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Sich langsam nähern von Maria Arlamovsky – Dem Tod begegnen, das Leben begleiten

Ein Lachen steht am Ende der ersten Szene. Eine Gesprächsgruppe, angeleitet von einer Frau, die die Anwesenden durch einen Moment der Einkehr begleitet. Der Film setzt erst gegen Ende der Sitzung ein, als die Teilnehmenden von ihrer inneren Reise berichten, und schneidet unvermittelt auf einen Heiterkeitsausbruch. Die Ellipse ist klug gesetzt. Sie sagt in wenigen Sekunden, worum es Maria Arlamovsky geht: Selbst dort, wo das Thema schwerer kaum sein könnte, behält das Leben seinen Platz. Dass in der Runde auch Menschen mit unterschiedlichen Herkunftsgeschichten zu Wort kommen, fügt sich beiläufig in das Bild einer Gemeinschaft, die offen bleibt.

— Sich langsam nähern von Maria Arlamovsky
© sixpackfilm

Dann erscheint der Titel vor einem etwas kitschig anmutenden Wolkenhimmel, auf den auch der programmatische Text projiziert wird: „ In modernen Gesellschaften werden das Lebensende und der Tod zunehmend verdrängt. Der Tod wird nicht mehr als unvermeidlich betrachtet, sondern als etwas, was durch Medizin und Technik beherrschbar werden sollte. Die Palliativ- und Hospizbewegungen möchten dem etwas entgegensetzen. Die letzte Lebensphase sowie der Tod sollen als bedeutsame Abschnitte des Lebens bewusst wahrgenommen und betreut werden.“ Diesen Anspruch greift Arlamovsky auf und entfaltet ihn in sieben Kapiteln auf der Palliativstation des Wiener Allgemeinen Krankenhauses und in der ambulanten Hospizbetreuung. Dazu erklingt die sanfte Musik von Susanna Ridler.

Die Kamera bewegt sich ruhig und respektvoll zwischen Pflegenden und Patient:innen. In Nahaufnahmen verweilt sie bei Händen und Gesichtern; wenn sie hingegen jene wenigen, schwierigeren Momente einfängt, in denen Patient:innen beim Aufstehen, Hinsetzen oder Hinlegen auf die Unterstützung einer Pflegefachperson angewiesen sind, geht sie auf Distanz und wählt weitere Einstellungen. Die Würde der Porträtierten bleibt dabei stets gewahrt, ohne dass der Film sie eigens beschwören müsste. Er führt auch ins Stationsbüro, wo über die Patient:innen gesprochen wird und wo sich entscheidet, welche Massnahmen noch sinnvoll sind und welche nicht mehr. Bemerkenswert ist, wie aufmerksam Pflegende und Verantwortliche zuhören – nicht nur, wenn es um körperliche Schmerzen geht, sondern auch dann, wenn Patient:innen von Persönlichem erzählen, von der Welt ausserhalb des Spitals oder von ihrer Vergangenheit.

Ein Patient sagt, er wisse, dass dies für ihn die Endstation sei, bedankt sich aber zugleich dafür, wie sehr ihm dieser Ort die Situation erleichtere. An anderer Stelle wird eine Frau zu Hause von einer Pflegefachperson betreut. Im Mittelpunkt stehen die individuellen Gespräche mit den Patient:innen und die Rückmeldungen, die zwischen ihnen und den Begleitenden ausgetauscht werden. Dabei geht es ebenso um Gefühle, Angst und Unsicherheit. Die Begegnungen wirken beruhigend, weil Begleitende und Begleitete einander auf Augenhöhe begegnen. Hier wird nicht einfach über Menschen verfügt: Sie bleiben Partner in einer Situation, in der vieles ihrer Kontrolle entgleitet.

