Karlovy Vary 2026: Hijamat von Nader Saeivar – Ideologische Religiosität, mentale Manipulation und ihre Opfer
Bereits die erste Szene führt uns in die Mitte einer muslimischen Gemeinde in Berlin. In einem grossen Festsaal proklamiert der Imam die Beschneidung als „natürliche Notwendigkeit“. Für seine Rede erhält er Applaus. Wenige Augenblicke später wird am selben Ort ein junger Mann tätlich von einer Männergruppe angegriffen, der als Homosexueller geoutet wurde. Diffamierende Fotos zirkulieren im Internet. Dieser junge Mann namens Kerem (Empathie evozierend: Jael Cem Ilhan) ist der jüngere Bruder von Murad (dynamisch stark: Kida Khodr Ramadan), der herbeieilt, um ihn zu schützen.

Bild mit freundlicher Genehmigung Karlovy Vary IFF
Patriarchalische Strukturen und obskure Gottesdiener in Nahansicht
Sogleich eröffnet Nader Saeivar im Karlovy Vary Internationalem Film Festival seine Weltpremiere feiernde Film Hijamat den Blick auf ein konfliktreiches Milieu einer der türkischen Enklaven in Deutschland. Eine Moschee ist im Bau. Die Kosten müssen noch gedeckt werden. Religiöse Riten bieten den Gläubigen fern ihrer Heimat einen emotionalen Halt, eine Identität im immer noch fremden Land.
Der komplexeste Protagonist in Saeivars Werk ist Murat, der ebenfalls zu Beginn des Filmes seinem Sohn zu erklären versucht, dass es verschiedene Formen gibt, Muslim zu sein. Er selbst und seine Familie aber sind mit einer der radikalsten und aggressivsten Ausartungen konfrontiert, inkarniert in einem rhetorisch beflissenen Imam (elegant suggestiv: Aziz Çapkurt). Er rät, Kerem nicht zu oft allein zu lassen, damit die Indoktrination durch Gruppennorm ihre Wirkung zeigen kann.
Der Imam setzt alle mentalen Mittel ein, um den hochsensiblen und fragilen Kerem von seiner Homosexualität abzubringen. Er entwirft Höllenszenarien der ewigen Qual und Tortur, die er zu erwarten habe, perfider noch, die auch alle seiner Familienangehörigen zu erleiden haben werden, sagt er seinem Begehren nicht ab. Er treibt den jungen unsicheren Mann systematisch in eine Selbstmordkrise. Häufige epileptische Anfälle sind bereits Anzeichen seines bedrohlich kritischen Zustands.
Alle Versuche Murads seinem Bruder Selbstbewusstsein und Widerstandskraft entwickeln zu lassen, werden von seiner eigenen Familie boykottiert. Selbst angesichts von Morddrohungen weigert sich der Familienvater, nach polizeilicher Hilfe zu fragen. Für ihn bleibt alles Familiensache. Die Mutter will Kerem verheiraten. Der Imam rät zur Rückkehr in die Heimat. Von der damit verbundenen Aufgabe des Restaurants im Besitz dieser Familie würde er profitieren.
Saevars vielschichtiges Familienporträt gewinnt noch an Komplexität, da auch Murad homosexuell orientiert ist, sich aber jedes Ausleben seiner Neigungen sein Leben lang verboten hat bis zu dem Grade, diejenigen sogar zu bedrohen, die ihm nahe kommen wollen. Er hat sich in eine Ehe geflüchtet und damit das Leben seiner einst jungen Frau Leyla (Nicolette Krebitz) zerstört, die damals wie heute keine andere Wahl und Bleibe hat. Als 13-jährige Muslimin musste sie zusehen, wie Serben ihre Eltern vor ihren Augen töteten. Sie selbst wurde zur Christin umerzogen. Endlich befreit in Deutschland, wagte sie lange nicht, eine Moschee zu betreten. Sie beschreibt ihr Schicksal als ein langsames Absterben ihres Selbst. Erst tue es weh, dann gewöhne man sich daran und endlich ist man zu einer anderen Person geworden.
