Karlovy Vary 2026: Rehearsals For a Revolution – Die Iraner haben es mehrfach versucht
Ist eine Revolution gegen eine konsolidierte Militärdiktatur möglich?

Bild mit freundlicher Genehmigung Karlovy Vary IFF
An das Leiden des iranischen Volkes der jüngsten Geschichte in Form eines Dokumentarfilmes zu erinnern ist allein schon deshalb ein kulturell wertvolles Projekt, da zwischen dem Wissen der Fakten und der unmittelbaren Anschauung eine weite Kluft liegt. Auch tut das Regime alles, um die Unterdrückung von Widerstandsbewegungen medientechnisch zu verhindern. Findet sich eine Dokumentation noch zusätzlich realisiert aus der Nahansicht einer Familiengeschichte, angereichert mit Familien- und Archivfotos, Zeitungsartikeln, Tonaufnahmen, YouTube und offiziellen TV-Sequenzen, Briefen und involviert kommentiert, gewinnt das Werk eine spektrale Tiefe. Dies sah auch die Jury des Dokumentarfilms in Cannes aktuellem Festival, die Pegah Ahangaranis Rehearsals For a Revolution, ihr erster Feature Dokumentarfilm, mit ihrem Hauptries L’Œil d’or ehrte. Das Karlovy Vary International Film Festival gab seinem Publikum nun die Chance, das komplexe Werk zu entdecken.
Mit beeindruckender Aufrichtigkeit integriert die Filmemacherin ihre Zweifel an ihrem eigenen Filmprojekt und dessen möglicher Bedeutung in ihr Werk. Sie gibt Momente ihrer Orientierungslosigkeit und selbst explizite Schuldgefühle preis.
Bereits zu Anfang erinnert sie an ihren Vater Jamshid Ahangaran, den sie als Held und furchtlosen Kämpfer verehrte. Er hatte sich als einer der ersten freiwillig an die Front des Iran-Irak-Krieges gemeldet, den er als Kampf gegen die Hegemonialansprüche der USA deutete. Als er nach 8 Jahren schwer verletzt zurückkehrte, hatte sich seine Haltung traumatisch verändert.
Enthusiastisch hatte er mit seiner Frau Manijeh Hekmat, beide Filmemacher, die erfolgreiche Revolution Khomeinis gefeiert. Doch bereits in seinem letzten – geheimen Brief an seine Frau heisst es: Alle meine Freunde sind bereits im Dreck begraben. Später muss er sich mit der Tatsache konfrontieren, dass auch sein bester Freund, mit dem er gemeinsam Filme drehte, exekutiert worden war, da er „antirevolutionäre“ Flugblätter verteilt hatte.
Der Krieg kostete 200 000 Todesopfer. Gleichzeitig wurden unter Khomeinis Regime weitere 15 000 als politische Gefangene exekutiert. Aus der „Lichtfigur aller weltweit Unterdrückten“, als die Khomeini einst begrüsst worden war, als Widerstandsfigur gegen die von den USA assistierten Profiten der britischen Ölindustrie, für deren Garant der gestürzte Schah Mohammad Reza Pahlavi 1941 eingesetzt worden war. Glaubten die Iraner noch, unter einer religiösen Führung zu einer nationalen Souveränität und Autonomie zurückkehren zu können, nutzte und perfektionierte der neue Führer lediglich das bereits gut vorbereitete Überwachungs- und militärisch gesicherte Oppressionssystem, hinreichend komfortabel ausgestattet mit einem Budget von ca. 200 Milliarden US-Dollar.
In permanenter Moderation begleitet Pegahs Kommentare die Vielzahl der Dokumente und Bildmaterialien. Der Vater wird nie wieder eine Kamera in die Hand nehmen, Pegahs Mutter hingegen macht sich als besondere Frauenthemen ansprechende Filmemacherin einen eigenen Namen. Ihre Tochter leidet unter den dauernden Ortswechseln ihrer Mutter, sehnt sich nach einem Zuhause. Als beste Freundin der Tochter einer liebevollen Familie findet sie dort Unterschlupf. Noch wichtiger wird für Pegah die Begegnung mit ihrer Literaturlehrerin, eine lebensfrohe, anmutige und schöne Frau, die sie zu einem Familienfest einlädt, wo viel Wein fliesst und getanzt wird. Die ausgelassene Lehrerin trägt hier keinen Hijab. Pegah macht Fotos von dieser bewunderten, unabhängigen und unverschleierten Frau und organisiert darauf kleine Ausstellungen mit diesen Werken. Dies bleibt der Schulleitung nicht verborgen, sie wird verhört und ihre Fotos gesichtet. Diese Lebenssequenz repräsentiert Ahangarani in Form eines dämonischen Animationsfilms. Die nächste Schulzeremonie beobachtet sie distanziert und beschafft Archivbilder, die das Kollegium als eine Ansammlung morbider Totengräber ins dokumentierende Bild bringt.
