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Karlovy Vary 2026: If Pigeons Turned to Gold von Pepa Lubojacki – Die tödlichen Spiralen des Alkoholismus

Bereits zu Anfang ihres Dokumentarfilms If Pigeons Turned to Gold deklariert die in Prag lebende Regisseurin Pepa Lubojacki,  dass nur absolute Aufrichtigkeit ihr das Recht gebe, dieses Werk zu realisieren. Sie fügt hinzu, dass sie sich ihr Leben lang beschämt gefühlt habe. In der Tat dringt ihr Film intensiv ein in eine höchst problematische Familiengeschichte, die sie aus nächster Nähe beobachtet. So konnte dieses vielleicht beeindruckendste Werk zum Thema Alkoholismus entstehen. Nach seiner Weltpremiere auf der Berlinale, wo der Film den Caligari-Preis der Dokumentarfilmsektion zugesprochen wurde, kam das Werk nun auf dem Karlovy Vary Film Festival erneut zur Aufführung.

Eine junge Filmemacherin kämpft um das Leben ihres Bruders

Sowohl ihr Vater, wie ihr Bruder und ihre Cousins, sind dem Alkohol verfallen. Ein Leben auf der Strasse, in notdürftigen Unterkünften, zuweilen extremer Kälte ausgesetzt, zuweilen geschlagen, fast immer verachtet, dies ist die aus aller Nähe mit emotionaler Teilnahme dokumentierte Realität der Filmemacherin. Besonders ihren Bruder David begleitet sie über Jahre hinweg, mit nur einem Ziel, ihn aus seiner Abhängigkeit herauszuholen. Sie hilft ihm mit Geld und Unterkünften, organisiert administrative Notwendigkeiten, um ihn von der Strasse zu holen und einen Neuanfang starten zu können. Doch obwohl zuweilen diese Versuche über kurze Phasen hinweg zu gelingen scheinen, muss die Filmemacherin sich schliesslich schmerzhaft eingestehen, dass ihr Wunsch auf einer Illusion beruht.

If Pigeons Turned to Gold von Pepa Lubojacki
Bild mit freundlicher Genehmigung Karlovy Vary IFF

Es herrscht gemeinhin das Missverständnis, dass Alkoholiker sich per Willenskraft aus ihrer Abhängigkeit befreien könnten und sollten, mit anderen Worten, dass ihr Zustand selbst verschuldet ist. Dies ist jedoch, wie Lubojacki, eindringlich zeigt, ein Vorurteil, dem medizinische Fakten widersprechen. Tatsächlich ist Alkohol für seine Nutzer ein Mittel, sich von Traumata sowie überfordernden Situationen und Erinnerungen fernzuhalten und sich eine relative mentale Schutz- und Komfortzone zu schaffen. Der Konsum wiederum verändert das biochemische System der Abhängigen und vermindert ihre Willenskraft. Der fatale Kreis schliesst sich.

Alkoholiker erkennen ihre Situation oftmals mit grösster Transparenz. Sie wissen, dass sie versagen, dass sie ihren Angehörigen Schmerz zufügen und Erwartungen enttäuschen. Doch sie ziehen selbst den absehbaren Tod der Konfrontation mit dem Unerträglichen vor.

Pepa Lubojacki fragt sich wiederholt, warum sie nicht selbst Opfer dieser Untergangsspirale geworden ist. Sie kann die Traumata ihrer Familie nicht rekonstruieren. Doch bereits der alkoholisierte Vater spielt hier eine Schlüsselfigur. Einmal aus der Bahn geraten und in einen puren Tag-für-Tag-Überlebensmodus geraten, werden die traumatischen Erfahrungen nicht abnehmen. Immer wieder motiviert sie ihren Bruder durch mögliche Momente der Lebensfreude, etwa gemeinsam ans Meer zu fahren.. Doch selbst nach solchen Erlebnissen kehrt ihr Bruder in seine permanente Sucht zurück.

