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IFFR 2026 – Hungrig (Hungry) von Susanne Brandstätter : Der programmierte Untergang der meisten Lebensformen

Das Rotterdamer Filmfestival ist nicht unbedingt der Ort, an dem man die brisantesten, globale Szenarien einbeziehende Dokumentarfilme zunächst vermuten würde. Doch Susanne Brandstätter präsentiert genau hier ein hoch detailliertes Werk, das mosaiksteinartig das Panorama des laufenden Untergangs der meisten Lebensformen unseres Planeten dechiffriert.

Hungrig (Hungry) von Susanne Brandstätter
© Susanne Brandstätter Filmproduktion

Grossbrände, Überflutungen, Hurrikans, Dürrekatastrophen und Ölteppiche sind nur die spektakulären, sichtbarsten Zeichen, die einen Zeitenwechsel indizieren. Doch Hungrig (Hungry) resümiert die weitaus umfassenderen, jedoch verborgenen Mechanismen der systematischen Umweltzerstörung und lässt eine Fülle von Wissenschaftlern unterschiedlichster Spezialisierungen zu Wort kommen, wie Pflanzenbiologen und Pflanzenphysiologen, Allgemein-, Pflanzen- und mikrobielle Ökologen, Ozeanologen, Botaniker, Biochemiker, Molekularbiologen, politische Ökonomen, als auch Spezialisten der nachhaltigen Nahrungsproduktion, sowie Juristen und Monopol- und Korruptionsexperten.

Sie alle zeichnen ein erschreckend konsistentes Bild der sich gegenseitig steigernden Faktoren und Feedbacks hin zu einer umfassenden Zerstörung der Fauna und Flora unseres Planeten.

Susanne Brandstätter präsentiert die wissenschaftlichen Fakten in Form von kurzen Interviews, die unterbrochen werden von Bildern zerstörter Landschaften, desolater ehemaliger Städte und Gebäuden, verschmutzter Flüsse, Dürrezonen, Tierkadavern etc. Als artistische Form wählt sie einen dystopischen Rahmen, in dem eine artifizielle Intelligenz auf die Erde zurückkehrt, um die Frage zu klären, wie es zu dieser globalen Katastrophe hat kommen können. Brandstätters Interviews dienen ihr als hauptsächliche Quelle. Regelmässig kommentiert sie deren Auswertung.

Die wissenschaftlichen Statements dokumentieren, wie die erhöhten Emissionen Einfluss nahmen auf Pflanzen, deren mineralische Dichte permanent abnahm. Dieser Mangel an Magnesium, Kalzium, Eisen, Zink in Pflanzen wirkte sich auf die gesamte Nahrungskette aus. Menschliche Nahrungsprodukte wie Fleisch, Reis, die meisten Früchte und Gemüse verloren ihre Qualität; das gesamte Ökosystem wandelte sich. Die biologische Vielfalt verminderte sich radikal, Insekten einbezogen. Die Erkenntnisse über den Zusammenhang von CO2, Klima und Nahrung drangen kaum ins öffentliche Bewusstsein und fanden daher auch kein Echo in politischen Entscheidungsprozessen.

Angesichts dieses globalen Experiments ohne jede Kontrolle wurden zwar die sichtbarsten Katastrophen wahrgenommen, führten jedoch nicht zu durchgreifenden Gegenmassnahmen. Die weiter steigende Weltbevölkerung potenzialisierte die destruktiven Prozesse noch zusätzlich. Überflutungen und Dürre führten zur Erosion der Böden. Diese Degradation reduzierte die Reproduktionskapazität von Pflanzen, besonders die Quantität von Samen nahm ab.

Obwohl die wissenschaftliche Einsicht evident war, dass das gesamte Agrarmodell der reichen Nationen nicht nachhaltig war, kam es zu keinen Gegenmassnahmen. Selbst bereits anwendbare Technologien, wie die Ausbreitung von Pflanzen mit tiefen Wurzeln, die die Emission von Kohle deutlich hätte reduzieren können, blieben aus. Die dreimal mehr als in der Atmosphäre befindliche Kohle bindende Erde verlor durch die Erderwärmung zunehmend diese Kapazität. Die für die Bindung notwendigen Mikroben, Bakterien und Pilze nahmen Schaden und transformierten sich. Mehr CO2 strömte in die Atmosphäre, neue Formen von Bakterien und Mikroben schufen neue Probleme und pathologische Formen. Doch die mögliche Antizipation all dieser Gefahren fand keinen wirkungsvollen Eingang in politische Entscheidungsprozesse.

Immer wieder lässt Brandstätter zwischen in ihren nur off-frame erklingenden Interviews, der der KI als Quelle dienen und zuweilen intendierte technische Störungen aufweisen, Bilder der Zerstörung einfliessen, Tierkadaver, Erdspalten selbst im Asphalt, aufgerissene Häuserfronten, verkommene Nahrung, Ruinen aller Art, selbst sterbende Insekten, begleitet von atonaler Musik und einer knisternden Geräuschkulisse, die unsichtbare Gefahr spürbar machen.

Stoffdioxid enthaltende Pflanzenschutzmittel reduzieren zusätzlich die mikrobielle Vielfalt der Böden und gelangen darüber hinaus als Gas in die Atmosphäre. Sie beschleunigen die Klimaerwärmung und verlangsamen die Dekomposition organischer Stoffe in den Böden, die essenziell für ein gesundes Ökosystem sind. Zugleich gelangen in der Tierzucht applizierte Antibiotika in die Erde und damit in die Nahrungskette. Die resistenten Mikroben lassen neue, kaum mehr zu behandelnde Krankheitsformen entstehen.

