Umfangreiche deutsche Werkschau beim 55. IFFR 2026
28 Filme made in Germany liefen beim diesjährigen Internationalen Filmfestival von Rotterdam. Während sie bei der Preisverleihung keine Rolle spielten, eroberten Amrum und Der verlorene Mann (A Fading Man) zumindest die Herzen des Publikums und schafften es auf die vorderen Plätze von deren Hitparade. Cate Blanchett liess es sich nicht nehmen, den ersten Filmjahrgang des Displacement Film Fund’s vorzustellen, und eine Fortsetzung des Programms anzukündigen.

Foto mit freundlicher Genehmigung IFFR
Stolz postete German Films die Fotos von Tilda Swinton, die in der niederländischen Hafenstadt zu den Stammgästen gehört. In Heart of Light – eleven songs for Fiji leiht sie den Gedanken von Regisseurin Cythia Beatt über ihre Rückkehr zur Inselgruppe im Off ihre Stimme. Deutschland kommt dann auch irgendwie vor, wenn ein deutscher Journalist darüber sinniert, dass die Redaktion Beiträge erwarten, die in ihre Klischees passten, aber nicht zur Wirklichkeit. Aber leider wirkt der ganze Film so. Über Fiji und seine Bewohner erfährt der Zuschauer beinahe nichts, er bietet eher eine Reflexion über neokolonialistisches Denken.
Der verlorene Mann (A Fading Man) überzeugt
Über das Festival hinaus wird dem Film wohl kein grosses Leben vergönnt sein, der mit dem Geld des deutschen Steuerzahlers entstanden ist. Ebenso wenig dem von der MDM unterstützten Experimentalfilm Dump, einer wirren Assoziation philosophischer Gedanken durch Regisseurin Christina Friedrich. Das gleiche Schicksal wird auch den vielen Titeln deutscher Koproduktionen beschieden sein, die sicher sehr ehrenhaft und künstlerisch wertvoll sind. Aber niemand ins Kino locken werden.
Daneben feierten Ulrich Köhlers Gavagai ebenso ihre Premiere im Nachbarland wie Mascha Schilinskis In die Sonne schauen (Sound of Falling), Fatih Akins Amrum oder No Hit Wonder von Florian Dietrich. Die eigentliche Entdeckung ist das Drama Der verlorene Mann von Welf Reinhart, der es immerhin in den Hauptwettbewerb um den Tiger Award schaffte. Dagmar Manzel verwandelt sich gewohnt brillant in eine Lehrerin, in deren Haus plötzlich der Ex-Mann – gespielt von Harald Krassnitzer – steht. Er ist dement, und aus dem Pflegeheim abgehauen. Alte, schmerzlich verdrängte Erinnerungen kommen hoch, die ebenso wie die Gesamtsituation die Ehe mit ihrem zweiten Mann (August Zierner) auf eine harte Probe stellen.
Neues aus Brasilien, Asien und Spanien
Das anspruchsvollere Drama, das im Mai in die deutschen Kinos kommt, setzt ganz auf die Kraft der Schauspieler. Im Gesamtprogramm des Festivals gehörte es in seiner eher konventionellen Machart eher zu den Ausnahmen. Das IFFR ist zum einen eher der Ort, um interessante Handschriften abseits des Mainstreams und neue Namen zu entdecken. Dabei ist es stets auch ein guter Ort, um das asiatische Kino zu kennenzulernen. Vietnam, die Philippen, Bangladesch –diese Länder sind hier präsent. Aber auch aus Brasilien kamen neben dem The Secret Agent neue Werke, darunter Tiago Melos radikale Dystopie Yellow Cake. Im Nordosten des Landes experimentieren skrupellose Unternehmer und arglose Wissenschaftler an Methoden, um Uran gefahrlos abzubauen und gefährden damit sich und ihre Mitmenschen.
Einige Titel werden es vielleicht auf deutsche Festivals schaffen, zu vermuten ist es eher bei europäischen Titeln. Zum Beispiel bei Romeria, dem neuen Film von Golden Bär-Gewinnerin Carla Simon. Sie begleitet feinfühlig eine Teenagerin bei der Begegnung mit ihrem biologischen Vater. Obwohl der Film einen deutschen Mitproduzenten hat, ging die Filmemacherin in die Niederlande. Wohl auch, weil das IFFR 2021 die Entwicklung des Projekts förderte.