Die sieben Kapitel geben dem Film eine klare Struktur. Sie erinnern auf den ersten Blick an das Fünf-Phasen-Modell der Trauer, das die Psychiaterin Elisabeth Kübler-Ross 1969 in On Death and Dying (Interviews mit Sterbenden) formulierte und das ursprünglich die Reaktionen todkranker Menschen beschreiben sollte, später aber auch auf die Trauer von Angehörigen übertragen wurde. Der Vergleich hat allerdings seine Grenzen. Während Kübler-Ross psychische Reaktionen in Phasen zu fassen versuchte, nutzt Arlamovsky die sieben Kapitel ihres Films, um das Gefüge rund um das Lebensende zu erkunden: die Sterbenden, die sie begleitenden Fachkräfte und die Angehörigen, aber auch die Institutionen und Praktiken, die diese Begleitung ermöglichen.

Dramaturgisch verleiht diese Gliederung dem Film ein Rückgrat. Sie gibt dem Schnitt Orientierung und bewahrt die Annäherung vor unnötigem Pathos. Gleichzeitig haftet dem Verfahren etwas Katalogartiges, beinahe Gebrauchsanweisungshaftes an. Ein solcher Aufbau könnte den Eindruck erwecken, das Sterben lasse sich in überschaubare Abschnitte einteilen, obwohl jeder Mensch anders mit dem Lebensende umgeht und kein Weg dem anderen gleicht. Gerade diese Spannung macht die gewählte Form jedoch interessant: Sie bietet eine Perspektive, ohne die Vielfalt individueller Erfahrungen ganz auflösen zu können.

Die sieben Kapitel regen jedoch auch dazu an, über den Film hinauszudenken. Denn die Frage, wie Menschen am Lebensende begleitet werden, betrifft nicht nur Einzelne. Sie ist auch eine gesellschaftliche und politische Frage. Wer trägt die Kosten einer solchen Betreuung? Wer finanziert die spezifischen Ausbildungen, die sie voraussetzt? Und wie lässt sich gewährleisten, dass möglichst viele Menschen Zugang zu einer Begleitung erhalten, die ihre Bedürfnisse und ihre Würde ernst nimmt? Auch wenn der Film diese Fragen nicht ausdrücklich stellt, drängen sie sich angesichts dessen, was er zeigt, umso mehr auf.

Wie wichtig diese Form der Begleitung auch für die Angehörigen ist, zeigt sich besonders deutlich, wenn der Film sie in den Blick nimmt. Im Kapitel „Begreifen“ kehrt die Gesprächsgruppe zurück, diesmal in kleinerer Runde: Einige Frauen sprechen über Menschen, die sie verloren haben. Die Trauer erhält hier einen eigenen Raum, ohne dass der Film sie erklären oder therapeutisch einordnen müsste. Im anschliessenden „Begleiten“ wird deutlich, dass die Unterstützung am Lebensende nicht bei den Patient:innen aufhören darf. Auch ihre Angehörigen benötigen Begleitung, werden mit ihrer Angst und ihrer Hilflosigkeit jedoch allzu oft allein gelassen.

In den Gesprächen zwischen Pflegefachkräften und Patient:innen fällt ein Wort besonders häufig: „gemeinsam“. Gemeinsam werde nach einer Lösung gesucht; gemeinsam müsse man auch mit den Kindern sprechen. Das Wort klingt unscheinbar, bezeichnet aber eine Haltung, die den ganzen Film prägt. Entscheidungen werden nicht bloss mitgeteilt, sondern möglichst zusammen erarbeitet. Eine Patientin hat Tränen in den Augen, und es geht ihr dabei weniger um sich selbst oder ihre Kinder als um die Beziehung zu ihrer Mutter, die unter der Situation leidet. Es widerspricht ihrer Vorstellung von der Ordnung des Lebens, vor den eigenen Eltern zu sterben. In solchen Momenten zeigt sich, wie weit die Erfahrung des Sterbens über den Körper des einzelnen Menschen hinausreicht: Sie berührt Beziehungen, Generationen und Vorstellungen davon, wie das Leben verlaufen sollte.

Eine andere Form der Aufmerksamkeit steht im Kapitel „Haltung“ im Zentrum. Ein Workshop beginnt mit einem Moment persönlicher Meditation. Die Leiterin stellt die Frage, wie wir einem Menschen begegnen: mit unserer Stimme, unserer Sprache und unserer nonverbalen Kommunikation. Stimmen Worte und Verhalten nicht überein, erklärt sie, spürten gerade schwer kranke Menschen diesen Widerspruch. Sie würden sich dann womöglich innerlich zurückziehen, weil sie sich nicht ernst genommen fühlten. Bei Menschen in besonders verletzlichen Situationen sei diese Form der Begegnung entscheidend.

