14.-16. Juni 2019 – 21. Ausgabe des Kunstfestivals 48 Stunden Neukölln unter dem Motto „Futur III“

Vom 14. bis 16. Juni 2019 präsentiert das Festival rund 1.200 Künstler*innen an etwa 230 Orten. Unter dem Jahresthema „Futur III“ untersucht das grösste freie Kunstfestival Berlins „wie wir gelebt gehabt werden“. Die Künstler*innen blicken also zurück auf unsere Zukunft und antizipieren die Folgen künstlerischer und gesellschaftlicher Handlungen, die noch nicht stattgefunden haben.

Was auf Französisch der Zukunft der Vergangenheit entsprechen würde, hat kein Korrespondent auf Deutsch, was bei der Präsentationspressekonferenz unter den deutschsprachigen Kollegen zu Verständigungsschwierigkeiten führte! Im Allgemeinen scheint das Konzept relativ abstrakt zu sein, und wenn die Organisatoren es als Hintergrund beibehalten haben, haben sie sich nicht verzweifelt daran wörtlich  geklammert. Die Werke und Hauptprojekte dieser Ausgabe halten den Geist: die Zeit und ihre Zwischenräume mit der Gegenwart.

Festivalleiter Dr. Martin Steffens erklärt:

In der Gegenwart sind wir in komplexe Verhältnisse verstrickt und arbeiten uns an einem scheinbar alternativlosen Status quo ab. Entwicklungen und Veränderungen erkennen wir allein in der Rückschau: Beruhigend wirken die erfolgreich konstruierten Kausalketten des Fortschritts.

Thorsten Schlenger, Ko-Leiter des Festivals  ergänzt:

Der Blick in die Zukunft ist dagegen häufig geprägt von Prognosen, die von Bedrohung und Niedergang erzählen. Mithilfe der sperrigen, standardsprachlich nicht akzeptierten grammatikalischen Zeitform Futur III werden die 48 Stunden Neukölln zu einem Zukunftslabor, das diese Lähmung mit künstlerischen Mitteln konstruktiv durchbricht.

Einen Einstieg in die Vielfalt der Festivalbeiträge bieten geführte Touren durch die Kieze sowie dialogische Führungen in der zentralen Ausstellung im Kesselhaus des KINDL – Zentrum für zeitgenössische Kunst. Ergänzt wird das Vermittlungsprogramm durch Rundgänge in Gebärdensprache sowie Angebote für blinde und sehbehinderte Menschen.

Zusätzlich öffnen am Festivalwochenende rund 80 Projekträume und Ateliers in Nord-Neukölln ihre Türen und präsentieren ihr Programm.

Zentralen Ausstellung : „vorübermorgen

Mit der von Rebekka Hofmann und Dr. Martin Steffens kuratierten zentralen Ausstellung vorübermorgen ist das Festival erneut zu Gast im Kesselhaus des KINDL – Zentrum für zeitgenössische Kunst. Hier werden 20 künstlerische Positionen versammelt, die sich dem Verhältnis von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft widmen. Dabei versteht sich die thematische Ausstellung als Ausgangspunkt für eigene Rundgänge im Festivalgebiet, denn das Entdecken auf eigene Faust steht natürlich weiterhin im Vordergrund.

— Dr. Martin Steffens und Rebekka Hofmann vor den Werken von Tomoyuki Ueno – Presse Rundgang zur Installation der Ausstellung im des KINDL – Zentrum für zeitgenössische Kunst
© Malik Berkati

An herausgehobener Stelle im öffentlichen Raum machen drei sogenannte Signals auf die 48 Stunden Neukölln aufmerksam. In der Passage, im Körnerpark und auf dem Reuterplatz sind diese von der Stadt und Land Wohnbauten-Gesellschaft mbH präsentierten künstlerischen Interventionen weithin sichtbar. Ebenfalls an herausgehobener Stelle im öffentlichen Raum, nämlich auf dem Alfred-Scholz-Platz steht das Zukunftsparlament. Hier findet u. a. in Kooperation mit der Koalition der Freien Szene ein dichtes diskursives Programm statt, das um die Themen „Zeit“ und „Zukunft denken“ kreist, aber auch Musik und Unterhaltung bietet.

