Pompeji: Unter den Wolken (Sotto le nuvole) – Gut beobachtender Bilderbogen aus Neapel
Gianfranco Rosi ist mittlerweile der bekannteste Dokumentarfilmer Italiens. Seine Filme zeichnen vor allem den beobachtenden, unkommentierten Stil (à la Frederick Wiseman) und die Vielfalt der Beobachtungen zu einem Ort oder Thema aus. Und er lässt sich viel Vorbereitungszeit für sein Gezeigtes, vor allem, um bei porträtierten Personen vorher Vertrauen zu schaffen. Bekannt wurde er bereits 2010 mit seinem Film Il Sicario, Room 164, in dem er einen mexikanischen Drogenkartellkiller interviewte, komplett in einem Hotelzimmer gedreht. Bereits dieser Film gewann zwei Nebenpreise in Venedig. Und er wurde danach immer in den Wettbewerb von Venedig oder Berlin eingeladen. 2013 gewann er den goldenen Löwen in Venedig für Sacro gra (Das andere Rom), der Personen und alltägliches Leben neben Roms Ringstrasse zeigt. Mit Fuocoammare (Seefeuer) gewann er 2016 dann den goldenen Bären der Berlinale. Der Film zeigt den Alltag der dort lebenden Menschen und der Flüchtlinge auf Lampedusa. Nach Notturno (2020) über das Überleben zwischen den Kriegen im Nahen Osten und In Viaggio (2022) über die Reisen von Papst Franziskus gewann 2025 sein Pompeji:Unter den Wolken (Sotto le nuvole) in Venedig den Spezialpreis der Jury.

Foto mit freundlicher Genehmigung MUBI
Wenn man an Pompeji denkt, denkt man zunächst an antike Funde und den Vulkan Vesuv. Doch der Film ist viel mehr. Der Film ist ein bunter Bilderbogen (in Schwarz/Weiss) über das Leben in Neapel, wo man schon immer mit der ständigen Angst leben muss, dass der Vulkan ausbricht oder die Erdbeben immer stärker werden. Gezeigt wird das Leben der Vergangenheit und der Gegenwart mit verschiedenen Bildern aus allen Bereichen. Ein Schwerpunkt ist die Notrufzentrale Neapels, wo Anrufe unterschiedlichster Art eingehen. Es gibt bei kleinsten Erdstössen viele ängstliche Nachfragen, ob der Vulkan ausbricht, Hilferufe bei schlagenden Ehemännern, Anzeigen über randalierende Jugendliche, die Feuer legen, aber auch den „Stammkunden“, der die Uhrzeit wissen will. Da gibt es Bahnfahrten durch die Umgebung, den Bibliothekar, der Kindern Nachhilfe gibt, sei es in Mathematik oder als Anleitung zum Kochen oder das Katalogisieren zwischengelagerter Funde aus der Vergangenheit im Museumskeller. Auch mit syrischen Besatzungsmitgliedern eines Getreidefrachters aus der Ukraine wird gesprochen und ihre Angst vor dem Tod durch Bomben wird nicht ausgespart.
Ein weiterer Schwerpunkt ist aber die archäologische Ausgrabung, sei es in einer früheren Villa von japanischen Forschern (die auch Touristengruppen begrüssen) oder Museumsmitarbeitern, die Fotos von Artefakten machen. Vor allem wird aber das Problem der Grabräuber gezeigt. Da werden kilometerlange Tunnel gegraben, um möglichst Wertvolles zum Verkauf zu finden. Abgerundet wird das Ganze durch Filmausschnitte, die auf der Leinwand eines abbruchreifen Kinos gezeigt werden. Von Dokumentarfilmbildern über Grabräuber, über Stromboli von Roberto Rossellini bis zum Stummfilm Die letzten Tage von Pompeji.
Typisch Rosi: Ein erneut fesselndes Werk, das trotz seines Anspruchs eine bemerkenswerte Kurzweiligkeit besitzt.
Der Film ist seit dem 27. März auf MUBI zu streamen.
Harald Ringel
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