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Schweizer Filmpreis 2026: Ordnung, Druck und der Mensch im Alltag

Bei der Verleihung des Schweizer Filmpreises der Swiss Film Academy in Zürich zeichnete sich in diesem Jahr ein klares Bild des Schweizer Kinos ab. Heldin von Petra Volpe wurde als bester Spielfilm ausgezeichnet. Während Bagger Drama von Piet Baumgartner die Preise für die besten Darsteller (Phil Hayes und Bettina Stucky) erhielt und À bras-le-corps von Marie-Elsa Sgualdo in der Kategorie Kamera (Benoit Dervaux) hervorstach, setzte I Love You, I Leave You von Moris Freiburghaus im Dokumentarfilm eigene Akzente. Die Ehrung von Villi Hermann erinnerte daran, dass die genaue, gesellschaftlich wache Beobachtung im Schweizer Kino eine lange Tradition hat—wie schon in seinem Film Bankomatt, der die Beziehung zwischen Mensch und ökonomischen Strukturen thematisierte.

— Petra Volpe mit dem Quartz für den besten Spielfilm 2026: Heldin
Foto mit freundlicher Genehmigung Schweizer Filmpreis

Heldin wirkt weniger wie ein einzelner Gewinner, sondern wie eine Verdichtung dieser Tradition—ein Film des Beobachtens, des Ausharrens, des Verweilens in einer Situation.

Der Film beginnt mit einem Bild, das hängen bleibt: Pflegeuniformen in einer industriellen Wäscherei, geordnet, gleichmässig, in endloser Bewegung. Dieses Bild ist mehr als ein Auftakt; es definiert die Welt, in der die Geschichte spielt—eine Welt, in der Ordnung nicht eine Wahl, sondern eine Voraussetzung ist.

Die Kamera folgt der Hauptfigur, einer Krankenschwester (Leonie Benesch), durch ihren Arbeitstag: von Raum zu Raum, von Aufgabe zu Aufgabe. Es geschehen keine spektakulären Ereignisse—alles passiert in der Wiederholung. Der Druck entsteht aus dieser Struktur selbst, aus einer Ordnung, die alles tragen soll, selbst wenn sie den Einzelnen erschöpft.

Eine leise, aber bleibende Frage taucht auf: Ist diese Arbeit Ausdruck von Interesse und Berufung oder Ergebnis ökonomischer Notwendigkeit? In einem Land wie Switzerland, das nach aussen als Modell von Stabilität wirkt, müssen Menschen oft ihre Fähigkeiten und ihren Körper an die Anforderungen des Systems anpassen, statt ihren eigenen Neigungen zu folgen. Diese Frage bleibt unausgesprochen, ist aber spürbar.

Die Figur brodelt innerlich, ohne je überzukochen. Sie lächelt, arbeitet weiter und hält sich im Gleichgewicht. Selbst ein möglicher Zusammenbruch scheint kontrolliert zu sein. In diesem Moment lässt sich ein Gedanke an Michel Foucault, den französischen Philosophen, nicht vermeiden, der erklärte, wie sich gesellschaftliche Ordnung im Körper einschreibt und Menschen Selbstdisziplin erlernen.

Die Darstellerin bewegt sich genau an dieser Grenze: kein Ausbruch, keine Überzeichnung. Müdigkeit ist sichtbar, aber gebändigt; Druck spürbar, aber kontrolliert. Diese Zurückhaltung formt die Figur—einen Menschen, der mehr erträgt, als er zeigt.

Trotzdem wahrt der Film Distanz. Der Druck ist sichtbar, aber nicht vollständig erfahrbar. Die Wiederholung, die anfangs Stärke ist, wird stellenweise zur Begrenzung—der Film beobachtet mehr, als dass er tief eindringt.

Heldin zeigt ein System, das funktioniert—präzise, effizient, stabil—und gleichzeitig die Last auf den Einzelnen verlagert. Der Film zeigt dies klar, öffnet es aber nur bedingt zu einem inneren Drama.

Am Ende geht es um einen Menschen, der weder die Welt verändert noch ihr entkommt; er macht einfach weiter. Und vielleicht ist genau das ein realistisches Bild des modernen Menschen in scheinbar perfekten Welten: ein Ort, an dem alles funktioniert—ausser dem, was im Inneren des Menschen langsam ausser Kraft gerät.

Hier die Kritik von Heldin und das Interview mit Petra Volpe (auf Französisch) von Malik Berkati.

Majid Movasseghi

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Majid Movasseghi

Critique de cinéma et réalisateur/Film Critic & Filmmaker (basé/based Zurich)

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