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Active Vocabulary – Politische Indoktrination an Schulen im Vergleich

Yulia Lokshinas in Leipzig mit dem Hauptpreis der Deutschen Sektion preisgekrönte Dokumentarfilm Active Vocabulary beginnt in der Region Moskaus Mitte Februar 2022 mit einer Szene des aktiven Widerstandes einer kleinen Menschengruppe gegen die Rodung einer grossen geschützten Waldfläche. Besonders eine unter ihnen, eine Frau mit Plastiktüten an den Füssen, wirft den schlecht bezahlten Arbeitern, die offensichtlich aus entfernten Regionen stammen und kaum informiert sind, die Zerstörung ihres einheimischen Landes vor. Sie versucht, sie imaginieren zu lassen, es handele sich um ihr eigens Land.

Active Vocabulary von Yulia Lokshina
Foto mit freundlicher Genehmigung DOK Leipzig

In einer Parallelaktion folgt Yulia Lokshina einer russischen Lehrerin, die in Deutschland nach Asyl anfragte, nachdem sie in Russland als Faschistin angeklagt wurde, da sie es wagte, den Ukrainekrieg infrage zu stellen. In Berlin bekommt sie die Möglichkeit, weiter zu unterrichten. Mit ihren Schülern spielt sie Schlüsselszenen der Verleumdungsaktion gegen sie nach. In Russland nutzen Eltern einer Schülerin die Tonaufnahme ihrer Tochter, die ihre Zweifel an der russischen Invasionspolitik aufgezeichnet hatte.

Satellitenbilder sowie abstrahierende 3D-Animationen der Aktionsorte bieten einen ästhetischen Rahmen, um die Sequenzen und Handlungsorte miteinander zu verbinden. Sie schaffen Abstand wie zugleich die Intensivierung einer latenten Furcht, mit dauernder Beobachtung konfrontiert zu sein.

Yulia Lokshina fokussiert anlässlich Marias Geschichte auf die politische Indoktrination in russischen Schulen, die mit der beginnenden Invasion sich ständig verstärkte. Mehr und mehr Tage wurden zu Momenten ritualisierter nationalen Propaganda transformiert. Lehrer werden zu Schulungen gezwungen, die ihnen ihre nationalen Pflichten erklären. Ein Lehrer motiviert seine Schüler, sich als Soldaten zu verdingen. Sie alle kommen nach kurzer Zeit ums Leben.

Doch auch das Schulmodell der BRD und darauf des vereinten Deutschland ab den 70er Jahren ist nicht unproblematisch. Zwar gibt es eine Regel, jedoch kein formales Gesetz, dass Schüler politisch nicht infiltriert werden dürfen, um ihre eigene Meinungs- und Denkfreiheit zu behalten, faktisch wird sie jedoch weit mehr dazu genutzt, linksradikale Lehrer zu entlassen, als sich gegen die nach wie vor im Amt befindenden ehemaligen NSDAP-Lehrkräfte zu richten. Was ist normal? Wo beginnt die Indoktrination? Lokshinas Werk stellt diese Frage offen und lässt sie offen.

Die Frage nach der Differenz zwischen Information und Indoktrination vor allem in Schulen ist eine Schlüsselfrage für die Konsistenz von Demokratien. Die Schulung, Fragen zu stellen, die Schulung der Infragestellung als Unterrichtsfach wäre essenziell, gerade in Zeiten, wo die Fähigkeit zum kritischen Denken permanent abnimmt und junge Menschen in TikTok-Weise mit aus Informationen zugedeckt werden, ohne die Fähigkeit zu haben, diese in Kontexte einzuordnen und die Quellen und Interessen dieser „Informationen“ in Frage zu stellen. Als Folge sehen wir unsere Gesellschaften sich immer mehr in Gruppen parzellieren und abkapseln, die von Facebook und anderen Social Media immer perfekter nur mit dem versorgt werden, was sie hören wollen. Der Dialog, Fundament jeder funktionierenden Demokratie, wird derart von innen heraus ausgehöhlt. Eine Schulung der Infragestellung, wie es die Essenz des nun meist abgeschafften Unterrichtsfaches Philosophie ist, gäbe den Jugendlichen nicht zur eine Residenzfolie gegen ihre Lehrer, sondern ebenso gegen ihre Eltern und dominanten Freunde.

Indoktrination an russischen Schulen war Thema bereits in dem letzten Sundance Film Festival. In David Borenstein and Pavel Talankin’s documentary Mr. Nobody Against Putin dokumentiert die Beobachtung eines russischen Lehrers über zwei Jahre hinweg, der heimlich filmte, zu welchen Massnahmen und Aussagen er gezwungen wird. Ideologischer Patriotismus führt auch zum historical revisionism. Selbst das Filmen des Unterrichts zu Kontrollzwecken setzte ein. Integriert in den Unterricht wurde dagegen eine Militärschulung.

Die Indoktrination Jugendlicher hört natürlich nicht am Schultor auf. In europäischen Staaten begann seit der russischen Invasion ebenfalls eine Glorifizierungskampagne für den Militärdienst. Studien zeigen, dass Jugendliche vor allem sich hier verdingen, um einen Sinn in ihrem Leben zu finden. Hier zeigt sich erneut ein eklatanteres Versagen der Schulen. Alternative Lebens- und Sinnmodelle zu diskutieren, wäre ein substanzielles Unterrichtsfach.

Mehrfach kehrt die Kamera zur vereinzelten Widerstandskämpferin gegen die Waldrodung zurück. Sie hört Sprüche wie, sie solle sich doch an Putin wenden, oder ob sie eine Revolutionärin sei. Doch unbeirrt lässt sie sich nicht einschüchtern und schreckt auch nicht zurück, den Strom einer Motorsäge zu kappen. Schliesslich zeigen sich selbst einige der Arbeiter, die niemals in diese lokalen Konflikte eingeweiht worden waren, bereit, ihre Arbeit zumindest zu unterbrechen. Doch es bleibt klar, am nächsten Tag werden andere Arbeiter kommen, besser gerüstet. Ein Teil dieser verarmten Arbeiter, die nicht einmal angemessenes Schuhzeug für ihre Arbeit haben, werden den bald auf ihren Bussen geschriebenen Einladungen folgen, sich als Frontsoldaten zu verdingen und auf diese Weise die russische Nationalität beantragen zu können.

Einige der Aufnahmen aus dem Alltagsleben der Schulklasse in Active Vocabulary erscheinen wenig signifikant und geben dem Film eine unnötige Länge. Dagegen wirkt das Found Footage einer Tonaufnahme einer anderen russischen Lehrerin, die Ideologeme über Faschisten in der Ukraine indoktriniert, als ein substanzielles Klemmt in Lokshinas Werk.

Von Yulia Lokshina; Deutschland; 2025; 82 Minuten.

Dieter Wieczorek, Leipzig

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Dieter Wieczorek

Journaliste/Journalist (basé/based Paris-Berlin)

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