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Yanuni von Richard Ladkani – Fragile Rettungsversuche des Amazonas

Die Ureinwohner des Amazonas kämpften mit zunehmender Verzweiflung um die Erhaltung ihrer Lebensräume. Ihre Flüsse wurden mit Quecksilber tödlich verschmutzt, Bäume grossflächig abgeholzt, Landflächen auf unabsehbare Zeit unfruchtbar gemacht und die lokale Tierwelt dezimiert. Führerfiguren des Widerstandes wurden systematisch getötet. Die war die Situation in Brasilien unter der Führung Bolsonaros.

Yanuni von Richard Ladkani
Foto mit freundlicher Genehmigung DOK Leipzig

Mit der Wahl Luiz Inácio Lula da Silva zum Präsidenten Brasiliens am 4. August 2018 verknüpften die Ureinwohner grosse Hoffnungen. Hier setzt Richard Ladkani Dokumentarfilm Yanuni, präsentiert auf dem Internationalen Leipziger Festival für Dokumentar- und Animationsfilm, mit seinem Schwerpunkt ein. Er folgt vor allem der seit 2016 aktiven ersten weiblichen Führerperson und Klimaschutzkämpferin Juma Xipaia, die bereits sechs Mal Opfer eines Attentatsversuches wurde. Ein persönliches Porträt formend folgt Ladkani seiner Protagonisten auch zu ihrem abgelegenen Heimatdorf, wo sie gerne weiter hätte leben wollen. Doch unter Lula wurde zum ersten Mal in der lateinamerikanischen Geschichte ein Ministerium für „Indigenous Rights“ gegründet, zu dessen ersten Sekretär sie berufen wurde, fern ihrer Heimat.

Trotz der neuen vielversprechenden Institution eruiert Ladkani die Mangelpunkte der neuen Politik und die folgenden Enttäuschungen für die Einheimischen. Das neue Ministerium ist kaum mit Mitteln ausgestattet, so dass die Umweltzerstörung weiter fortschreitet. Eine Handvoll spezialisiertem Militär, unter dem Namen Brazilian Institute of Environment and Renewable Natural Resources (IBAMA), ist aktiv, doch deren Möglichkeiten, die Goldgräber und Waldzerstörer aufzuspüren und zu hindern, sind stark begrenzt, sowohl zahlenmässig als auch ihre Operationsmittel betreffend. Juma Xipaia Ehemann ist hier ein Befehlshaber und Ladkani folgt auch ihm auf seinen Einsätze, die oftmals lebensgefährlich sein können, da die Kriminellen ebenfalls bewaffnet sind. Die einzige Aktionsform dieser Einsatzgruppe ist die Zerstörung der den Raubbau betreibenden Maschinen und Instrumente, die natürlich bald wieder ersetzt werden können, sobald das Militär abzieht. Die Verbrennungsaktionen dieser Materialien verursachen gleichzeitig weitere Umweltprobleme. Leicht kann während dieser Militäreinsätze auch pures Quecksilber in grösseren Mengen in die Flüsse strömen.

Selbst die Festnahme der Kriminellen ist oftmals nicht möglich, da diese Einsatzkräfte per Hubschrauber mit beschränktem Platz agieren. Folglich ist auch  eine systematische Verfolgung der Auftraggeber verunmöglicht. Offensichtlich sind auch Teile der Polizei und des Militärs korrupt und profiterieren vom Raubbau. So schaffte die Regierung Lulas zwar einen politikkosmetischen Aktionsraum, jedoch keine angemessene Antwort auf die fortschreitende grossflächige Zerstörung, bei allem Einsatz der IBAMA, zumindest Waldbrände einzudämmen.

Neben diesem dokumentarischen Teil vertieft sich Ladkani auch in das persönliche Schicksal der Widerstandsführerin, die oftmals schmerzhaft mit den Grenzen ihrer Aktionsmöglichkeiten konfrontiert wird. Hauptsächlich reist sie von Ort zu Ort, um die lokalen Probleme zu notieren, ohne effektive Hilfe versprechen zu können. Die unmittelbare Konfrontation mit den Leiden der Opfer bringt die emotional hochsensible Frau an ihre Grenzen. Nicht nur Widerstand Leistende, sondern auch Kinder und Frauen getötet oder vergewaltigt. Die andauernden emotionalen und körperlichen Anforderungen schwächen Juma zunehmend. Weit entfernt von den warmen Temperaturen ihrer Heimat nimmt ihre Fragilität zu, mehr noch, als sie schwanger wird. Während ihres Appels „You need to wake up“ auf der New Yorker „Together for the Planet“-Konferenz bricht sie in Tränen aus. Sie appelliert an das Kaufverhalten der Konsumgesellschaften, die ihre eigene planetare Überlebensgrundlage aufzehren.

Andauernden Todesdrohungen kommen hinzu, so dass die erneute Mutter werdende mit der Frage konfrontiert wird, wie weit sie noch mit ihren politischen Aktivitäten gehen kann. Ihre eigenen Kinder sieht sie nicht, aus Angst, dass diese umgebracht werden könnten. Sie vermag sie nicht zu schützen. Auch Bodyguards können nicht hinreichend Sicherheit gewähren. Doch Juma Xipaia gibt nicht auf.

Ladkani führt uns in ein Land, in dem Körper- und Personenschutz kaum geleistet werden kann. Die kriminellen Energien sind wohl organisiert und verfügen über erhebliche Mittel. Zusätzlich versetzen die Annehmlichkeiten der westlichen Konsumwelt Teile der ursprünglichen Bevölkerung in Abhängigkeiten. Dies ist die effektivste Strategie der Kontrolle. Drogenkonsum und Prostitution sind vielfach die Folgen. Als schutzlose Arbeitskräfte mangelt es den entwurzelten Ureinwohnern zuweilen selbst an hinreichender Nahrung. Yanuni zeigt einige dieser ausgemergelten Körper.

Ladkanis Werk ist ein dringender Appell an die Überdenken unserer Lebensweise, gleichzeitig ebenso eine Würdigung und emphatische Begleitung all derer, die weiterhin ihr Leben riskierenden Widerstand leisten, um unsere (!) Lebenswelt zu erhalten.

Eines der in Erinnerung bleibenden Bilder in Ladkanis´ Film zeigt Juma auf einem einsamen Spaziergang am Hudson River auf das Panorama der Silhouette von New York schauend, das in diesem Kontext wie das Zentrum eines Krebsgeschwürs erscheint, als Ort der akkumulierter Konsumationsmacht.

von  Richard Ladkani; Brasilien, Österreich, USA, Deutschland, Kanada; 2025; 112 Minuten

Dieter Wieczorek, Leipzig

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Dieter Wieczorek

Journaliste/Journalist (basé/based Paris-Berlin)

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