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Karlovy Vary 2026: The Guest (Gæsten) von Mads Mengel – Schuld und Sühne im bourgeoisen Kontext

Vibeke (grossartig komplex dargeboten von Trine Dyrholm) ist eine selbstbewusste Frau. Anpassungsfähigkeit und Wohlverhalten waren nie ihre Stärke. Sie war gewiss keine ideale Mutter, um es vorsichtig auszudrücken. Bis zu dem Grade, dass ihr Sohn Karl in panischen Schrecken gerät, als sie unangemeldet zur Tauffeier seines ersten Sohnes erscheint. Er versucht alles, um die Situation unter Kontrolle zu halten. Vor allem sorgt er sich um die kontrollierte Einnahme der Medikamente seiner Mutter.

Das Fest der eindringenden Wahrheit

Mads Menge im diesjährigen Crystal Globe Hauptwettbewerb des Karlovy Vary International Film Festival präsentiertes Werk The Guest ist eine zugleich psychologisch wie soziologisch genau beobachtende Studie. Schuld und Sühne, Trauma und Vergebung sind die eigentlichen Themen des bourgeoisen Festes unter Freunden, Bekannten und Angehörigen, während sich diese wohl situierte Gesellschaft vorwiegend selbst feiert. Alles folgt einem Protokoll mit dem Ziel ungestörter Harmonie und sich bestätigender Geselligkeit.

— Trine Dyrholm – The Guest (Gæsten)
Bild mit freundlicher Genehmigung Karlovy Vary IFF

Menge lässt in seinem Film offen, welche erheblichen Fehler Vibeke einst unterlaufen sind. Nun aber will sie offensichtlich nur wieder Teil ihrer Familie sein. Ihr durchaus sensibles Verhalten zu Beginn deutet darauf hin, dass sie sich verändert hat. Will ihre Tochter Rikke (Josephine Park) ihr die Chance eines Neuanfangs zugestehen, versucht ihr Sohn Karl (Simon Bennebjerg) alles, sie so fern wie möglich zu halten. Er geht so weit, zum Unmut der anwesenden Tischgesellschaft, ihre Handtasche nach Medikamenten durchzuwühlen. Langsam gerät die zunächst gutgelaunte und versöhnlich gestimmte Mutter in eine Widerstandsbewegung. Ab da an driftet das Geschehen auf eine Eskalation zu.

In einer ersten beunruhigenden Szene läuft Vibeke mit ihrem im Meer zu taufenden Enkel weit weiter in das an Tiefe zunehmende Uferwasser hinein, als es vorgesehen war. Für ihre Angehörigen und die mittlerweile allesamt nervösen Gäste ein Alarmzeichen. Die ebenfalls im Wasser stehende Mutter der Braut bedauert lediglich, dass ihre Kleider nass werden. Doch Vibeke ist eine wilde und dynamische Frau, die ihr Leben lang ihre ungezähmte Lebensenergie ausgelebt hat. Ein weiterer Fauxpas geschieht bald darauf, als sie aktiv an einem Fussballspiel mit Jugendlichen teilnimmt, ohne ihre Hose zu tragen, die sie nach dem Taufakt zum Trocknen ausgelegt hatte. Der Höhepunkt der Eskalation vollzieht sich dann während der Taufreden. Vibeke verlässt angesichts einer lieblich süssen und naiven Rede den Tisch und kehrt dahin zurück, um alle Tabus zu durchbrechen. Sie lässt alte Wunden aufflammenden und bringt die traumatische Familiengeschichte samt ihrer Rolle als allein stehenden Mutter auf den Punkt. Sogar ihre Enttäuschung über das Schicksal ihres hochtalentierten Sohnes, der es nur zum Autoverkäufer gebracht hat, spricht sie laut aus.

Diese explosive Tischrede, die alle Hypokrisie entlarvt und systematisch Verschwiegenes elaboriert, erinnert gewiss an Thomas Vinterbergs Festen, das erste Werk der mit Lars von Trier gegründeten Dogma-95-Bewegung, das 1998 in Cannes mit dem Preis der Jury gekrönt wurde. Dort war es der 60. Geburtstag eines Patriarchen, während dessen alles aus den Ufern geriet. Kam dieser Film ebenfalls aus Dänemark, so erinnert auch der kürzlich in Finnland produzierte Kurzfilm A Sudden Appearance des Regisseurs Arman Zafari an eine ähnliche Problematik. Auch hier erscheint die Mutter, eine ehemalige Alkoholikerin, unangemeldet auf der Geschäftsfeier ihres Sohnes, der sie daraufhin öffentlich mit all ihrem einstigen Versagen konfrontiert und mit aggressiver Energie in seiner Rede blossstellt, da er irrtümlich annimmt, sie habe kurz zuvor im Schlafzimmer ein Schmuckstück gestohlen. Gewiss zu erinnern wäre hier auch an Rúnar Rúnarsson mehrfach preisgekrönten isländisch-schwedischen Kurzfilm O, in dem ein schwer alkoholabhängiger Vater mit besten Intentionen zur Hochzeitsfeier seiner Tochter gelangt und dort die Kontrolle verliert.

Die unter grossen Spannungen aufrechterhaltene bürgerliche Oberfläche des Wohlverhaltens findet sich in einer Vielzahl von Werken aus den nördlich europäischen Ländern thematisiert. The Guest verlängert diese Reihe um einen weiteren eindringlichen Beitrag. Menge gibt in seinem Debütfilm seiner Schauspielerin Trine Dyrholm breiten Raum, um den komplexen Charakter Vibekes entfalten zu können. Sie ist zu zärtlichen und einfühlsamen Tönen ebenso fähig wie zu einer radikal verletzenden Wahrheitsrede. Sie ist eine „unzivilisierte“ Frau in dem Sinne, dass sie gängige soziale Verhaltensnormen nie wirklich akzeptiert, sondern sie bestenfalls temporär ausführt. Für den Zuschauer ist evident, dass ihr Leben nicht einfach war und sie nun schlicht zu einer Art Frieden in ihre Familie zurückkehren will. Doch das Misstrauen ihrer eigenen Kinder lässt sie erstarren und zu einem erneuten Angriff übergeben. The Guest ist die Geschichte einer versäumten Begegnung und Heimkehr, an der die sozialen Normen einer wohlhabenden Gesellschaftsschicht eine nicht unerhebliche Rolle spielen.

Nur die Jugendlichen feiern Vibeke: Sie integrieren sie sofort in ihre ausgelassenen Aktivitäten. Dieser Partygruppe überliess sie nachts zuvor ihr eigenes Hotelzimmer, damit die lärmenden Feiernden den Schlaf ihrer Enkelin und Kinder nicht weiter störten. In dieser jungen Gesellschaft findet Vibeke ihren Platz.

Mads Menge schafft ein luzides Werk der Decodierung hypokriter, auf Bestätigung und Anerkennung ausgerichteter Verhaltensmuster. Die sozialen Kompromisse lassen Opfer zurück. Eine ungezähmte Existenz wie Vibeke findet hier weder Ort noch Widerhall. The Guest wurde in Karlovy Vary der Special Jury Preis und der Best Director Award zugesprochen.

Von Mads Menge; Dänemark ; 2026; 99 Minuten.

Dieter Wieczorek, Karlovy Vary

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Dieter Wieczorek

Journaliste/Journalist (basé/based Paris-Berlin)

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