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Cannes 2026 – Drei Kurzfilme bestechen in Quinzaine des cinéastes Selektion mit drei Formen der Realitätsüberschreitung

Kritik der sozialen Arbeitsbedingungen, surreale Sequenzen und eine poetisch existenzielle Bedeutungsebene zugleich zu aktivieren, ist Alexandra Matheou in ihrem Kurzfilm Free Eliza (Notes On A Anatomical Imperfection) gelungen. Eliza ist eine nicht mehr ganz junge Frau, die ihre repetitiven Arbeitsabläufe in einem Luxushotel verrichtet. Wie der Titel andeutet, hat sie ein physiologisches Problem. Sie kann nicht lächeln. Doch man muss ihr zugestehen, sie hat auch keinen Grund dazu. Sie ist konfrontiert mit dümmlich-aggressiven, arroganten oder hysterischen Luxushotelgästen, sowie mit anderen Marionetten des Reichtums, die beschäftigt werden wollen. Dies ist ihre Aufgabe als Spiel- und Sportanimatorin. Auch in einen aufblasbaren Gummi-Delphin zu schlüpfen und darin zum Amüsement der Gäste zu tanzen gehört dazu. Wir hören ihren inneren Diskurs, der poetisch von ihren Wünschen und Selbstwahrnehmungen preisgibt, in teilweise auch surrealen Sequenzen. Das Hotel verlangt von ihr die ständige Kontrolle ihrer Gesten und ihrer Mimik. Im Umkleideraum steht im Spiegel gedruckt: „So sehen Sie ihre Gäste“. Ihr grosses Allgemeinwissen, mit dem sie jeden TV-Ratespielkandidaten übertrumpft, findet kein Echo an diesem Ort. Zu den Dingen, die sie ängstigen, gehört nach ihren Worten, sich vorzustellen, dass es eine Welt gibt, die besser ist als die ihr bekannte.

Free Eliza (Notes On A Anatomical Imperfection) von Alexandra Matheou
© Alexandra Matheou

Die Kamera folgt ihr in ihre dunklen Arbeitsräume, in ihr Privatzimmer und zu ihren Animations-Auftritten. Ihr Traumjob: „Übersetzer des Ungesagten“. Sie gesteht sich: „Nichts ist einfacher und trauriger als das Vorbeiziehen eines normalen Tages“.

Alexandra Matheou bringt das Lebensgefühl der Unerfülltheit auf einen schmerzhaften Punkt. Eine zur poetischen Reflexion fähige Frau verschleisst ihre Leben zur Marionette degradiert. Das Klicken eines Diktaphones deutet ihr selbstreflexives Potenzial nur an. Im Off hören wir ihre Stimme: „Ich habe noch keine Geschichte, die ich meine eigene nenne könnte“. Doch sie will sich eine schaffen.

Nach Studien in Londoner Kings College und University College bezeugten bereits ihre Kurzfilme Anorak (2015), Grief (A Place non of Us known Until We Reach It) (2018) und Tragedies Come in the Hungry Hours (2020) ihr subtiles Eindringen in intime Gefühlswelten und innere psychologische Konflikte. Mit A Summer Place (2021) endlich erfuhr sie erstmals eine grössere Anerkennung.

In sudanesische, mit Kamelherden bevölkerte Wüstenlandschaften führt uns Ibrahim Omars Nothing Happens After your Absence. In der Einöde verlangt mit schlechter Internetverbindung ein Mann überraschend nach Filmen für eine mögliche Projektion. Noch erstaunlicher ist seine Wahl: Elia Suleimans Devine Intervention, Close up von Abbas Kiarostami, Ousmane Sembènes Black Girl und Abderrahmane Sissakos Timbuktu. Dieser Kontrast zwischen dem Nichtort und der Hochkultur wird noch einmal auf eine absurde Spitze getrieben durch die Tatsache, dass der Ausgang eines Fussballmatches, in dem jeweils eine Mannschaft einen dieser Filme repräsentiert, darüber entscheiden wird, welcher Film wirklich zur Aufführung kommt. Als Schriftzug ins Bild wird eingeblendet: „Der Krieg brach aus im Sudan“. Weitere politische Informationen folgen in gleicher Weise. Omar rückt eine kleine Hütte ins Bild, vor der auf einem Holzgestell „Sudan Film Institute“ zu lesen ist. Ein kontrollierender Polizist versteht selbst das Wort „Institut“ nicht. Auf zynisch-komödiantische Weise konturiert Omar die kulturelle Degradierung seines Landes. Das Warten auf die Vorführerlaubnis beginnt. Das Fussballspiel scheint die Dorfbevölkerung jedoch weit mehr zu beschäftigen: Obwohl zwangsverpflichtet, melden sich nur vier Dorfbewohner zum Militärdienst. Der mit der Projektionserlaubnis herbeieilende Bote tritt off-frame auf eine Bodenbombe und stirbt.

