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SCHLiNGEL 2026 – Von preisgekrönten Animationen bis zum zypriotischen Oscar-Anwärter

Mit einem Preisregen für Le Corset (Iron Boy) endete am 10. Oktober das 31. Filmfestival für Kinder und Jugendliche „Schlingel“ in Chemnitz. Der französische Animationsfilm, beim Filmfestival in Cannes 2026 mit dem Sonderpreis der Jury in der Sektion „Un Certain Regard“ ausgezeichnet, tingelt momentan über die Festivals. In der sächsischen Metropole überzeugte er die Jury für die Kür des besten Langfilms, der ECFA (European Children’s Film Association) und der FIPRESCI.

— Le Corset (Iron Boy) von Louis Clichy
© Eddy Cinema, Beside Productions, Regular Production, France 3 Cinema, Auvergne Rhône-Alpes Cinema, RTBF

Die liebevoll animierte und zu Herzen gehende Kindheitsgeschichte des französischen Regisseurs Louis Clichy, die auch als einer der Favoriten ins Rennen um den Europäischen Filmpreis geht, wird am 21. Januar 2027 vom Neue Visionen Filmverleih unter dem englischen Titel Iron Boy in die deutschen Kinos gebracht. Es bleibt zu hoffen, dass er dank der guten Verleiharbeit von Sylvia Müller und Torsten Frehse besser läuft als Amélie et la métaphysique des tubes (Die kleine Amélie oder Der Charakter des Regens) im vergangenen Jahr.

Denn Animationsfilme jenseits von Hollywood und K-Pop haben es schwer im normalen Programm. Ein Blick in die Gänge des Cinestar in Chemnitz, wo der Schlingel seit Jahren zu Gast ist, lässt eine der Ursachen erahnen. Mit grossen Aufstellern werben die amerikanischen Mayors für ihre kommenden Kinostarts. Auch für Astérix et le Royaume de Nubie (Asterix und das Königreich Nubien) wird auf attraktivem Platz geworben. Die Reklame für Der Regenbogenfisch hängt dagegen etwas verschämt in der Ecke.

Dabei braucht sich Animation made in Germany oder Europe nicht zu verstecken und begeisterte Jung und Alt in Chemnitz. Nach der umjubelten Premiere beim Filmfestival in Zürich, zeigte der „Schlingel“ erstmals in Deutschland die Adaption des 1992 erschienen Kinderbuches von Marcus Pfister als Schweizer-deutsche Koproduktion. Regisseur Florian Moch setzt bei der Umsetzung der Geschichte des schillernden Regenbogenfisches, der eine seiner glänzenden Schuppen verliert und bei der Suche in die Tiefsee abtaucht, auf eine uralte Technik, die im Film beinahe in Vergessenheit geraten ist: In Zusammenarbeit mit der legendären Augsburger Puppenkiste belebt er den Marionettenfilm neu. Der Film für die kleinsten Zuschauer und alle Junggebliebenen startet am 19. November 2026 im Kino.

Bis zum 1. Januar 2027 muss das Publikum noch auf Das Neinhorn warten. Die Geschichte des bockigen kleinen Einhorns, das der quietschbunten Zuckerwattewelt seiner Familie entflieht und auf seiner Reise nach Nirgends entdeckt, dass er nicht der einzige Aufmüpfige ist, feierte in Chemnitz seine umjubelte Weltpremiere in Anwesenheit der Synchronsprecherinnen Nora Tschirner und Karoline Herfurth sowie Marc-Uwe Kling. Der Autor übernahm selbst die Regie bei dem Animationsfilm, der mit dem aus der Vorlage übernommenen bissig-anarchischen Grundton die Lachmuskeln aller Generationen reizt.

Das Licht der Filmwelt erblickte auch der Animationsfilm Mo und die Piraten – Die Legende vom roten Rubin in Chemnitz. Regisseur Florian Westermann erzählt das Märchen des Waisenmädchens Mo, das auf einem Piratenschiff bei Käpt’n Klaas aufwächst. Eines Tages wird sie von der Konkurrenz entführt, um Klaas das Geheimnis rund um einen legendären Rubin zu entlocken, der unendliche Reichtümer verspricht. Leider stimmt bei der ersten Vorführung für Schulklassen der Ton im Cinestar nicht, was das Kinoerlebnis für die Grundschüler erheblich beeinträchtige. Das ist schade, denn der Animationsfilm kann eigentlich technisch mit der Konkurrenz mithalten.

