JFBB – Jüdisches Filmfestival Berlin Brandenburg 2026 : Filme gegen das Vergessen und andere Befindlichkeiten
Auch in seinem 32. Jahr bietet das JFBB wieder eine grosse Anzahl von Spiel- und Dokumentarfilmen, Lang- und Kurzfilmen, in denen das Thema jüdisches Leben in verschiedensten Facetten gezeigt wird. Vom 5. bis zum 10.5. in verschiedenen Kinos in Berlin (Festivalzentrum ist das Berliner Filmkunst 66, aber auch im Moviemento, im Krokodil und im Bundesplatzkino) und Brandenburg (im Filmmuseum Potsdam und dem Thalia Potsdam), sowie anderen Spielstätten. Das Programm des grössten jüdischen Filmfestivals Europas wurde wieder von den Programmchefs Bernd Buder und Lea Wohl von Haselberg mit ihrem Team sorgfältig ausgewählt, unterteilt wie immer in die zwei Wettbewerbe Spielfilm und Dokumentarfilm, sowie mehrere Sondersektionen.

Im Spielfilmwettbewerb gibt es 10 Langfilme aus diversen Ländern
Grosse Bekanntheit hat bereits Orphan von Laszlo Nemes aus Ungarn, der in Venedig im Wettbewerb lief. Nemes, der mit seinem sehr realistischen, radikalen Konzentrationslagerfilm Son of Saul bekannt wurde, in dem er einen Sonderkommando-Häftling in Auschwitz begleitet (auch der läuft nochmal im Programm), zeigt hier die Geschichte des Jungen Andor. Der glaubt, dass er der Sohn eines jüdischen Vaters ist, der im Krieg verschollen ist. Doch als sein wirklicher Vater, ein brutaler Schlachter, wieder auftaucht, will er dem nicht glauben und beginnt ihn zu bekämpfen. Der Film ist ab 14.5. unter dem Titel Andor Hirsch auch regulär im Kino zu sehen.
Some Notes On The Current Situation ist ein ungewöhnlicher Film in der Filmografie des israelischen Regisseurs Eran Kolirin. Hier gibt es keine durchgehende Handlung, sondern Episoden, die alle den Zustand des heutigen Israel nach dem 7. Oktober zeigen sollen. Das ist Satire, aber vor allem auch sehr absurd. Gibt es am Anfang noch Szenen wie eine Militärübung, die in eine Art Musicalnummer mündet, aber mit der Erschiessung einer Widerspenstigen endet, gibt es später auch das Tunnelgraben für eine eventuelle Alienlandung, bei der die Hausbesitzerin den Arbeitern die Geschichte eines Lastwagenfahrers erzählt, der Kunstschnee an den Drehort eines Films liefern soll. Dieses ist dann die nächste Episode, bei der klar wird, dass der Fahrer und seine Begleiterin Zeitreisende sind. Und die letzte Episode ist dann der Film, für den der Schnee gedacht ist. Dies ist dann endgültig eine Hommage an alte jüdische Filme. Auch einige der Schauspieler tauchen in verschiedenen Szenen erneut auf, aber in anderen Rollen. Sehr schräg.
The Safe House des Schweizers Lionel Baier war einer der unterschätzten Filme im Wettbewerb der Berlinale 2025. Christophe ist ein 9-jähriger Junge, der im Pariser Haus seiner Grosseltern lebt. Es ist 1968 und Paris ist ein Ort der Kämpfe. Gibt es doch Studentenrevolte und Generalstreik. Und auch die Polizei schlägt böse zurück. Die Eltern sind nie zu Hause, sie sind immer bei den Demonstrationen. Mit in der Wohnung sind zwei Onkel, ein bildender Künstler und ein junger Intellektueller, sowie seine alte Tante aus Odessa. Da prallen die Meinungen aufeinander und es kommt vieles aus der Vergangenheit zu Tage. Ein sehr unterhaltsamer Film, der auf der eigenen Jugend des Autors Christophe Boltanski basiert.