Ihre Lehrerin wird entlassen. Mit verzweifelten Schuldgefühlen belastet, findet sie bei ihrer Mutter emotionale Unterstützung. Zum ersten Mal freimütig mit ihrer Tochter sprechend, stellt die erfahrene Frau aus einer politischen Perspektive die Schuldfrage. Pegah tritt aus der Schule aus und studiert nachts weiter. Tagsüber schafft sie sich ein Auskommen als Schauspielerin. In einer ihrer ersten Rollen spielt sie eine junge Frau, die aus der Schule austritt. Ihre Mutter lässt ihr Schauspieltalent zur Entfaltung kommen. Und plötzlich meldet sich ihre Lehrerin, mittlerweile nach Deutschland geflohen, per Telefon und gratuliert ihr zu ihrem schauspielerischen Schaffen. In den folgenden Dekaden wird sie in 40 Spielfilmen auftreten und gleichzeitig in Form von Kurzfilmen sich als Dokumentarfilmregisseurin profilieren.
Tumulthafte Ereignisse folgen. Einerseits organisiert sich die Frauenrechte verteidigende Bewegung „Women, Life, Freedom“, der Ahangarani folgt. Andererseits ist sie 1990 mit dem Selbstmord ihres Onkels Rashid konfrontiert. Dieser, bereits traumatisiert durch die Bombardierung seiner Schule während des Krieges, wird enthusiastischer Zeuge der 40 000 Studenten vereinenden Proteste, darauf jedoch Opfer deren brutaler Niederschlagung. Die verfehlte Rebellion spaltet die Bevölkerung; wie er desillusioniert beobachtet, nur erneut.
Für eine kurze Zeitspanne ist für die rebellierende Jugend der neue liberale Präsidentschaftskandidat Mohammad Khatamis ein erneuter Anlass zur Hoffnung, verkündet dieser doch, dass ein Land nicht mit Religion und Tradition geleitet werden könne und kündigt Redefreiheit an. Doch die Studentenwohnhäuser, in die auch ihr Onkel gezogen war, werden brutal gestürmt. Gefangene werden gemacht. In Isolationshaft wird Rashid gefoltert. In Zellen eingespritztes Tränengas verletzt seine Augen dauerhaft. Die zu allem bereiten, „Freiheit oder Tod“ deklarierenden Studenten werden erneut militärisch niedergeschlagen. Kritische Zeitungen werden aufgelöst.
Drei Millionen protestieren noch einmal als „Green Movement“ 2009 auf den Strassen. Erneut verlieren Hunderte von Protestierenden ihr Leben. Pegah riskiert auch hier noch zu filmen, auf der Suche nach ihrem politisch aktiven besten Freund, dann auf der Flucht in Hauskorridore. Gleichfalls desillusioniert verlässt ihr Freund, wie sie später erfährt, nach dieser erneuten Gewaltmanifestation das Land. Sie sieht ihn nie wieder.
Auch Pegah flieht und lebt heute in London. Ihr offensichtlich freudig ausgelassenes Abschlussfest erscheint ihr selbst im Nachhinein am Montagetisch fremdartig. In ihrer neuen Heimat heiratet sie und bekommt eine Tochter namens Lily, der sie nur Geborgenheit und Lebensfreude vermitteln möchte. Die Tochter ist auch das einzig wirkliche Gegengewicht zu ihrer Sehnsucht, in den Iran zurückzukehren, ein Projekt, zu dem ihr niemand rät, besonders nicht angesichts der neuen Massaker des Jahres 2026, das grösste in der jüngeren Geschichte des Irans.
Doch in der Ferne lebend erscheint der Regisseurin ihr Leben bedeutungslos. Diesen Konflikt trägt sie in ihren Film hinein, in Zweifel darüber, wie er enden kann. Ist ihr Film nur Ausdruck eines schlechten Gewissens, nicht am Ort ihrer Familie, Freunde und Aktivisten zu sein? Sie filmt die Leere der Timeline auf ihrem Computer. Ihre innere Krise wird hier unmittelbar fühlbar. Fünf der wichtigsten Personen ihres Lebens wurden je ein Kapitel in ihrem Film gewidmet. Nach jeder dieser Episoden blendete sie per Schrifttafel die wichtigsten globalpolitischen Fakten ein.
Dann bricht der Krieg aus. Die Hoffnung, dass nun ein Umsturz möglich wäre, verkehrt sich in sein Gegenteil. Die aggressiven US-Attacken bringen die iranische, einen Umbruch ersehnende Bevölkerung nur noch mehr unter Druck, mit dem Vorwurf, ihr eigenes Land zu verraten. Eine erneute Stagnation des Widerstandes ist die Folge, dank Trump.
Schliesslich findet Pegah Ahangarani eine finale Sequenz der Hoffnung. Es ist ihre Tochter. Sie will ihr noch viele Geschichten erzählen über all diejenigen, die nicht aufgaben. Ihr Film ist hier ein Anfang. Und eines ist gewiss: auch dieses Terrorsystem wird enden. Doch zu vergessen ist ebenso nicht, vielleicht wird das nächste Kontrollsystem, nicht nur im Iran, noch perfekter sein und keiner Tortur mehr bedürfen.
Von Pegah Ahangarani; Tschechische Republik, Spanien; 2026; 95 Minuten.
Dieter Wieczorek, Karlovy Vary
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