Karlovy Vary 2026: Fruit Gathering von Aung Phyoe erhält den Crystal Globe für den besten Film
Der erste Langfilm Fruit Gathering (Thit-thee Khu) des myanmarischen Filmemachers Aung Phyoe überzeugte und überraschte nicht nur das Publikum des Internationalen Karlovy Vary Festivals, sondern auch die professionelle Jury, die hier ihren Hauptpreis vergab. Der Film offeriert eine fragile Freundschaft zwischen zwei jungen Frauen und zugleich einen differenzierten Einblick in die soziale Lebenswirklichkeit der myanmarischen Kultur. Er unterscheidet sich daher von Anfang an von Werken, die eine eher persönliche und psychologisch orientierte Geschichte auf einen problematischen, meist von Gewalt gezeichneten Hintergrund setzen, etwa ein Kriegsgeschehen, das jedoch nur als Hintergrund fungiert und nicht wirklich elaboriert wird.

© Third Floor Film
Bereits die ersten Szenen in Fruit Gathering führen in die schwüle Hitze einer Bekleidungsfabrik, in der schlecht bezahlte Arbeiterinnen, kontrolliert von etwas besser bezahlten Aufsichtspersonen, ihr langes Tagewerk zu verrichten haben, zu dem sie teilweise lange An- und Abfahrtswege bewältigen müssen.
Die gerade erst engagierte Theint setzt sich sogleich für ihre Kollegin San Kyi ein und verteidigt sie gegen Vorwürfe ihrer Kontrolleurin. Die subtile Kameraführung von DP Thaiddhi fängt, ohne dass es weiterer Worte bedürfte, bereits die latente Unausgewogenheit und Problematik der beiden Frauen ein. Während San Kyis Blick auf Theint von vornherein ein erotisches Begehren zu verheimlichen sucht, ist der konzentrierte Blick Theints eher auf den Geldbeutel San Kyis gerichtet, als sie gemeinsam einen Markt besuchen. San Kyi beschenkt Theint und verschafft ihr eine temporäre Unterkunft, doch diese zögert nicht, sich bald darauf auch Geld leihen zu wollen.
Obwohl in der gleichen Fabrik arbeitend, stammen beide Frauen aus unterschiedlichen Milieus. San Kyis (berührend Nandar Myat Aung) hat familiäre Beziehungen und könnte sich auch in den Wohlstand hineinverheiraten, lehnt dies jedoch ab. Theint (souverän bestimmend Nandar Myint Lwin) ist zu einer härteren Überlebenspragmatik gezwungen und wird sich bald darauf verheiraten, diese Liaison jedoch San Kyi gegenüber zunächst verheimlichen. Theint nutzt die sozialen Beziehungen, die sie über San Kyi erhält, konsequent aus.
Aung Phyoe thematisiert soziale Spannungen auch in seinen Nebenfiguren. Die Mutter San Kyis (dominant manipulativ Thida Soe Khant) will den geliebten heimatlichen Landbesitz verkaufen, um ihre Geschäfte in der Hauptstadt weiterführen zu können. Ihre Grossmutter will ausgehalten werden und hat bald auch mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen, die nicht hinreichend schnell genig kuriert werden. Phyoe deutet hier subtil ein anderes Konfliktfeld an. Das Landhaus und Territorium San Kyis Familie liegen in einer heute umkämpften Zone Myanmars, in der permanent ganze Dörfer abgebrannt werden. Doch zugleich ist diese Region, die des Sammelns von Mangofrüchten, die der Filmtitel anklingen lässt. An diesem Ort lässt uns Phyoes Werk auch an rituellen Festen teilnehmen, in eine noch von Traditionen bestimmte Gegenwelt zur fatalen politischen Realität. Auch die Kameraführung DP Thaiddhi eröffnet immer wieder luftige, grossräumige Perspektiven, die die psychisch und sozial angespannten Beziehungen mit einem gewissen Freiraum umgeben.