Über den fatalen Zirkel der Abhängigkeit hat die medizinische Forschung in den letzten Jahren wertvolle Erkenntnisse geliefert. Der Neurotransmitter Dopamin produziert einerseits ein Glücksgefühl im alkoholisierten Zustand. Gute Laune und Motivation nehmen zu, die Leistungsfähigkeit scheint vergrössert. Dagegen führt eine Verringerung des Konsums zu Motivations- und Antriebsverlust. Ein verminderter Dopaminspiegel erhöht das Rückfallrisiko. Gleichzeitig führt eine Dopaminkonzentration im Gehirn der Alkoholiker zum Verlust ihrer Verhaltenskontrolle.

Pepa Lubojacki bereichert dieses komplexe Werk mit teils KI-animierten Bildern und Fotografien aus der eigenen Familiengeschichte. Vor allem die Kinderfotos der später Abgedrifteten berühren. Nichts deutet auf ihr späteres Schicksal hin. Auch nutzt die Filmemacherin eine animierte sprechende Taube (mit den Augen Pepas), die kommentiert und den Familienangehörigen selbst eine Stimme gibt. Der Kontrast verschärft sich. Beschützte ihr Bruder seine jüngere Schwester Pepa oftmals in ihrer Kindheit, so ist er nun ein von Konvulsionen und epileptischen Anfällen heimgesuchter Körper.

Im Laufe ihrer ersten, durch vielfache Schnitte segmentierten und dynamisierten Dokumentation versteht die begleitende Schwester, ihrem Bruder nicht wirklich helfen zu können. Konsequent werden die belebten und sprechenden KI-animierten Fotografien als isolierte Fragmente in einen taumelnden Erinnerungsrausch versetzt.  Die grobe und zuweilen aggressive Aneinanderreihung der emotionalen Splitter wird einem traumatischen Erleben gerecht, das sich Interpretation, mentaler Einordnung und Handhabung entzieht. Der zuweilen aufflammende Technosound trägt das Seine zur Evokation unkontrolliert aufbrechender Emotionen bei.

Ihre Hilflosigkeit wiederum setzt die Regisseurin in eindrucksvolle Bilder um. Voll bekleidet treibt sie auf dem Rücken liegend auf einer grenzenlos scheinenden Wasseroberfläche, alle Glieder von sich gestreckt. Sie gesteht, sich physischen Schmerz zu wünschen, um den physischen Schmerz zu mindern. Zu der uneingeschränkten Aufrichtigkeit, die Lubojacki als Legitimation ihres Werks benannt hatte, gehört auch, dass sie ihre eigene Einlieferung in eine psychiatrische Klinik nicht nur nicht verschweigt, sondern filmt.

Ihr Bruder schenkt ihr eine kindliche Familienskulptur. Für die verstorbenen Angehörigen hat er in seiner notdürftigen Bleibe Kerzen besorgt. Kürzlich starb ein Mann, mit dem er einen Raum teilte, in seinen Armen. Explizit gesteht David, nicht so leben zu wollen, aber nicht anders leben zu können. Dies ist seine Botschaft an seine Schwester.

Lubojacki integriert weitere Schicksale in ihr Werk. Zumindest einer der Porträtierten fand einen Ausweg. Es ist eine ältere Frau, die einen Süchtigen von der Strasse in ihre Wohnung brachte und sich liebevoll um ihn kümmerte, motiviert nicht durch Mitleid, sondern durch wirkliche Gefühle zu ihm. Ihm gelang der Ausstieg. Ihren Cousins dagegen blieb dieser Schritt verwehrt.

Gegen Ende des Filmes sieht man das Geschwisterpaar noch einmal gemeinsam mit guter Laune auf einem Open-Air-Konzert. Auch solche Momente gab es. Lubojacki lässt schliesslich ihren Bruder auf seinem Weg, weiterhin begleitet von ihrer liebevollen Zuwendung. Und zumindest eines gelang. In Pepas Familie, deren Mitglieder ihren Film zuerst sahen, spricht man nun erstmals offen miteinander und man kann sich sagen „I love you“.

Von Pepa Lubojacki; Tschechien, Slovakei; 2026; 110 Minuten.

Dieter Wieczorek, Karlovy Vary

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Dieter Wieczorek

Journaliste/Journalist (basé/based Paris-Berlin)

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