Berlinale 2026 – Generation: Schöne Filme für Kinder, Erwachseneres für Jugendliche
Wie in jedem Jahr teilte sich die Sektion in Kinderfilme (Kplus) und Filme für Jugendliche (14Plus) auf. Das Kplus-Programm hatte diesmal in allen Fällen sehr schöne, kindgerechte Filme. Bei 14Plus gab es eine grosse Bandbreite. Da war vom brasilianischen Sklavendrama, Familien-Scheidungsdrama, trashigem Punkfilm bis zum Horrorfilm alles vertreten.
Die besten Kinderfilme:
In Atlasul Universului (Atlas of The Universe) des Rumänen Paul Negoescu geht der 10-jährige Filip alleine in die Stadt, um Schuhe zu kaufen. Der Vater geht lieber mit einem Kumpel Bier trinken. Doch erst auf dem Nachhauseweg stellt er fest, dass zwei rechte Schuhe im Karton sind. Da er die Schuhe am nächsten Tag zum Fußballspielen braucht, macht er sich alleine zu Fuss in ein Nachbardorf auf, um die Familie zu finden, die laut Schuhverkäufer wahrscheinlich zwei linke Schuhe im Karton hat. Unterwegs findet er neue Freunde und merkt, dass er mehr kann, als er immer dachte. Ein guter Kinderfilm, der alles hat, was man braucht: einen sympathischen Hauptdarsteller, eine schöne Geschichte und Impulse für Kinder, an sich selbst zu glauben.

© Razvan Marinescu
Feito Pipa (Gugus World) des Brasilianers Allen Deberton zeigt die Geschichte von Gugu, einem knapp 12-jährigen Jungen, der ein riesiges Fussballtalent ist. Er lebt mit seiner Grossmutter, wo er sein kann, wie er sich fühlt. Wie ein Mädchen. Doch die lebenslustige Oma wird immer dementer, erkennt nicht mal mehr ihren Freund. Gugu versucht nun, dass dies keiner mitbekommt, da er zu Hause bleiben will und nicht zu seinem Vater will, der eine neue Frau und Tochter hat. Dafür verpasst er sogar den Talentscout der Fussballliga. Doch lange ist dies nicht durchzuhalten. Auch hier ein sehr überzeugender kleiner Hauptdarsteller und der Denkanstoss für Kinder, andere zu nehmen, wie sie sind.
Ghost School aus Pakistan von Seemab Gul erzählt von der zehnjährigen Rabia, die sehr wissbegierig ist und gerne in die Schule geht. Als die Schule plötzlich geschlossen wird und es heisst, dass dort Geister walten, versucht sie herauszufinden, warum die Schule wirklich geschlossen wurde. Sie findet ihren Lehrer und erfährt, dass er gekündigt hat, weil er viel zu wenig bezahlt bekommt. Die Schuld liegt also bei dem korrupten Schulleiter. Doch die Bevölkerung glaubt lieber an Geistergeschichten und Gerüchte. Auch ihre Mitschüler glauben eher daran. Ein Plädoyer gegen Aberglaube und Korruption.
Not a Hero ist der neue Film der bekannten indischen Regisseurin Rima Das. Die für ihre guten Kinder- und Jugendfilme bekannte Regisseurin enttäuscht auch diesmal nicht. Mivan ist ein Stadtkind und ein komfortables Leben gewohnt. Als sich die Eltern für längere Zeit nicht um ihn kümmern können, wird er zur Tante ins Heimatdorf seines Vaters geschickt. Re ist geschockt über primitive Dinge wie ein Plumpsklo oder einfaches Essen und hat Probleme, sich mit der Tante anzufreunden. Die ist arm und sauer auf ihren Bruder, der sie völlig im Stich gelassen hatte. Zunächst findet er Freunde durch Geschenke, die er mit seiner Kreditkarte kauft, doch irgendwann merkt er, dass auch anderes zählt. Auch wird es ihm zur Aufgabe, ein Pferd zu retten. Ein lehrreicher Film, angenehm ohne erhobenen Zeigefinger.
Papaya ist ein wunderschöner Animationsfilm aus Brasilien von Priscilla Kellen. Die verwendet hier den ähnlichen Zeichenstil wie Ale Abreu, bei dem sie lange Assistentin war. Papaya ist ein Samenkorn, das immer in Bewegung ist und am liebsten fliegt. Es ist sein Ziel, nicht zu keimen und sein Leben weiter so frei zu sein. Es trifft auf viele schlechte Sachen auf seiner Reise, wie Abholzung von Bäumen und Obst- und Gemüsefabriken. Aber als es schliesslich doch noch keimt, merkt es, dass die Kraft ihrer Wurzeln stark ist und sie eine schöne Pflanze werden kann. Ein Film, der zeigt, dass man auf seine eigene Stärke zählen kann und diese auch nutzen sollte.
