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Berlinale 2023- Bericht aus der Sektion Perspektive Deutsches Kino

Auch unter der neuen Leitung der Sektion Jenni Zylka hat sich am Programm nichts geändert. Gezeigt werden Filme, die meist Abschlussfilme der deutschen Filmhochschulen sind. Dort finden sich immer einzelne Perlen, aber auch immer Filme, denen man anmerkt, das sie eher was fürs Fernsehen sind.

— Reyhaneh Jabbari – Sieben Winter in Teheran
© Made in Germany

Eröffnet wurde die Reihe mit dem Dokumentarfilm Sieben Winter in Teheran von Steffi Niederzoll, der auch den Perspektive-Preis gewann. Eine Studentin, die für einen Mann die neue Innendekoration der Wohnung gestalten soll, wird von ihm vergewaltigt und kann nur fliehen, in dem sie ihn mit einem Messer ersticht. Trotz Notwehr wird sie von einem Richter zum Tode verurteilt. Im Männer bevorzugenden Rechtssystem des Irans war dies auch nicht anders zu erwarten. Eine Begnadigung gibt es nur, wenn man sich mit der Familie des Opfers einigt und ein sogenanntes Blutgeld bezahlt. Doch der Sohn des Vergewaltigers hat Angst um den Ruf seiner Familie und will nicht nur Geld, sondern auch die Rücknahme ihrer Aussage. Als sie dies verweigert, um damit nicht selbst zum Täter abgestempelt zu werden, wird sie trotz internationaler Proteste und diverser Aktionen der Familie hingerichtet. Der Film rekonstruiert den Fall und zeigt die ganze Fragwürdigkeit des iranischen Rechtssystems und der dortigen Frauenverachtung durch die herrschenden Mullahs. Er zeigt nicht nur Originalaufnahmen des Opfers und ihrer Familie, sondern setzt auch auf viele Interviews mit Familie, Anwälten, Mitinhaftierten und internationaler Presse. Ein wichtiger Film, der genau zum richtigen Zeitpunkt kommt, in dem es die Hoffnung gibt, das durch die Demonstrationen und den Widerstand im Iran vielleicht doch etwas zum Besseren geändert werden kann. Es ist zu erwarten, dass der Film auch im regulären Kinoprogramm zu sehen sein wird.

Elaha von Milena Aboyan erzählt von einer 22-Jährigen, die versucht, ihren Weg im Leben zu finden. Sie will ihrer Familie keine Schande bereiten, aber eigentlich ein modernes Leben führen. Eine Hochzeit mit dem Sohn von Freunden der Familie steht bevor. Aber liebt sie ihn wirklich? Sie hat einen Freund, den sie oft besucht und eine beste Freundin, die auch gerne mal Sex mit Fremden hat. Als die Mutter des Bräutigams vor der Hochzeit darauf besteht, dass sie von einem Arzt auf Jungfräulichkeit untersucht wird, hat sie ein Problem. Sie findet im Internet Adressen für die Wiederherstellung des Hymens, aber das ist teuer. Sie versucht nun für die Operation Geld zusammenzubekommen, aber das erweist sich als sehr schwierig. Und warum eigentlich, wo ihr Bräutigam ihr schon Probleme macht, wenn sie mit ihren Freundinnen ausgeht, er aber sexuelle Abenteuer hat, denn schliesslich ist das ja für Männer etwas anderes. Ein Film, der die Probleme junger Frauen emotional sichtbar macht, die zwischen der Kultur ihrer Familie und dem Leben in Deutschland hin- und hergerissen sind. Die Hauptdarstellerin Bayan Layla ist eine Entdeckung.

— Cansu Leyan, Beritan Balci und Bayan Layla – Elaha
© Christopher Behrmann / Kinescope

In Vergiss Meyn Nicht setzen die Regisseure Fabiana Fragale, Kilian Kuhlendahl und Jens Mühlhoff vorhandenes Bildmaterial des verstorbenen Regisseurs Steffen Meyn mit Interviews von Teilnehmern, Bekannten und anderen Beteiligten der Besetzung des Hambacher Forsts zusammen. Steffen Meyn starb 2018, als er von einem Baumhaus beim Filmen in den Tod stürzte. Er machte sich auf, mit einer eigens gebastelten 360-Grad-Helmkamera einen Dokumentarfilm über die Besetzung des Hambacher Forsts zu drehen. Er hatte dort das Vertrauen der Umweltaktivisten gewonnen, war aber auch fair mit den Polizisten. Eigentlich war er immer sehr vorsichtig und sicherte sich mit Seilschaften ab, liess diese Sicherheitsmassnahmen aber ausser Acht, als er Bilder bei der Räumung der Baumhäuser machte. Neben diesem Arbeitsporträt hinterfragt der Film aber auch, wie weit man bei solchen Aktionen gehen darf. Darf man Gewalt einsetzten oder nicht. Der Film startet am 21.9.23 in Deutschland im Kino.

Geranien von Tanja Egen ist ein Film für ein breiteres Publikum. Mutter- Tochter- Beziehungen über Generationen mit guten Schauspielern (u.a. Friederike Becht als Nina) und einem guten nachvollziehbarem Drehbuch. Als die Oma stirbt, kommt die Schauspielerin Nina aus Holland, wo sie am Theater spielt und mit einem Starregisseur liiert ist, in eine Kleinstadt im Ruhrgebiet zurück. Diese Umgebung ist längst nicht mehr ihre Welt. Obwohl ihr Freund es nicht will, denkt sie darüber nach, eine Rolle beim Traumschiff zu übernehmen. Auch um ihrer Mutter zu gefallen. Doch die ist ihr gegenüber nicht sehr freundlich gestimmt, im Gegenteil zu ihrem Vater. Anschweigen ist angesagt. Sie muss einige Tage länger bleiben, da die Beerdigung sich verschiebt und im Laufe der Zeit treten Konflikte auch mit der Schwester und Freundinnen zu Tage. Aber es zeigt sich auch, warum ihre Mutter so ist: die hatte mit ihrer nun toten Mutter ähnliche Probleme. Aber Familie bleibt letztendlich doch Familie. Der Film startet demnächst im Kino.

— Christl Linke-Rauscher – Geranien (On Mothers and Daughters)
© Claudia Schroeder

Zu erwähnen bleibt noch Kash Kash von Lea Najjar, der der diesjährige Gastfilm war (jedes Jahr gibt es den Dokumentarfilmgewinner der First Steps Awards zu sehen). Die Österreicherin, die lange im Libanon lebte, kehrt nach Beirut zurück, um einem Film über das dortige Spiel KashKash zu drehen. Taubenbesitzer lassen Tauben fliegen und versuchen ihren Schwarm um fremde Tauben zu vergrössern. Das Glücksspiel, das von stark Gläubigen als Haram verachtet wird, ist sehr beliebt und wird auch in angrenzenden Ländern wie Syrien gespielt. Der Film porträtiert 3 Taubenspieler und ein Mädchen, das Taubenspielerin werden will, was Mädchen aber nicht dürfen. Im Laufe des Films wird es durch die politischen Entwicklungen immer mehr auch zu einem Film, der die Probleme und politischen Veränderungen im Libanon zeigt. Auch in überraschend offen geführten Interviews. Klasse.

Harald Ringel, Berlin

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Harald Ringel

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