Bewährte Formate wie Junge Kunst NK und das Musikschiff werden weitergeführt. Dem jungen Kunstfestival– ein Projekt von Young Arts Neukölln und der Stad und Land Wohnbauten-Gesellschaft mbH – ist es gelungen, zum ersten Mal mit einem zentralen Ort am Rathausvorplatz eine Konzentration herzustellen. In zahlreichen Veranstaltungen zeigt es in seiner sechsten Ausgabe unter dem Titel Über Überübermorgen die ganze Bandbreite künstlerischen Schaffens von Kindern und Jugendlichen in Neukölln – am Rathausvorplatz und an 17 weiteren Orten im Bezirk.

Unter dem Titel TomorrowNow lädt das vom Musicboard Berlin geförderte Musikschiff zu aussergewöhnlichen Soundreisen mit sechs Berliner Bands und Künstler*innen auf dem Neuköllner Schifffahrtskanal ein.

In diesem reichhaltigen Programm hat der Festivalbesucher die Qual der Wahl

Wenn man an die Anfänge des Festivals und seinen Geist denkt, der im Kiez des Bezirks verwurzelt ist – Nord-Neukölln ist sehr gross und vor einigen Jahren, als wir Programme und Pläne der Veranstaltung an den Sammelstellen aufheben wollten, mit Ausnahme der zentralen Stelle in der Neuköllner Passage, an dem man einen Gesamtplan und ein Programm haben könnten, konnte man das Informationsmaterial allein von Kiez erhalten – kann man nur staunen über seine Entwicklung, die dieses Festival zu einem wichtigen Ereignis in der Berliner und internationalen Kulturszene macht. Seit ihrer Gründung nehmen internationale Künstler an den 48 Stunden Neukölln teil, aber am Anfang ging es mehr um Künstler, die wegen der günstigen Bedingungen – vor der Gentrifizierung – und der künstlerischen Emulation, die die Stadt bot, nach Berlin zogen.

Heutzutage stellen viele Künstler absichtlich bei den 48 Stunden aus, ganz zu schweigen von der Zusammenarbeit, die das Festival nach dem Vorbild des ilb (Internationales Literaturfestival Berlin) mit dem Austausch und der Verlagerung des Festivals eingeht. In seiner 21. Ausgabe konnte sich das Festival international weiter vernetzen und bestehende Kooperationen ausbauen. So findet in Kooperation mit dem Goethe-Institut im russischen Nowosibirsk vom 13. bis 15. September 2019 erstmalig das Festival 48HNSK statt, bei dem fünf Neuköllner Künstler*innen ausstellen werden. Das Trekant-Festival in Dänemark, mit dem es seit 2017 enge Verbindungen und Austausch auf programmatischer Ebene gibt, steuert Projekte zum Programm von Junge Kunst NK bei und importiert das erfolgreiche Format des Musikschiffs. Zwei der in diesem Jahr in Neukölln auftretenden Bands erhalten Ende August zusätzliche Auftritte in Dänemark. Die Jury des Kunstfestivals Insitu in Skopje/Nordmazedonien hat die Künstler*innen Ana Jovanovska und Ertunc Sali als Preisträger*innen ausgewählt, die nun im Festival in Neukölln präsentiert werden.

— Plakat der 21. Ausgabe des Kunstfestivals 48 Stunden Neukölln
© Malik Berkati

Allerdings viele Orte und Projekte den Geist der Offenheit auf dem Kiez bewahren, um es seiner Anwohner zu ermöglichen, Orte zu entdecken, die normalerweise entweder geschlossen (ehemaliges Gefängnis, Privatwohnungen, Geschäfte vor dem Abriss,…) oder für eine bestimmte Öffentlichkeit (Seniorenheim, Kirchen, Kollektivgärten, Werkstätten, usw.) und künstlerische Projekte, die nicht unbedingt die Bevölkerung dieser Stadtteile betreffen würden, reserviert sind. Diese 48 Stunden Neukölln sind oft eine gute Gelegenheit, aus der Isolation auszubrechen, ob künstlerisch, geographisch oder alltäglich. Andererseits ist das Festival wie die ganze Stadt und ihre Veranstaltungen von seiner Faktor-Hype-Seite geprägt, mit nicht nur dem Zustrom internationaler und professioneller Projekte, sondern auch einem viel vielfältigeren und zahlreicheren Publikum. Wir verlieren hier vielleicht ein wenig Seele, aber wir gewinnen sicherlich an Kunst. Es liegt an jedem Besucher, eine Reise zu unternehmen, die die beiden Seiten dieses aussergewöhnlichen Ereignisses sinnvoll miteinander verbindet.

https://48-stunden-neukoelln.de

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