Das Leben von vaterlosen und von ihren ländlichen Heimaten getrennten, letztlich auf sich allein gestellten jungen Frauen ist wohl selten so kristallin und subtil eingefangen worden. Die politische Wirklichkeit lässt Aung Phyoe geschickt durch Radionachrichten einspielen, die von vielen aus dem Land fliehenden Männern berichten, die dem Militärdienst entrinnen wollen, der sie verpflichten würde, ihre eigenen Landsleute zu töten, sowie von Frauen, die ausser Landes ihr soziales Überleben sichern möchten.
Emotional ist San Kyi die Schwächere. Als sie versteht, dass ihre Freundin, die weitgehend von ihr profitierte, nach Thailand fliehen will und sie zurücklassen wird, verliert sie gekränkt und enttäuscht die Nerven und sticht auf sie ein. Mehrfach hatte Theint versucht, ihrer Freundin ihre eigene stärkere soziale Abhängigkeit von Jobs für ihr Überleben zu erklären und gleichzeitig Stärke gezeigt, jede Abhängigkeit von ihrer Freundin zurückzuweisen.
Während der Film im westlichen Kontext ab diesem Mord in ein kriminalistisches Szenarium eintauchen würde – Anklage und Verteidigung, Schuld und Sühne, Strafen und eventuelle Vergebung durchspielend –, transformiert sich Fruit Gathering hin zu neuen Plateaus, eine Bewegung, die der Philosoph Gilles Deleuze als „Fluchtlinien“ bezeichnen könnte. Diese überraschenden Wendungen signalisieren selbst in einem global sich normierenden Kontext eine noch mögliche kulturelle Differenz.
Der mortale Akt wird hier aufgefangen, in einer zelebrierten Traumlandschaft transformiert, um schliesslich zu einer milderen Realität zurückzukehren.
In ihre ursprüngliche Heimat unter Mangobäumen zurückgekehrt, tanzt San Kyi in ein traditionelles Fest integriert, aber auch allein auf einem weiten Feld. Theint beobachtet sie und nimmt die auf sie zulaufende San Kyi in ihre Arme. Ein scharfer Filmschnitt führt zurück ins Reale. Auch hier begegnen sich die beiden Frauen noch einmal in einem Bus. Theint hält als junge Mutter ihr Kind im Arm. Die beiden wechseln einen langen Blick, frei von Schuld, Scham und Anklage.
Aung Phyoe offeriert ein Doppelporträt zweier sehr starker und selbstbewusster Frauen, die ihre unterschiedlichen Lebenskontexte als Barriere nicht überschreiten können und sich verletzen müssen. Fallen in einer ersten Lektüre die Sympathien zunächst an die strategisch geschickt getäuschte San Kyi, erweist sich diese Perspektive bei genauerer Perzeption als zu kurz gefasst. Der Regisseur vermeidet jede parteiliche Simplifizierung. Die kalkulierende Theint wird nie als kalt manipulierend karikaturisiert. Sie zeigt wirkliche Gefühle für ihre sinnlich-emotionsgeladene Freundin. Doch es bleibt der zu einer rationalen Gefühlskontrolle gezwungenen Frau nicht viel Spielraum. Ähnlich wie San Kyi die Manipulationsversuche ihrer Mutter schon ab ihrer frühen Jugend zurückwies, verweigert Theint ihrer Freundin, auf ihr Leben entscheidenden Einfluss zu nehmen. Aung Phyoe verknüpft intime Gefühle und soziale wie politische Kontexte zu einem eindringlichen, kosmopolitischen Werk.
Von Aung Phyoe; mit Nandar Myat Aung, Nandar Myint Lwin, Thida Soe Khant, Tin Tin Ei, Min Nyo; Myanmar, Tschechische Republik, Frankreich; 2026; 97 Minuten.
Dieter Wieczorek, Karlovy Vary
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