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IFFR 2026 – White Lies von Alba Zari: Die Suche nach sich selbst im Spannungsfeld der Familie

Rainer Maria Rilke schrieb in seinem Brief an einen jungen Dichter die – hier den Untertitel nach zitierten – Zeilen:

„Sei geduldig mit allem, das ungelöst ist in Deinem Herzen…Suche nicht nach Antworten, die Du nicht erhalten kannst…Lebe nun die Frage und vielleicht wirst Du eines Tages in der Antwort leben.“

Mit diesen Zeilen eröffnet Alba Zaris ihren Dokumentarfilm White Lies. Der Film erschliesst Schritt für Schritt deren Sinn. Zaris Werk verknüpft in überzeugender Weise eine sehr persönliche Geschichte, ihre Suche nach ihrem Vater, mit einer weitaus umfassenderen Frage nach der Bedeutung der Familie für die eigene Identität.

White Lies von Alba Zari
Foto mit freundlicher Genehmigung IFFR

Die Filmemacherin Alba Zari, eine hochsensible, zerbrechliche und emotionale junge Frau, forscht nach ihrer Kindheitsgeschichte, an die sie sich nur fragmentarisch erinnert. Sie versucht eine Rekonstruktion im Gespräch mit ihrem Bruder, vor allem aber mit ihrer Mutter und Großmutter, die in ihrer frühen Kindheit, wo sie ihre Nähe gebraucht hätte, nicht immer nahe gewesen sind.

Der Film folgt vornehmlich den hochsensiblen, auch von Schweigen und Unterbrechungen gekennzeichneten Dialogen. Hier fliessen Tränen, Entschuldigungen werden oftmals ausgesprochen. Doch der Grundton dieser Begegnungen, auf den auch der Titel White Lies deutet, ist geprägt durch diese leichten Lügen, die Schmerzen zu vermeiden suchen. Entsprechend vorsichtig geht Alba vor, denn sofort wird hier spürbar, dass sie in ein Wespennest widersprüchlicher Gefühle einritt.

Zweifellos sind alle Beteiligten nachhaltig desorientiert und von inneren Zweifeln heimgesucht, da sie allesam –  mit unterschiedlichen Graden der Verantwortung – Teil einer viel reisenden, tanzenden und singenden Sekte waren, die nach Stationen in Griechenland, dem Balkan und Indien sich schliesslich in Thailand niederliess. Die „Children of God“ propagierten Promiskuität und freie Sexualität. Jedem Mitglied wurde ein neuer Name gegeben und mit diesem eine neue Identität. Die Frauen dieser Sekte wurden auf die Strassen geschickt, um sich unter dem Motto „Flirty Fishing“ als „God’s Whores“ zu prostituieren, mit dem Ziel, für den Gründer David Moses Gelder für den Aufbau seiner Privatarmee zusammenzutreiben.

Weder ihre Mutter noch ihre Grossmutter haben Alba je von dieser Gruppenzugehörigkeit erzählt. So kämpft sie sich durch Briefe und Fotografien, um ihre Familiengeschichte zu rekonstruieren. Diese Dokumente bilden auch die Grundlagen ihrer Begegnungen. In ihrem Film fängt Zari viele Gesten der Zärtlichkeit ein. Schuldzuweisungen sollen vermieden werden, auch wenn es nicht immer möglich ist, denn es wird evident, dass auch Kindesmissbrauch innerhalb der Sekte kein Tabu war.

In einem solchen Beziehungsgeflecht nach einem Vater zu suchen, scheint ein aussichtsloses Projekt. Auch Alba erkennt dies, vor allem angesichts der Bemerkung ihrer eigenen Mutter, was sie sich denn von dieser Begegnung erhoffe, welche Frage sie denn stellen wolle. Sie selbst kann sich des Vaters ihres Kindes nicht sicher sein, auch wenn sie eine wirklich emotionale Beziehung während einiger Monate zu einem Mann geführt hatte, als sie schwanger wurde.

Diese emotionalen Irrfahrten geben Alba Zari jedoch die Möglichkeit, sich langsam aus dem Korsett der Familie zu befreien, um am Ende ihres Filmes zu neuen Einsichten über ihre eigene Existenz zu gelangen. Auch wenn sie nicht ihren Vater fan –  und hier finden die Worte Rilkes ihr nachhaltiges Echo – reift in ihr die Gewissheit, dass sie nicht mehr ein blosses Opfer dieser Abwesenheit ist, sondern sich nun neu konstituieren kann durch ihre Fähigkeiten der Suche, der Liebe und der Bedeutungsfindungen da, wo vorher keine waren.

Die Abwesenheit wurde zu einer andauernden, jedoch sich transformierenden Präsenz. Wunden heilen nicht, erkennt sie am Ende ihrer Odyssee, aber sie wandeln sich in uns, sie bekommen Risse, die neue Fragen zu stellen möglich machen.

Alba Zari fand sich in ihren eigenen Fragen. Mehr als das, sie erkennt, dass Familie sich nicht biologisch definiert, sondern sich komponiert durch all die Personen, die uns auf unserem Lebensweg begleiten.

Bereits ihre Grossmutter wird am Ende des Filmes klar, verlor den Kontakt zu ihrem eigenen Vater. In ihrer komplexen Reise, die sie zu unterschiedlichen Orten und Personen führt, würdigt Alba Zari vor allem, was Michel Foucault „Die Sorge um sich“ nannte, als eine entscheidende Dimension der Intensivierung der eigenen Existenz, wie gleichzeitig auch als eine Widerstandsform gegen standardisierte Ideologien und Verhaltensmustern.

Von Alba Zari; Italien; 2025; 98 Minuten.

Dieter Wieczorek

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Dieter Wieczorek

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