Zur Eröffnung des Festivals wurde Sammy und Frida – Chaos mit Sense nach der erfolgreichen Uraufführung beim Festival in Giffoni präsentiert. Der Film von Katja Benrath für Zuschauer ab zehn folgt einem Trend: Phantasy-Elemente werden geschickt in die Handlung eingebaut, um die Heranwachsenden mit ernsten Themen unterhaltsam zu konfrontieren. In diesem Fall mit dem Tod, oder besser der Sensenfrau, so viel Gleichberechtigung muss sein. Sie braucht auch Nachwuchs. Die Azubi wird zum elfjährigen Sammy geschickt, den eine Immunschwäche bis dato ans Krankenhaus gefesselt hatte. Jetzt ist er genesen und muss lernen, mit dem Alltag umzugehen. Wobei ihm der Nachwuchstod – oder sagt man neudeutsch Tödin – ständig auf den Fersen ist.

Mit typisch britischem, in diesem Fall schottischem Humor würzt John McPhail seine märchenhafte Story um die einsame, aufmüpfige Charlie in Grow (Volle Kanne Kürbis!). Das Waisenmädchen wird vom Jugendamt auf den Hof ihrer grimmigen Tante verfrachtet. Dort entdeckt sie, dass sie ein Händchen bzw. ein Ohr für Pflanzen hat. Zum Schrecken der Gemeinde und ihrer Tante setzt sie sich in den Kopf, den jährlichen Contest um den gewichtigsten Kürbis zu gewinnen.

Aus einem Waisenhaus haut auch die zehnjährige Lou ab, um an einem Fischereiwettbewerb im Dorf ihrer Eltern teilzunehmen. Beim Trampen trifft sie in dem für die Altersgruppe zwischen zehn und 14 konzipierten spanischen Film Leo & Lou den beruflich und privat gescheiterten Mitvierziger Leo. Die Fahrt an die Küste wird für ihn zum Wiedersehen mit seinem Vater, den er vor Jahren im Streit verlassen hatte.

Der Film gehörte zu den Geheimtipps unter den Fachbesuchern, andere Titel konnten jedoch nicht ganz überzeugen, auch wenn sie hoch gehandelt und sogar ausgezeichnet wurden. Dazu gehört sicher Nipster von Sunniva Eir Tangvik Kveum aus Schweden für Menschen ab 14. Nipster steht für Nazi Hipster, womit angedeutet wird, wohin die Reise der siebzehnjährigen Chris geht. Ihre Mutter vermutet sie in einem Camp für Ökologiebewahrer. Hinter der Organisation steht allerdings eine radikale Gruppe von Umweltschützern, die vorgibt, den schwedischen Wald zu retten, und gleichzeitig rassistisches Gedankengut ausleben. Ihre Ideologie trifft bei Chris auf guten Nährboden – eine Schülerin mit Migrationshintergrund hatte geschummelt, und sie so um die Ferien mit ihrem geliebten Pferd gebracht. Die einfache Vermischung und Gleichsetzung von radikalen Ökos – man denke an die Klimakleber – und den rassistischen Angriffen auf Migranten verursacht schon einige inhaltliche Bauchschmerzen. Auch wenn natürlich die zentrale Frage im Raum steht, wann und inwieweit ziviler Ungehorsam in Gewalt umschlagen darf, und ob sie überhaupt gerechtfertigt ist.

— Maria Petrova et Christos Passalis – Krata Me (Gib mir Halt)
© Keti Papadima

Zur grossen Überraschung wurde für mich unter den 196 Titel des umfangreichen Programms ein Film aus Zypern, mit dem die Insel erstmals in ihrer Geschichte ins Oscar-Rennen geht. Krata Me (Gib mir Halt/Hold Onto Me) von Myrsini Aristidou erkundet einfühlsam die Gefühle der elfjährigen Iris, die mit ihrem jüngeren Bruder alleine mit der Mutter lebt. Bei der Beisetzung des Grossvaters taucht der Vater wieder auf, der sich sein Leben mit kriminellen Geschäften verdient. Beide nähern sich emotional wieder aneinander an.

Niemand muss allerdings Prophet sein, um zu wissen, dass der Film kaum eine Chance hat, unter die besten neun nicht-englischsprachigen Filme bei den Oscars zu kommen. Viel zu gering ist das Werbebudget, das Zypern aufbringen kann, um in Hollywood und weltweit die Werbetrommel zu rühren. Etwas besser sieht es bei den Europäischen Filmpreisen aus, wo der Film zu den Favoriten zählen dürfte.

Hier die französische Kritik zu Le Corset und das Interview mit Louis Clichy von Malik Berkati lesen

Katharina Dockhorn, Chemnitz

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Katharina Dockhorn

Journaliste / Journalistin (basée/based Berlin)

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