AFRIKAMERA 2026: REFLECT – Afrikanisches Kino zwischen Kolonialgeschichte, Klimawandel und Umweltgerechtigkeit
Das Festival AFRIKAMERA – Aktuelles Kino aus Afrika findet vom 9. bis 15. November 2026 in Berlin statt. Unter dem Schwerpunkt REFLECT widmet es sich Filmen und Veranstaltungen rund um die Themen Kolonialismus, Klimawandel, Ressourcen und Umweltgerechtigkeit.

Bild mit freundlicher Genehmigung AFRIKAMERA
Seit 19 Jahren rückt Afrikamera das afrikanische Kino während einer Woche mit einem hochkarätigen internationalen Festival in den Mittelpunkt der Berliner Kinolandschaft. Das afrikanische Filmschaffen ist im Globalen Norden auch im Jahr 2026 noch immer weitgehend unbekannt und oft auf Festivals beschränkt; selbst herausragende Festivals wie die Berlinale, die Mostra in Venedig, Locarno oder Cannes tun sich schwer damit, den Filmen den Weg durch das Labyrinth des Verleihwesens zu ebnen. Dabei ist es nicht nur aus kultureller, sondern auch aus politischer Sicht bedeutsam, die Qualität und die eigenständige Perspektive dieser Filme sichtbar zu machen: Die Darstellung des afrikanischen Kontinents war lange Zeit vom Blick der ehemaligen Kolonialmächte und einer westlichen Perspektive geprägt. Die Sichtweise afrikanischer Filmschaffender auf ihre eigene Geschichte, ihren Alltag und ihre Konflikte wurde lange Zeit unsichtbar gemacht. Mittlerweile wollen immer mehr Künstlerinnen und Künstler aus diesem toten Winkel heraustreten und ihre eigenen Geschichten selbst erzählen. In dieser Hinsicht ist Afrikamera ein wertvolles Sprachrohr.
Die diesjährige Ausgabe steht unter dem Titel AFRIKAMERA 2026: REFLECT und ist Teil des vierteiligen Schwerpunkts BELIEVE, CHANGE, REFLECT und CREATE, mit dem das Festival von 2024 bis 2027 gesellschaftliche und politische Fragen rund um Afrikas Gegenwart und Zukunft beleuchtet.
Im Zentrum steht dieses Jahr die Auseinandersetzung mit den Folgen von Kolonialismus, Klimawandel und Ressourcenkonflikten. Die Filme fragen unter anderem, was verloren geht, wenn Land vor allem als Rohstoffquelle betrachtet wird. Daneben rücken mehrere Filme lokale Umweltaktivist:innen und ihren Einsatz für den Schutz der natürlichen Lebensgrundlagen in den Mittelpunkt. Auch das Verhältnis zwischen Mensch, Natur und Spiritualität wird thematisiert.
Eröffnet wird das Festival am 9. November mit Ben’imana (Les enfants de Dieu) von Marie-Clémentine Dusabejambo. Der Film spielt 2012 in Kibeho, Ruanda, und begleitet Vénéranda, die fast zwanzig Jahre nach dem Völkermord an den Tutsi Frauen im Versöhnungsprozess unterstützt. Als ihre Tochter unerwartet schwanger wird, muss sie sich auch mit den Wunden ihrer eigenen Vergangenheit auseinandersetzen. Der in Kinyarwanda gedrehte Film wurde in Cannes in der Sektion Un Certain Regard als bestes Erstlingswerk ausgezeichnet; Ruanda hat ihn zudem als Beitrag in der Kategorie «Bester internationaler Film» für die Oscars 2027 eingereicht. Im Anschluss an die Vorstellung findet ein Gespräch mit der Produzentin Samantha Biffot statt.
Am 10. und 11. November ist der dreiteilige Dokumentarfilmessay L’arbre de l’authenticité (The Tree of Authenticity) von Sammy Baloji zu sehen. Der kongolesische Fotograf und Videokünstler erzählt von der ökologischen Zerstörung, die während der belgischen Kolonialzeit ihren Anfang nahm, und von ihren bis heute spürbaren Folgen für die Umwelt in der Demokratischen Republik Kongo und darüber hinaus für das globale Klima. Am 11. November findet ein Filmgespräch statt.