Auch Murad folgte Anpassungsstrategien. Der propagandistischen Behauptung des Imams, nur dessen Gebete hätten seine Unfruchtbarkeit getilgt, widerspricht er nicht, obwohl er weiss, dass es eine medizinische Intervention war, die ihn zum Vater werden liess.
Murad sorgt sich auch um eine andere Aussenseiterin. Margot gehörte viele Jahre eng zur Familie, nun aber dement geworden, dominieren ihre Traumata das Geschehen. Hilflos meint sie, politisch verfolgt zu sein, leidet an Schuldgefühlen und glaubt in ihrem Delirium gleichzeitig an eine baldige Wiederbegegnung mit ihrem während ihrer Flucht aus der DDR getöteten Partner. Eindringlich inkarniert Nastassja Kinski diese zerbrechliche und linkische, zwischen Hysterie und Anhänglichkeit zirkulierende gealterte Frau. Murad weigert sich, sie in ein Altersheim einzuliefern. Integration ist sein Credo. Im gleichen Sinn fordert er seinen Bruder auf, seinen Geliebten zum Essen ins Haus zu bringen. Auch dieser wurde systematisch bedroht und flüchtete sich schliesslich in die Verkleidung eines uniformierten Soldaten der DDR-Ära mit Spielzeuggewehr.

Bild mit freundlicher Genehmigung Karlovy Vary IFF
Diese Ethik der Integration verlangt Murad auch vom Imam. Der jedoch inszeniert sich als Stimme Gottes und verweist auf unumstössliche religiöse Gesetze, auf das durch Gott fixierte Universum und unveränderliche Naturgesetze. Mit grosser Geste weist er auf seine Bücherwand. Doch hätte er diese Bücher wirklich studiert, würde er wissen, dass es auch im Islam Tendenzen gibt, Homosexualität zu tolerieren, und ebenso, dass nicht alle niedergeschriebenen Höllenszenarien so pathetisch sadistisch sind wie die von ihm deklarierten. Vor allem aber könnte er auch im Islam Aufrufe finden, homosexuelle Menschen mit Würde, Respekt und ohne Diskriminierung zu behandeln. Dieser Imam dagegen fordert von Murad, ihm zu danken für seine Zuwendung und Mühe, seinen Bruder in die Glaubensgemeinschaft zurückzuholen. Ohne dieses Zutun wäre er bereits der Scharia zum Opfer gefallen.
Saeivar analytische Dechiffrierung – nicht nur islamischer – religiöser Dominanz ist der wohl wichtigste Aspekt seines vierten Spielfilmes Hijamat. Die perfide Strategie, erst einen Angstapparat zu errichten, um sich dann als Befreier feiern und bezahlen (!) zu lassen wird hier kristallin deutlich. Hijamat bleibt auch in Erinnerung wegen eines kurzen Dialoges zwischen Murad und seiner Frau Leyla, die er um Verzeihung bittet für das gemeinsam versäumte Leben. Sie antwortet: Manchmal ist Verzeihen sinnlos, es macht die Menschen nur kleiner, es ist ein leerer Heroismus, ein sinnloser Stolz.
Nader Saeivar eröffnet in seinem Werk auch eine Gegenwelt zur anhaltenden Aggression und Konfrontation. Schliesslich lässt sich Murad auf das Angebot eines viel gereisten, erfahrenden Heilers ein. Er betritt dessen labyrinthische, nur durch Kerzen beleuchtete Räume. In dieser spirituellen, ideologiefreien, an Initiationsrituale erinnernden Atmosphäre sehen wir Murad sich erstmalig entspannen. Dort hören wir auch die wunderbare Anekdote über die alle Dogmen überschreitende innere Freiheit, die der Heiler Murad als ein Aperçu der Lebensweisheit offeriert.
Jafar Panahi kollaborierte als Produzent und Editor an diesem in Karlovy Varys Crystal Globe Wettbewerb aufgenommenen Werk, dieser eindringlichen Warnung vor religiöser Hypokrisie.
Von Nader Saeivar; Deutschland; 2026; 103 Minuten.
Dieter Wieczorek, Karlovy Vary
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