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Karlovy Vary 2026: Morten von Ivan Pavljutskov – Das Internationale Film Festival Karloyy Vary weltpremiert ein komplexes Coming-of-Age-Drama

Morten ist ein scheuer, unsicherer Jugendlicher, der in einem abgeschiedenen Landhaus mit seinem alkoholabhängigen Onkel und seiner oft abwesenden Mutter lebt. Seinen Vater hat er nie kennengelernt, seine Mutter gelang es kaum, sich hinreichend um ihn zu kümmern. Seine einzigen sozialen Kontakte sind seine Mitschüler. In diesem hierarchisierten Milieu jedoch herrschen strenge Regeln der Anerkennung. Der schüchterne Morten bleibt hier stets nur ein beobachtender Aussenseiter. Die Handlung beginnt ihren tragischen Lauf, als ein Mitschüler ein Foto von ihm mit seinem heruntergekommenen Onkel macht. In einer Welt der Selbststilisierung und Inszenierung ist ein fatales Detail.   Von durch neue Medien potentialisierten emotionalen Erpressungen und permanenten Unterdrückungen an Schulen erfahren wir durch fast tägliche Nachrichten. Ivan Pavljutskov reichert seinen hier einsetzenden Film, als Weltpremiere und Special Screening im Internationalen Filmfestival Karlovy Varys präsentiert, mit weiteren Erzählsträngen an und eröffnet seinem Werk Morten vielfältige Reflexionsebenen.

— Tõru Kannimäe – Morten
Bild mit freundlicher Genehmigung Karlovy Vary IFF

Zuerst hervorzuheben ist sein Meiden jeder Karikaturisierung oder Überzeichnung der Schulsituation und seiner Protagonisten. Nur einer unter den Schülern, aufsässig und permanent regelverstossend, setzt seine sadistische Intelligenz in Aktion um. Es beginnt mit dem genannten Foto, das zu veröffentlichen er droht. Er zwingt Morten, die Wagenscheibe des Schulleiters einzuschlagen, um den Folgen dieser Drohung zu entgehen. Doch der gleiche Manipulator nutzt nun ein erneutes Foto von eben dieser Tat, um den Druck noch zu erhöhen. Der hilflose Morten, überzeugend dargeboten von Tõru Kannimäe, gerät in eine Spirale der Abhängigkeit, der zu entkommen ihm der innere Rückhalt fehlt. Die einzige freundschaftliche, jedoch homosexuell motivierte Annäherung muss er zurückweisen. Die einzigen Fluchtlinien aus seinen zunehmenden Lebenszweifeln sind seine Fotografien. Mit meditativer Konzentration taucht seine analoge Kamera ein in die ihn umgebende Fauna und Flora. Besonders folgt er der Vogelwelt, diesen freien Geschöpfen, zu denen er sich oft flüchtet. Während dieser Exkursionen in das sein Haus umgebende Marschland begegnet er, in Schwermut versunken, einer mysteriösen jungen Frau, die ihn in die verborgenen Welten der Natur einweiht. Immer wieder kehrt er zu ihrer Nähe zurück. Doch diese anmutige, mysteriöse Frau mit langen blonden wehenden Haaren, brillant gespielt von Emili Rohumaa, birgt ihr eigenes Geheimnis. Sie lebt als Halbexistenz zwischen Leben und endgültigem Tod, da sie sich aus Liebeskummer einst das Leben genommen hatte.

In der vitalen Gegenwelt seiner Schule nähert sich Morten durch seine aufmerksamen und respektvollen Fotografien der vielleicht attraktivsten Mitschülerin an, der die Differenz zwischen ihrem aggressiven Macho-Begleiter und dem stillen Beobachter nicht entgeht. Eine vorsichtige Freundschaft beginnt sich zu entwickeln. Während einer seiner seltenen Aktionen rettet Morten die bereits mit Drogen gefügig gemachte junge Frau (quicklebendig verkörpert durch Helena Maria Reisner) aus den Klauen ihres potenziellen Vergewaltigers. Er bringt sie in sein einfaches Zimmer. Hier kann er jedoch nicht widerstehen, von dieser kaum bekleideten, schlafenden Frau ein Foto zu machen. Hat er sich gerade aus der Erpressungsspirale befreit und dem – durchaus verständnisvollen – Schulleiter seine Tat gestanden, folgt er mit diesem Foto doch dem letzten Befehl seines Widersachers, der Forderung nach einer Nacktaufnahme von ihr. Er beabsichtigt zwar niemals, diese Aufnahme zu veröffentlichen, doch sie gerät in die Hände seiner Mitschüler, die ihn mit Verachtung ächten. Seine schockierte Freundin kündigt sofort jede Zuneigung zu ihm auf.  Doch hier gibt Morten nicht mehr auf…

Fern jeder Schwarzweiss-Charakterisierung gibt Pavljutskov selbst dem Manipulator zumindest in einer Szene Raum für den Ausdruck eines Mitgefühls. Auch er wird dechiffrierbar als jemand, der seine innere Schwäche durch Aggressivität und Dominanz kompensieren will. Sein Film überzeugt durch die Vielfalt seiner Aktionsplateaus. Die melancholisch erfahrene Naturlandschaft wird kontrapunktiert durch den Aktionismus und Bestätigungslärm im Schulambiente. Die Wiederannäherung an seine Mutter, die sich zum ersten Mal auszusprechen vermag, ist nur einer der vielen Höhepunkte dieses zutiefst humanen Werkes, das Einblick gewährt in die fragilen und gefährdeten Gefühlslandschaften der vor allem durch neue Medien pervertierten Jugendlichen. Katastrophen jedoch wird hier nicht das letzte Wort gegeben.

Pavljutskov schafft ein gelungenes Werk erfolgreicher Fluchtlinien, um einen Term der Philosophie Gilles Deleuzes und Felix Guattaris aufzugreifen. Die lebenszugewandten Kräfte triumphieren hier, selbst angesichts des Todes. Der Regisseur integriert spirituelle und folkloristische Phänomene, wie die Existenz einer Untoten, um das Panorama seines durchaus realistischen Werkes durch lokale Kulturelemente noch einmal zu erweitern.

Als seine Quelle und Inspiration verweist Pavljutskov auf das Buch Morten, Emilie, and the Lost Worlds der Schriftstellerin Reeli Reinaus, die auch das Drehbuch schrieb.  Bereits in seinem 2015 realisierten Kurzfilm The One folgte Pavljutskov den markanten Einbrüchen der Coming-of-Age-Lebensspanne. In seinem ersten Spielfilm breitet er dieses Themenfeld vielfältig aus.

von Ivan Pavljutskov; Estland, Litauen; 2026; 102 Minuten

Dieter Wieczorek, Karlovy Vary

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Dieter Wieczorek

Journaliste/Journalist (basé/based Paris-Berlin)

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