Outliving Shakespeare von Inna Sahakyan und Ruben Ghazaryan – Der Theaterraum als Revitalisierung und Konfrontation mit sich
Inna Sahakyas und Ruben Ghazaryans Werk Outliving Shakespeare beginnt mit einer Nahansicht auf gealterte Haut, es folgt das Gemälde, das den Schrei einer Frau zeigt. Wir treten ein in den Kosmos eines armenischen Altersheimes mit vielen Defekten. Bereits mit einem Rollstuhl durch die schmale Tür des Fahrstuhls zu gelangen, ist eine anstrengende Aufnahme. In anderen Räumen sind übereinander gehäufte Möbelstücke und Spinnweben zu sehen. Eine Fülle von Katzen durchstreifen das Haus, aber erstaunlicherweise findet sich auch ein Sprachroboter, der für ein Minimum an Kommunikation sorgt.
In einem abgelegenen armenischen Altersheim stehen die Uhren nicht mehr still
Der Alltag ist wenig abwechslungsreich, wäre da nicht der 66-jährige Garnik Seyranyan, der eisern seine Theatergruppe zusammenhält, bestückt aus meist über 65-Jährigen. Er konfrontiert die Heimbewohner mit nicht leicht zu bewältigenden Herausforderungen, wie nun mit der Aufführung von Schlüsselszenen aus Shakespeares Werken.

Foto mit freundlicher Genehmigung IDFA
Der während der letzten IDFA 2025 in der „Luminous“ Sektion gezeigte Dokumentarfilm porträtiert einen Mann, der festhält an seiner Aufgabe, obwohl er bei den Heimbewohnern selbst nicht immer die erwünschte Unterstützung findet, oftmals sogar verbalen Angriffen ausgesetzt ist, die fordern, sie in Ruhe zu lassen. Inna Sahakyan und Ruben Ghazaryan befragen ihn nie selbst nach seinen Motivationen, Zweifeln oder Erwartungen. Lediglich einige seiner Jugendfotos fliessen ein.
In den geschützten Raum des Heimes dringen beunruhigende Nachrichten. Radiosendungen und TV-Sendungen berichten über militärische Angriffe aserbaidschanischer Truppen auf die umzingelte Stadt Bergkarabach, die langsam ausgehungert und ausgebombt wird. Eine der Bewohnerinnen des Altersheimes, erst 50-jährig, floh von dort, will aber zurückkehren, da nur dort sie Heimat und einen Brotjob hätte, der ihrem Leben Sinn gäbe. Doch bald kehrt sie zerschlagen und traumatisiert zurück. Mit ihr verliessen an die 100 000 Menschen die Grenzstadt und flüchteten nach Armenien.
Es zeigt sich bald, dass die finale Theateraufführung weit weniger wichtig als ihre Vorbereitung. Diese geben den Teilnehmern die Möglichkeit, aus ihrer Isolation heraus zu treten und von ihrem eigenen Leben zu berichten. Dieser therapeutische Aspekt ist dominant. Die finale Aufführung selbst ist konsequenterweise nicht mehr Teil von Inna Sahakyans und Ruben Ghazaryans Werk.
Besonders Shakespeares Romeo und Julia gibt den Heimbewohnern die Möglichkeit, sich zu öffnen, den versäumten Lieben nachzugehen und die gesellschaftlichen Zwänge ihres Lebens zu reflektieren. Zu ihren persönlichen ersten Lieben während dieser Probearbeiten gefragt, lässt sich eine lebensfrohe ältere Dame hinreissen und in die Kamera flüstern. „Ich hatte 100 Liebhaber“.
Doch mehr als zu blossen Reflexionen laden die Proben ein, ihre Beziehungen untereinander zu intensivieren, was Konflikte nicht ausspart, Outliving Shakespeare zeigt unbeschönigt die privaten Dramen dieser Ereignisse neben dem Theaterraum. Diese Konfrontationen mit dem eigenen Leben verleihen Inna Sahakyan und Ruben Ghazaryan Filmtitel Outliving (Surviving!) Shakespeare, seinen tieferen Sinn jenseits einer bloss rhetorischen Figur. Ebenso klagt der eigentliche Titel des Theaterstücks Garnik Seyranyans, Shakespeare Sin, Shakespeare selbst an, in welch unerträgliche Situationen er seine Protagonisten versetzt habe, erst in seinen Stücken, nun aber auch im wirklichen Leben der Heimbewohner.
Selbst einen neu eingetroffenen, fast blinden Heimbewohner überzeugt Garnik Seyranyan in kurzer Zeit, in seinem Tarmani Theater Richard den III zu spielen, einen gealterten Charmeur konsequenterweise, die Tolle Romeos zu übernehmen.
Dramatische Ereignisse bleiben nicht aus. Einer der Mitglieder der Theatergruppe stirbt, ein anderer verlässt das Heim, um zu seiner Frau zurückzukehren, nachdem es ihm verführerisch gelungen war, eine andere Heimbewohnerin für sich zu gewinnen, die jetzt heftig unter der Trennung leidet.
Doch dies ist nur ein Moment unter anderen. Wenig darauf sieht man die Heimbewohner bei einem Strandausflug lebenslustig auf dem Sand tanzend, … soweit es ihnen möglich ist.
Die 1977 in Jerewan geborene Inna Sahakyan, war bereits 2022 Gast des Triester Festivals. In ihrem historisch dokumentarischen Animationsfilm Aurora’s Sunrise folgt sie dem Schicksal Arshaluys Mardiganian (1901-1994), die den Massakern in Armenien entfloh bis nach Hollywood, wo sie ununterbrochen an den in Vergessenheit geratenen armenischen Genozid erinnerte. Aurora’s Sunrise war 2023 Armeniens Bewerbung für den Oscar des internationalen Langfilmes. Seit 2002 arbeitet Sahakyan auch als Produzentin und Drehbuchautorin in Jerewans Bars Media Documentary Film Studio. Die Kunsthochschule absolvierte sie als geschulte Kunstkritikerin.
Ebenso in Jerewan beendete Ruben Ghazaryan sein Studium am Staatsinstitut für Theater und Kinematografie. Er arbeitete bereits als Szenograph in Aurora´s Sunrise mit Inna Sahakyan zusammen. Daneben widmet er sich dem armenischen Road TV Doc Series.
Outliving Shakespeare fügt sich überzeugend ein in die Serie genau beobachtender Dokumentationen der letzten Jahre, die sich Zeit nehmen, jenseits einer spektakulären Filmsprache, das Innenleben von Institutionen zu dokumentieren, seien es Asyls, Schulen, Gefängnisse oder Krankenhäuser. Outliving Shakespeare besondere Qualität ist es, den Zuschauer nach Armenien zu führen, in ein nicht grosszügig ausgestattetes Altersheim, zu verarmten, doch sich selbst behauptenden Bewohnern, die ihre Würde bewahrt haben und denen im Raum des Theaters die Möglichkeit gegeben wird, ihr Leben zu revitalisieren. Auch die Kamera belässt ihnen ihre Würde und vermeidet es, ihr Innenleben zu eruieren. Es bleibt bei delikaten Andeutungen.
Von Inna Sahakyan und Ruben Ghazaryan; Armenien, Niederlande; 2025; 94 Minuten.
Dieter Wieczorek
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