Mit One Woman One Bra von Vincho Nchogu steht am 12. November ein Spielfilmdebüt auf dem Programm, das zwischen Drama und schwarzer Komödie changiert. Im kenianischen Dorf Sayit erhalten Bewohner:innen erstmals offizielle Dokumente über ihren Landbesitz. Für die Waise Star wird der Moment jedoch zum Problem: Ihre Abstammung ist unbekannt, ihr Geld reicht nicht für den Landkauf, und sie ist unverheiratet. Der Film hinterfragt den «White Saviorism» internationaler NGOs – die oft herablassende Haltung meist westlicher Akteure, die marginalisierte Gruppen oder Menschen in Not ohne deren Mitbestimmung zu «retten» versuchen – sowie die patriarchalen Machtstrukturen. Kenia hat den Film zudem als Beitrag für die Oscar-Kategorie «Bester internationaler Film» 2027 eingereicht.

© Muhammad A. Ahmed
Ebenfalls am 10. und zusätzlich am 14. November läuft Congo Boy von Rafiki Fariala, ein Musikdrama über den 17-jährigen Robert in Bangui. Der Film feierte seine Premiere in Cannes in der Sektion Un Certain Regard, wo sein Hauptdarsteller Bradley Fiomona Dembeasset mit dem Preis für die beste männliche Darstellung ausgezeichnet wurde. Zudem wurde er in Locarno in der prestigeträchtigen Sektion Piazza Grande gezeigt. Robert träumt von einer Karriere als Rapper, muss sich aber als ältester Sohn allein um seine vier jüngeren Geschwister kümmern, während seine Eltern im Gefängnis sitzen. Als er von einem Musikwettbewerb erfährt, wird der Gewinn des ersten Preises für ihn zur grössten Hoffnung. Nach der Vorstellung am 10. November beantwortet der Regisseur Fragen des Publikums.
Am 13. November zeigt das Festival The Fisherman von Zoey Martinson. Die Komödie spielt in einem ghanaischen Küstendorf, in dem der Fischer Atta Oko nach seiner erzwungenen Pensionierung einen sprechenden Fisch in seinem Netz findet. Gemeinsam mit drei Geschäftspartner:innen reist er nach Accra, um einen Kredit für den Kauf eines eigenen Bootes zu erhalten. Mit magischem Realismus erzählt der Film vom Kampf traditioneller Fischer gegen Umweltzerstörung und Vertreibung. The Fisherman war Ghanas erster offizieller Beitrag im Wettbewerb der Filmfestspiele von Venedig.
Begleitprogramm im Miss Read Space
Im Berliner Wedding wird der Miss Read Space während der Festivalwoche zum zentralen Begegnungsort. Dort zeigt AFRIKAMERA die Ausstellung Sacred: Human, Animal and Plant des burkinischen Künstlers Nyaba Léon Ouedraogo. Seine Fotografien erkunden die Verbindung zwischen Mensch, Tier, Natur und Spiritualität; die heiligen Krokodile von Bazoulé stehen dabei für Erinnerung, Überlieferung und die Fragilität ökologischer Gleichgewichte.
Ausserdem ist der 360°-Dokumentarfilm Water & Coltan von Daniel Kötter, Yasmine Bisimwa, Olande Byamungu und Christian Muhigwa zu sehen. Das zweiteilige Werk verbindet Zukunftsszenarien für das ehemalige Kohleabbaugebiet an der Ruhr mit den Schauplätzen des Kampfes von Frauen in handwerklichen Coltan-Abbaucamps in Süd-Kivu. Es untersucht die extraktivistische Nutzung natürlicher und menschlicher Ressourcen und ihre langfristigen Folgen für Umwelt und Gesellschaft. Ein Artist Talk mit Daniel Kötter und Olande Byamungu begleitet die Vorstellung.
Unter dem Titel Warum ist der Kongo nicht das reichste Land der Welt? findet zudem ein Gespräch mit der Aktivistin und Juristin Olande Byamungu statt, moderiert von Dr. Daniel Tödt von der Deutschen Afrika Stiftung. Diskutiert werden die anhaltenden Konflikte um Rohstoffe wie Kobalt, Coltan, Lithium, Kupfer, Zinn und Mangan sowie ihre Auswirkungen auf die kongolesische Gesellschaft.
AFRIKAMERA – Aktuelles Kino aus Afrika ist eine Initiative des Vereins toucouleur e.V., eines Zusammenschlusses deutscher und afrikanischer Kulturschaffender. Das seit 2008 in Berlin stattfindende Festival versteht sich als Plattform für das zeitgenössische afrikanische Kino und kooperiert unter anderem mit bedeutenden afrikanischen Filmfestivals von Marrakesch bis Durban. Die Schirmherrschaft hat Dr. Uschi Eid inne.
Weitere Informationen: https://www.afrikamera.de/
Malik Berkati
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