Die laufende Katastrophe stellt sich in der ebenso humorvollen wie zynischen Perspektive des Ozeanologen Jack Gilbert (University of California) angesichts der vor 4 Milliarden begonnenen Ausbreitung der Mikroben auf dem Planeten als nicht signifikant dar. Die fleischlichen Existenzen waren eh nur eine Nischenerscheinung der planetaren Geschichte.

Die Art unserer konsumierten Nahrung bestimmt, welche Bakterien in unseren Körpern wachsen können, die wiederum Einfluss haben, welche chemischen Produkte wir überhaupt aufnehmen können. Fast Food schadet dem Immunsystem, verursacht Entzündungen und erhöht das Risiko für Herzkrankheiten, da nützliche Bakterien abgetötet werden und schädliche entstehen. Notiert sei auch, dass 25 bis 29 % der globalen Erwärmung von der aktuellen industriellen Landwirtschaft verursacht wird.

Als Kommentar aus der Zukunft fragt sich die AI, was die menschliche Intelligenz so desolat gemacht hat, Gefahren zwar erkennen, aber nicht darauf reagieren zu können. Wie ist es darüber hinaus möglich, dass unser Wertesystem im Widerspruch mit der biologischen Realität stand?

Ein wissenschaftliches Statement bietet hier einen entscheidenden Hinweis. Die Nahrungsindustrie bestellt und bezahlt wissenschaftliche Befunde, die die Nützlichkeit und Bedenkenlosigkeit ihrer Produkte und Produktionsformen bestätigen. Diese „gestalteten Studien“ funktionieren durch ihre artifizielle Selektion an Parametern und Kriterien. Kritische Studien und Forschung werden dagegen nicht gefördert. Globale Kriterien, wie die Tatsache, dass eine gesunde Nahrungsproduktion den Klimawandel positiv beeinflussen könnte, werden ausgeklammert.

Diese Studien werden wiederum zur Beeinflussung politischer Entscheidungen genutzt. Regierungen werden durch die Informationspolitik der Netzwerke der Agrarindustrien manipuliert und dominiert. Deren Einfluss verstärkt sich noch durch zunehmende Monopolisierung, die ihnen als Konsequenz die totale Kontrolle über die Preispolitik erlaubt.

Obwohl eine gleichzeitige Vorsorge gegen Hunger, chronische Krankheiten und Klimawandel, vereint unter dem namentlichen Konzept „triple duty dietary approach“, möglich wäre, produziert die Nahrungsindustrie zunehmend genau das Gegenteil und verbreitet kalorienreiche Nahrung, die zu Fettleibigkeit, Diabetes und Herzkrankheiten führt, allen Krankheitsformen, für deren Kosten die verursachende Industrie nicht aufkommt.

Diese Agrarindustrie bestimmt, was in den Supermarkt kommt, und manipuliert Gesetze und Regulierungen. Die Massenproduktion nur noch weniger Getreideformen degradiert die Umwelt noch zunehmend und verursacht hohe Folgekosten. Dieser Profitmarkt beschleunigt den biologischen Kollaps. Die Agrarproduktion kann selbst nicht ihr hauptsächliches Legitimationsargument einhalten, den Hunger weltweit einzudämmen, da Hungerbekämpfung keinen Marktvorteil bringt. Sie forciert die Klimakrise durch die Reduktion natürlicher Vielfalt und verursacht gleichzeitig Krisen der Nahrungskosten. Neue Technologien nutzen, Pat Mooney (International Panel of Experts on Sustainable Food Systems, Quebec Canada) folgend, von 7000 domestizierten Nutzpflanzen nur 125, von denen lediglich 12 wirklich wichtig sind. 3 Pflanzen unter ihnen produzieren fast die Hälfte aller konsumierten Kalorien.

Hungrig (Hungry) von Susanne Brandstätter
© Susanne Brandstätter Filmproduktion

Nahrungsproduktion wurde zu einem Mittel, wie die synthetisierende KI kommentiert, nicht zu überleben.

Denn während für das Überleben der uns bekannten Natur die Unterstützung der Artenvielfalt notwendig wäre, schafft die Industrie Uniformität. Auch die Produktionsstätten werden uniformisiert und verlieren ihre Anpassungsfähigkeiten. Monopole nehmen nur ihre eigenen Profitparadigmen wahr; Bedrohungen ausserhalb ihres limitierten Wertsystems finden keine Beachtung. Als multinationale, globale Veränderungen durchsetzende Konzerne werden sie faktisch immer unkontrollierbarer. Durch Handelsabkommen instrumentalisieren sie nationale ökonomische Interessen.

Noch gäbe es legale Möglichkeiten eines Widerstandes, doch sie werden nicht angewendet. Die laufenden Monopolisierungsprozesse könnten noch blockiert werden. Regierungen könnten die Gewalt der Industriemonopole erkennen und ihnen entgegenwirken. Doch der unmittelbare Einfluss auf eben diese Regierungen ist bereits weit fortgeschritten. Eine erneute Gewaltenteilung durch Anwendung bereits bestehender fundamentaler Gesetze müsste etabliert werden.

Die KI resümiert: Die Menschheit hatte die Fähigkeit, die Bedrohung zu erkennen und die Mittel, sie abzuwehren… Doch wie die Zukunftsperspektive des Filmes Susanne Brandstätters indiziert, wurden all diese letzten Möglichkeiten nicht genutzt.

Die informative Dichte und globale Bedeutung profiliert Hungrig zu einem der Dokumentarfilme, der in jedem Schulunterricht seinen Platz finden sollte, denn hier könnte er von der letzten Generation wahrgenommen werden, die noch reagieren könnte vor dem grossen Showdown.

Von Susanne Brandstätter, Österreich; 2026; 95 Minuten.

Dieter Wieczorek

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Dieter Wieczorek

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