Where To ? von Assaf Machnes spielt auf den nächtlichen Strassen Berlins. Da ist Hassan, palästinensischer Familienvater, der mit Taxifahren seinen Lebensunterhalt verdient, aber seiner ersten großen Liebe hinterher weint, und sie manchmal auf ihrem Balkon beobachtet. Als er einen queeren israelischen Fahrgast im Taxi hat, der wild mit seinem Freund knutscht, ist er zunächst nicht sehr begeistert. Doch als er ihn wieder fährt, merkt er, dass sie viel gemeinsam haben, und er wird ihn noch öfter fahren. Ein Kammerspiel um zwei Personen unterschiedlicher Herkunft, die sich annähern.
Der Dokumentarfilmwettbewerb besteht aus 9 unterschiedlichen Beiträgen
Die litauische Regisseurin Giedre Zickyte porträtiert in ihrem Film A Goodnight Kiss die den Holocaust überlebende Humanistin, Literatur- und Theaterwissenschaftlerin Irena Versaite. Sie verstarb mit 92 Jahren, während der Film in Produktion war. Aus den bereits existierenden Interviews, Statements von Freunden und Wegbegleitern und viel originalem Archivmaterial entsteht so ein faszinierendes Porträt. Irene war befreundet mit Arvo Pärt, dem bekannten estnischen Komponisten. So erfährt man auch, wer Alina war, der er ein bekanntes Klavierstück widmete.
Holofiction von Michal Kosakowski ist ein Stück Fleissarbeit. Der Regisseur montierte seinen Film aus tausenden Filmausschnitten aus Filmen, die mit der Shoah zu tun haben. Dies sind Filme, die in Konzentrationslagern spielen, aber auch Filme oder Serienfolgen, in denen Nazis eine Rolle spielen. So gibt es unter vielen anderen auch Stücke von Cabaret oder StarTrek (Raumschiff Enterprise) im Film. Geordnet nach Themenkomplexen wie Wasserkessel, tätowierte Kz-Nummern oder Nazimärsche gibt dies einen guten Überblick über das, was im Allgemeinen in diesen Filmen gezeigt wird und wie sehr sich viele gleichen. Das offenbart, was im kollektiven Gedächtnis hängen bleibt. Allerdings hat der Film auch ein Manko: Wenn man versucht, bei jedem Film die Einblendung zu lesen, um welchen Film es sich handelt. Man hat bei der Schnelligkeit der wechselnden Ausschnitte keine Chance, viel von den Bildern zu sehen. Da am Schluss eine lange Liste gezeigt wird, aus welchen Filmen die Ausschnitte stammen, ist es besser, sich auf die Bilder zu konzentrieren.
In Out of Order zeigt Rani Saar die private Trauerbewältigung von Noga Friedman. Am 7.Oktober wurde ihr Mann, ein israelischer Soldat von der Hamas, ermordet. Nun alleine mit ihren drei kleinen Kindern findet sie einen Weg, sich mit ihrer Trauer und den alltäglichen Problemen auseinanderzusetzen. Sie filmte ein Jahr lang sich selbst und schuf damit eine Art Trauertagebuch. Auch Tanzszenen, Gesangsauftritte und private Bilder mit ihrem Mann wurden in den Film eingefügt. Der Film ist nahegehend, aber auch über weite Strecken schwer zu ertragen.
Reward For The Rain von Barbara Bernath aus Ungarn ist das Porträt der Holocaust-Überlebenden Eva Fahidi, die mit 98 noch einmal in ihre schwere Vergangenheit zurückkehrt und für einen VR-Film für Schüler sogar vor der Kamera steht. Der Film zeigt die Geschichte der ungarischen Jüdinnen und Juden. Gleichzeitig ist der Film aber auch eine Liebesgeschichte. Mit 91 hatte sich Eva in den acht Jahre jüngeren Bandi verliebt und bis zu ihrem Tod 2023 glücklich mit ihm zusammengelebt. Eine wichtige Würdigung einer Zeitzeugin und gleichzeitig eine sympathische Liebesgeschichte.