Tegenwoordig heet iedereen sorry (Everyone’s Sorry Nowadays) der Holländerin Frederike Migom lebt ganz von seiner jungen Hauptdarstellerin Lisa Vanhemelrijck, dreizehn bei den Dreharbeiten. Sie will jetzt wirklich Schauspielerin werden. Sie spielt Bianca, ein Mädchen, das sich wie durchsichtig fühlt. Alle behandeln sie, als ob sie nicht da wäre. Auch die Mutter scheint nur den kleinen behinderten Bruder zu sehen. So flüchtet sie sich immer mehr in Träume, die im Film sehr effektvoll dargestellt werden. Als eine Schauspielerin ihrer Lieblingssoap zu Besuch kommt, hofft sie, dass sich das ändert. Ein Film, der zeigt, dass jeder seinen Platz im Leben finden kann.
Auch bei den Jugendfilmen liess sich viel entdecken.Der Eröffnungsfilm war Sunny Dancer des jungen englischen Schauspielers George Jacques, der hier sein Regiedebüt vorlegte. Ivy (Bella Ramsey) hatte Krebs und gilt als geheilt. Doch alle behandeln sie, als ob sie immer noch krank wäre. Und dann melden sie die Eltern auch noch in einem Sommercamp für ehemalige krebskranke Jugendliche an. Das will sie auf keinen Fall, doch bald findet sie Freunde, die genauso schräg drauf sind wie sie. Sie findet sogar ihren ersten Liebhaber, der aber plötzlich verschwindet. Der Campleiter wird vom How I Met Your Mother-Star Neil Patrick Harris gespielt. Sehr unterhaltsam, aber auch sehr traurig.
No Salgas (Don’t Come Out) der Südafrikanerin Victoria Linares Villegas war der ungewöhnlichste Film der Sektion. Ein blutiger Horrorfilm mit vielen Splatter-Szenen. Liz verliert ihre lesbische Freundin, die von ihrer Mutter umgebracht wird. Doch die war, bevor sie sich selber tötete, nicht mehr sie selbst. Ein Dämon hatte sie befallen, die lesbische und schwule Personen auslöschen will. Als sie mit Freundinnen in eine Wochenendvilla fährt, wo auch noch deren Freunde mit einer weiteren Freundin auftauchen, gewinnt die Lust die Oberhand. Doch das ruft den Dämon auf den Plan und endet in einem wahren Massaker. Ein Film für Horrorfans, aber auch eine Parabel auf LGBT+-Hass.

© Jamie Guerra
Quatro Meninas der Brasilianerin Karen Suzane war ebenfalls ein ungewöhnlicher Film. Vier Sklavenmädchen geraten in Gefahr und beschliessen zu fliehen. Vier Töchter der Grossgrundbesitzer, die ihrem eingeschränkten Leben ebenfalls überdrüssig sind, erpressen sie, dass sie mitkommen dürfen. Durch das Wetter, wodurch sie den Fluss nicht überqueren können, verstecken sie sich in einem verlassenen, vergessenen Herrschaftshaus. Als die Töchter sich zunächst bedienen lassen, begehren die Sklavinnen bald auf. Ein schöner Historienfilm, der allerdings, was die Verfolgung betrifft, viel zu harmlos ist und im Total-Happy-End etwas unrealistisch erscheint.
Black Burns Fast der Südafrikanerin Sanduela Asanda war der Komödien-Hit im Programm. Luthando lebt in ihrem Internat eigentlich nur fürs Lernen. Ihre Mutter hätte gerne, dass sie auch Freunde und einen richtigen Freund findet. Doch sie steht mehr auf Mädchen, will das aber geheim halten. Als eine neue Schülerin auftaucht, verliebt sie sich in sie. Doch was soll daraus werden, wenn sie nicht offen zu ihr steht? Und bald steht auch ihr Stipendium auf der Kippe. Witzig, sympathisch und sogar mit Musikszenen. Ein Film, der bestimmt einen Verleih finden wird.
A Family der Holländerin Mees Peijnenburg erzählt von den Problemen, ein Scheidungskind zu sein. Der Film erzählt in zwei Teilen einmal aus Sicht der Tochter Nina und einmal aus Sicht des kleinen Bruders Eli. Beide Elternteile versuchen sie auf ihre Seite zu ziehen, wollen doch beide das alleinige Sorgerecht. Die Mutter wird von der international bekannten Schauspielerin Carice van Houten gespielt. Ein sehr realistischer Film, der zeigt, wie man mit der Situation umgehen kann.
Der grosse Gewinner wurde, und das zu Recht, Chicas tristes (Sad Girls) von Fernanda Towar aus Mexiko. La Maestra und Paula sind Freundinnen, seit sie klein waren, machen alles zusammen und sind im selben Schwimmteam. Beide trainieren für Olympia und haben gute Chancen dorthin zu kommen. Als Paula auf einer Party vergewaltigt wird, wird dies zu einer Belastungsprobe für ihre Freundschaft. Als Paula nicht mehr bei der Schwimmmannschaft mitmachen will, weil ihr Vergewaltiger dort auch dabei ist, wird dies noch mehr zum Problem. Und La Maestra besteht darauf, den Vorfall zu melden, Paula will aber nicht, dass es bekannt wird.
Harald Ringel, Berlin
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