen nicht überzeugend ein, sodass das Publikum die Welt selten aus der Perspektive der Figuren erlebt. Es entsteht eine Distanz zwischen der Regie und der literarischen Vorlage.

Auch in Stiller zeigt sich somit erneut das bekannte Muster: Ordnung, Präzision und Kontrolle stehen einem Mangel an innerer Durchdringung gegenüber. Genau hier wird die besondere Qualität von Drii Winter deutlich: ein Film, in dem das Bild nicht nur beobachtet, sondern eindringt und eine erfahrbare Wirklichkeit schafft. Ohne sich auf Stars zu stützen, erreicht er eine Bildsprache, die nicht nur ästhetisch überzeugt, sondern auch die Wahrnehmung der sozialen Realität, in der das Publikum lebt, intensiviert.

Hier die Kritik von Drii Winter (auf Französisch) von Malik Berkati.
Hier die Kritik von Heldin und das Interview mit Petra Volpe (auf Französisch) von Malik Berkati 

Majid Movasseghi

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Majid Movasseghi

Critique de cinéma et réalisateur/Film Critic & Filmmaker (basé/based Zurich)

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