Mit The Stamp Thief ist der wohl unterhaltsamste und spannendste Dokumentarfilm im Programm. Regisseur Dan Sturman erfährt durch einen befreundeten Autor von einem Feuerwehrmann, der durch seine Frau erfahren hat, das deren Grossvater, ein Nazioffizier im Krieg und Briefmarkensammler, Briefmarken von verhafteten Juden gestohlen hat. Diese hat er in seinem polnischen Wohnhaus irgendwo im Keller versteckt und konnte sie, weil er nicht mehr nach Polen einreisen durfte, nicht ausgraben. Die Freunde wollen nun nach Polen reisen, wo sie in dem Haus angeblich einen Spielfilm drehen wollen. Sie wollen in Wirklichkeit einen Dokumentarfilm drehen und die Marken den früheren Besitzern zurückgeben. Doch alle Grabungsversuche enden im Nichts. Als man später mit Hilfe von seinen Nachkommen und seiner Frau herausfindet, wo sie wirklich begraben sein müssten, fahren sie erneut nach Polen und sagen den Hausbewohnern die Wahrheit. Doch der Judenhass und die Geldgier der meisten Hausbewohner verhindern dies. Ein faszinierender Dokumentarfilm, der zeigt, wie stark die Vorurteile gegen Juden in Polen immer noch sind.
In Kino Fermished, quasi dem Panorama des JFBB, laufen wie in jedem Jahr Filme, die grösstenteils schon zu sehen waren, aber mehr Aufmerksamkeit verdient hätten.
The Last Spy von Katharina Otto-Bernstein zeigt den 102-jährigen Geheimdienstler Peter Sichel, der sich von vielen Dokumentaraufnahmen begleitet an die Zeiten von Nazi-Deutschland bis zum Kalten Krieg erinnert. Fasziniert und erhellend.
The Vanishing Soldier von Dani Rosenberg erzählt vom 18-jährigen Soldaten, der Fahnenflucht begeht, um seine Freundin zu besuchen und versehentlich für einen im Krieg Entführten gehalten wird.
Neu ist der Film Salomea von Miriam Pfeiffer. Die faszinierende Geschichte der Salomea Genin, die mit ihren Eltern nach Australien emigrierte und nach Berlin zurückkehrte. In West-Berlin fühlte sie sich nicht wohl und liess sich von der Stasi anwerben, um die Genehmigung zu bekommen, in Ost-Berlin zu leben. Sie spionierte viele Leute im Westen aus, durfte dann in den Osten und wurde weiter von der Stasi benutzt. Sie liess das zu, weil sie als überzeugte Kommunistin die DDR mit aufbauen wollte. Doch sie bemerkte immer mehr, dass sie nur benutzt wurde und die DDR auch nicht das Land wird, welches sie wollte, sondern immer mehr ein Polizeistaat. Und sie half dabei mit, was sie bereute. Auch hatte die Stasi viel von ihr Geliefertes angezweifelt, weil man Skepsis gegenüber Juden hatte.
Als Sondervorführung läuft Vor der Morgenröte von Maria Schrader über Stefan Zweig im Exil mit anschließendem Gespräch mit der diesjährigen Patin des Festivals. 80 Jahre CC-Studios werden mit zwei von Artur Brauners Produktionen geehrt: Mensch und Bestie und Der Daunenträger. Filme wie Son of Saul oder Dr. Strangelove oder wie ich lernte die Bombe zu lieben von Stanley Kubrick sind ebenso im Programm.
Als Sonderprogramm läuft The Other Israel. Filme des gleichnamigen New Yorker Festivals, das sich mit der Situation in Israel beschäftigt:
Hier läuft On Thin Ice von Udi Kalinsky und Irit Hod. Aya ist eine 19-jährige Eishockeyspielerin, die in die Israel-Mannschaft aufgenommen werden soll. Doch sie ist Drusin, eine Minderheitengruppe auf den Golanhöhen, die früher zu Syrien gehörte. Um ins Nationalteam zu kommen, muss sie jedoch den israelischen Pass besitzen. Doch ihre Familie ist dagegen. Sie wäre dann verfemt und würde wie eine Aussätzige behandelt. Vor allem ihr Onkel ist strikt dagegen, gehört man schliesslich immer noch zu Syrien und nicht zu den israelischen Besatzern. Sein Verhalten ändert sich erst, als die Drusen in Syrien von der Hisbollah massakriert werden und auch eine von deren Bomben Drusen auf den Golan-Höhen tötet.
Eine weitere Sonderreihe behandelt den Nordic Jewish Focus. Dort laufen Filme über jüdische Erfahrungen im skandinavischen Kino. Auch hier verschiedene Filmgenres mit einem Horrorfilm (Attachment9, der Doku Nelly und Nadine von Magnus Gertten, die bereits im Kino lief, oder neueren Filmen wie The Bridgeplayer oder Nie allein.
Das Programm unter www.JFBB.info
Harald Ringel
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