Nothing Happens After your Absence von Ibrahim Omar
© Ibrahim Omar

Die Absurdität des Krieges wird von dem sudanesischen Filmemacher und Gründer des realen „Sudan Film Institutes“ mit einer fast melancholischen Gelassenheit ins Bild gesetzt. Mit beschränkendsten Mitteln verdichtet er den Kontrast und Abgrund zwischen der einfachen Population und der Weltpolitik. Sinnlose Destruktion wird in poetischer Weise evoziert und dekonstruiert. Omars aktuelles Werk ist Teil einer Filmtrilogie betitelt After the Event or Post-Trauma. In der Tat lässt sich die spürbar szenische Apathie seines Filmes auch als traumatische Reaktion lesen. Auch seine beiden früheren preisgekrönten Filme beginnen in ihrem Titel mit Nothing Happens… Ein signifikantes Memento, wie die Weltpolitik – wie in Palästina – apathisch wegschaut vom Leiden seiner Landbevölkerung.

Von der glühenden Hitze des Sudan in nordische extreme Kälte führt Wannes Vanspauwe und Pol de Pleckers Pithead. Die belgisch-französische Koproduktion lässt uns eintreten in eine surreal verzerrte Eislandschaft, deren wenige Bewohner sich in einer schlecht beleuchteten Bar treffen, um krächzenden Karaokeklängen zu lauschen.

Nichts scheint in diesem mit einem Eissturm beginnenden Film mit rechten Dingen zuzugehen: Vor der Bar „Pidhead“ (Grubeneingang) steht ein grosser aufgeblasener Pinguin. Während der fürchterlichste Karaoke-Song der Filmgeschichte (zumindest unter die Pop Ten zu rechnen) intoniert wird, liegt ein Gast bereits eingesunken auf seinem Tisch, ein anderer starrt apathisch in die Leere. Eine eingetretene Frau, offensichtlich neu an diesem Ort, kommentiert: „Wie nett, all die Pinguine hier“. Dann treten alle Gäste in die Kälte vor der Bar und erwarten eine grosse Zahl dieser drolligen Geschöpfe. Die meisten unter ihnen scheinen hier schon länger zu leben. Im Windsturm glauben sie in der Tat Massen von ihnen zu sehen. Für den Zuschauer bleibt dies eine hysterische Halluzination. Doch ein Pinguin ist scheinbar wirklich präsent. Er sitzt jedoch auf einem hohen Baumast und wird nur von dem neuen Gast entdeckt. Bei näherer Kameraeinstellung ist jedoch auch dieser als blosses Stofftier erkennbar, das mit dem aufgeblasenen Pinguin kommuniziert.

Pithead von Wannes Vanspauwen und Pol De Plecker
© Wannes Vanspauwen

Es erscheint kaum möglich Pithead als eine Analogie oder Metapher zu interpretieren. Vielmehr wäre der Term „statischer Irrsinn“ eine angemessene Bezeichnung. Während der neue Gast auf den Baum klettert, um den Pinguin zu retten, ist dieser bereits während eines Blitzschlages heruntergefallen. Zurück in der Bar nimmt die enttäuschte Frau das Mikrophon zum Heavy-Metal- and Noise-Sound in die Hand und schreit ihren Schmerz heraus.

Befinden wir uns in der Normalität eines postapokalyptischen Stadiums, oder in einer eisig schwarzen Verwirrung von Isolierten, fern jeder Zivilisation, Ausgesetzten in einer unwirtlichen Eisnacht, in der Überleben schon zum Luxus wird? Fern jeder Referenz bleibt dieser Film in Erinnerung. Sein Graben ist weit offen.

Das Direktorenduo realisierte bereits zusammen The Day That Was White (2003), Noistrain (2003) und It’s Raining, It´s Pouring (2003). Dem wäre nachzugehen.

Dieter Wieczorek

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Dieter Wieczorek

Journaliste/Journalist (basé/based Paris-Berlin)

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