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The Son and the Sea von Stroma Cairns – Zwischen Abdriften und Rückkehr zu sich selbst

Als Jonah sich aufwachend einprägt „Dies wird ein guter Tag sein“ ist dies alles andere als eine Gewissheit. Er lebt in Bermondlay, dem ehemaligen Slum und heutigen Edelviertel Londons, und seine flashartig auftretenden Erinnerungen der letzten Nächte beschränken sich auf Trinkgelage und Discoszenerien. Jonah ist nicht der einzige junge Mann, der neben Beziehungsstress, Nervosität, latenter Aggressivität und permanenter Spottlust zirkuliert, die auch seinen treuen und einzigen Begleiter Lee (Stanley Brock) nicht verschont. Hinter seinem Gehabe verbirgt sich eine komplette Orientierungslosigkeit und Identitätsschwäche. In seiner lokalen Umgebung gibt es sogar einen Term hierfür: „Bermondlay Stutter“ (Stottern). Doch letztlich ist Jonah nur einer von vielen in westlichen Kulturnationen heranwachsenden der No-Future-Generation, die sich von Augenblick zu Augenblick hasten, zugleich fühlend, dass auch das nicht die Lösung ist.

— Jonah West – The Son and the Sea
© In the Company Of

Jonah (Jonah West) wird mit der für ihn unangenehmen Aufgabe konfrontiert, eine von Demenz gezeichnete Tante in dem hohen Norden Schottlands aufzusuchen. Er gelangt zu einem unscheinbaren Küstenort, wo Feuchtigkeit und Kälte dominieren und die Bewohner täglich die Fragilität ihrer Existenz angesichts der Naturgewalten erfahren. Lee begleitet ihn und bereits am ersten Tag befreunden sie sich mit dem taubstummen Brüderpaar Charlie und Luke, die wiederum ihren Zwist austragen. Der vitaler Charlie (Connor Tompkins) versucht vergeblich, die beiden Londoner auf kleine Momente landschaftlicher Naturschönheit aufmerksam zu machen.

Es sind zunächst die tiefen Blau- und Grautöne ihrer neuen Umgebung, die ein Unbehagen der Gäste spürbar werden lassen. Jonahs erster Besuch bei seiner Tante endet mit dem Gefühl der Hilflosigkeit, denn er vermag nicht, mit ihr in Kontakt zu treten: In einer Bar treffen Jonah und Lee auf eine lokale Sängerin, die eine schottische Fabel intoniert, die von der Begegnung zwischen dem Teufel und einem unwissenden Kind handelt.

In Stroma Cairns The Sun and the Sea werden noch acht weitere Songs ertönen; sie alle transzendieren den puren Realismus in eine poetische, zuweilen auch metaphysische Dimension. Sein Werk war Teil des internationalen Wettbewerbs und des FIPRESCI-Programmes des Krakauer Mastercard OFF CAMERA International Festival of Independent Cinema, dessen Intention es ist, Filme neben den Mainstream-Produktionen zu valorisieren.

Der Feature-Debütfilm von Stroma Cairns basiert auf sehr persönlichen Erfahrungen seiner Drehbuchautorin Imogen West. Mehrere Familienmitglieder spielen aktive Rollen, nicht zuletzt Marie West, die mittlerweile verstorbene vereinsamte Dame im Altersheim, der der Film auch gewidmet ist.

Die ästhetische Entscheidung für eine Vielzahl von schnellen Schnitten evoziert den zersplitterten, driftenden Geisteszustand der Protagonisten. Immer wieder verharren Jonah und Lee in fruchtlosen Auseinandersetzungen, sich gegenseitig ihre innere Leere, Erfolglosigkeit und Unfähigkeit, Freundschaften zu schliessen, vorwerfen, nicht zu reden von Liebesbeziehungen. Der ausgesprochene Vergleich mit Dominosteinen, die nur lose verknüpft der Reihe nach fallen, prägt hier ein kristallines Bild.

Erst die Konfrontation mit einem Unfall, der tödlich enden könnte, bewirkt einen Wandel. Jonah, Lee und Charlie müssen sich angesichts eines Verunglückten entscheiden, sofortige Hilfe zu leisten und damit im heutigen medizinischen System zu riskieren, angeklagt zu werden, oder auf die Ankunft von professioneller Hilfe zu warten, die erst Stunden später, aller Wahrscheinlichkeit nach zu spät, eintreffen kann.

Im Krankenhaus laviert die Kameraführung wiederum steuerlos driftend und ohne Fokus durch das Geschehen, erneut in überzeugender Weise die Interferenz zwischen Darstellung und mentalen Zuständen manifestierend. Jonah, Lee und Charlie finden sich zu einem Gebet zusammen. Jonah dankt für die Möglichkeit, eine wirkliche Aufgabe gestellt bekommen zu haben; er dankt für dieses Vertrauen und bittet Lee zum ersten Mal um Verzeihung.

Zu seiner Tante zurückkehrend, findet er nun herzliche, tief bewegte Worte und vermag die Dame aus ihrer mentalen Starre herauszuführen. Off Frame erklingt seine Stimme mit dem Wunsch, die Dunkelheit und die negativen Erfahrungen der Vergangenheit abzuwerfen und unterdrückte Gefühle, Schwächen und Wünsche wieder zuzulassen.

Lee schreibt „We were here“ in den Sand am Strand. The Son and the Sea endet mit der ersten und einzigen Szene ausgelassener Lebensfreude.

Ohne jede artifizielle Dramaturgie oder Sentimentalität, die innere Dynamik der Protagonisten nuanciert beobachtend, gelingt es Stoma Cairns, Position zu beziehen angesichts einer der Schlüsselfragen aktueller westlicher Kulturen. Er dechiffriert autodestruktive Prozesse als Reaktion einer als sinnentleert erfahrenen Existenz. Ein Ausbruch aus diesem mentalen Gefängnis kann nur durch die Erfahrung von Vertrauen, Verantwortung übernehmen zu können, gelingen.

Von Stroma Cairns; mit Jonah West, Stanley Brock, Connor Tompkins, Grant Lindsay, Lewis Tompkins, Billie Tompkins;  Grossbrittanien; 2025; 102 Minuten.

Dieter Wieczorek, Krakau

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Dieter Wieczorek

Journaliste/Journalist (basé/based Paris-Berlin)

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