Zu den Publikumslieblingen zählte Los Domingos (Sundays) von Alauda Ruiz de Azúa. Die Regisseurin porträtiert eine 17-jährige Schülerin, die ihre Familie mit der Entscheidung schockt, ins Kloster einzutreten. Vor allem ihre Tante bedrängt sie, ihre Entscheidung zu überdenken.
Zweimal Camus und Victor Hugo aus Frankreich
Unter den Dutzenden französischen Titeln waren zwei Varianten von Albert Camus L’Étranger, zum einen von Francois Ozon, bei uns bereits im Kino, und L’Arabe (The Arab) von Malek Bensmail mit der wie immer überzeugenden Miriam Abbas in der Titelrolle. Der Film erzählt die Story der Hauptfigur aus der Perspektive von dessen Tochter. Um das koloniale Erbe rank sich auch Micha Walds belgisch-französische Koproduktion A Survivors`s Tale. Nach authentischen Ereignissen aus dem Jahr 1552 gestaltet er das Schicksal einer jungen Frau, die nach einer Vergewaltigung schwanger wird, und vom eigenen Onkel auf einer rauen Insel vor der Küste Kanadas mit ihrer Zofe und ihrem Peiniger ausgesetzt wird.
Altmeister Pascal Bonitzer stellte persönlich seine leise komödiantische Studie Victor comme tout le monde (Hugo) vor, eine Reflexion über die Bedeutung der Frauen im Leben von Victor Hugo und dessen Relevanz für junge Frauen heute über den Wiederannäherungsprozess eines Schauspielers und seiner Tochter. In The Fall of Sir Douglas Weatherford des Briten Sean Dunn verschmelzen langsam die Identität des Philosophen und eines kauzigen Experten und Guides zusammen, der regelmäßig Touristen durch dessen Heimat führt. Der Film bietet ein Wiedersehen mit dem grossen Peter Mullan.
Überzeugendes Kino aus Skandinavien
Natürlich dürfen auf keinem Festival die Skandinavier fehlen. In der schwarzen für deutschen Geschmack manchmal etwas gewöhnungsbedürftigen Komödie The Kidnapping of a President stellt der Finne Samuli Valkama einen fehlgeschlagenen Putsch rechtsgerichteter Kräfte gegen die junge Demokratie im Jahr 1930 nach. Während Marijana Janković in ihrem autobiografischen Drama Hjem (Home) die familiären Probleme nach der Flucht aus Serbien zu Beginn der 1990-er Jahre aufgreift. Last but not least und mit Spannung erwartet war Butterfly, der neue Film der Sentimental Value-Produzenten mit der wunderbaren Renate Reinsve. Die isländische Regisseurin Itonje Søimer Guttormsen’ lässt darin zwei Schwestern nach Jahren auf den Kanarischen Inseln um den Besitz der Eltern ringen.
Preise breit gestreut
Der Tiger für den besten Film des Hauptwettbewerbs ging an Variasies op ‘n tema (Variations on a Theme) von Jason Jacobs and Devon Delmar, die Koproduktion Südafrikas mit den Niederlanden und Katar war schon in der Entwicklung mit 60.000 Euro vom Hubert Bals-Fund unterstützt worden. Der schwedisch-norwegischen Produktion La belle année von Angelica Ruffier verlieh die Jury ihren Spezialpreis. Außerdem zeichnete sie Supporting Role von Ana Urushadze aus, dahinter stehen Produktionsfirmen aus Georgien, der Türkei, Estland, der Schweiz und der USA. Auch die fünfköpfige Jury der FIPRESCI entschied sich für diesen Titel.
Rezwan Shahriar Sumit aus Bangladesch freute sich über die Kür seines Films Master in der Big Screen Competition.

Foto mit freundlicher Genehmigung IFFR
Cate Blanchett erneut in Rotterdam
Schauspielerin und UNHCR-Botschafterin Cate Blanchett liess es sich nicht nehmen, das erste Kurzfilmprogramm des Displacement Film Fund’s vorzustellen, das im vergangenen Jahr vom Festival in Kooperation mit dem Hubert Bals Fund ins Leben gerufen worden war. Die Filme mit einem Budget von je 100.000 Euro wurden von Maryna Er Gorbach (Ukraine/Türkei), Mo Harawe (Somalia, Österreich), Hasan Kattan (Syria/Grossbritannien), Mohammad Rasoulof (Iran, Deutschland) und Shahrbanoo Sadat (Afghanistan/Deutschland) inszeniert. Ihr Film No Good Men eröffnet in wenigen Tagen die Berlinale.
Katharina Dockhorn, Rotterdam
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