— Sich langsam nähern von Maria Arlamovsky
© sixpackfilm

Was Arlamovsky hier sichtbar macht, geht über die Vermittlung professioneller Techniken hinaus. Sie öffnet einen Raum, der im Alltag des Spitals häufig hermetisch bleibt: den Raum zwischen Patient:innen, Pflegenden und Angehörigen. Zu oft scheinen die Rollen bereits festgelegt – hier die Wissenden und Entscheidenden, dort jene, die behandelt werden, und daneben die Angehörigen, die zusehen müssen. Der Film lässt diese Grenzen durchlässig werden. Er zeigt, dass Begleitung nicht allein aus medizinischem Wissen und praktischen Handgriffen besteht, sondern ebenso aus der Fähigkeit, zuzuhören, Unsicherheit auszuhalten und anderen Menschen auf Augenhöhe zu begegnen.

Mit „Mut“ richtet sich der Blick auf Patient:innen, die das Spital verlassen und nach Hause zurückkehren möchten. Der Titel verweist auf einen Schritt, der keineswegs selbstverständlich ist: Ein vertrauter Ort kann Sicherheit bedeuten, doch die Rückkehr nach Hause verlangt auch Entscheidungen und birgt Unsicherheiten. Überhaupt ist es die Ruhe, die diesen Film durchzieht. Besprechungen, Workshops, Pflegehandlungen und das Leben auf den Stationen vollziehen sich in einer bemerkenswerten Gelassenheit. Diese Ruhe beschönigt die Situation nicht. Sie schafft vielmehr einen Raum, in dem schwierige Fragen ausgesprochen werden können, ohne dass der Film sie dramatisch zuspitzen müsste.

Eine Pflegefachperson spricht davon, dass die „Zukunft stirbt“. Die Formulierung bringt eine Erfahrung auf den Punkt, für die sich kaum eine einfache Antwort finden lässt. Wie lässt sich körperlich, psychisch und ethisch mit der Wirklichkeit umgehen, dass die Zukunft eines Menschen immer kleiner wird und schliesslich endet? Der Film löst diesen Widerspruch nicht auf. Er lässt die Frage stehen und vertraut darauf, dass sie ihre Wirkung entfaltet.

Dabei sind es nicht allein die Gespräche, die Sich langsam nähern tragen. Auch seine Pausen, seine Stille und die unspektakulären Geräusche des Pflegealltags schärfen die Aufmerksamkeit. Die Menschen müssen nicht ständig erklären, was sie empfinden; manchmal sagt ein Blick oder eine Geste mehr als ein ausführlicher Dialog. Die Musik von Susanna Ridler begleitet diese Momente behutsam, ohne ihnen eine fertige emotionale Bedeutung aufzuzwingen.

Der Titel Sich langsam nähern entfaltet dabei mehrere Bedeutungen. Er bezeichnet die allmähliche Annäherung der Sterbenden an das Lebensende ebenso wie diejenige ihrer Angehörigen an einen bevorstehenden Verlust. Er beschreibt aber auch die behutsame Art, in der sich die Pflegenden den Patient:innen zuwenden, und die Zurückhaltung, mit der die Kamera sich ihnen und dem Thema nähert. Nicht zuletzt werden auch wir als Zuschauer:innen eingeladen, uns langsam anzunähern: an das Sterben, an die Menschen, die es begleiten, und an unsere eigene Endlichkeit.

Was dabei besonders deutlich wird: Das Sterben erscheint nicht als isoliertes Schicksal, das jeder Mensch allein bewältigen müsste, sondern als ein Weg, auf dem andere mitgehen können. Die Würde der Menschen bleibt dabei in all ihrer Verletzlichkeit sichtbar. Gerade in einer Gesellschaft, die dazu neigt, Verantwortung zu individualisieren und Abhängigkeit als Schwäche zu betrachten, ist diese Perspektive von besonderer Bedeutung.

Sich langsam nähern gibt keine einfachen Antworten und schreibt keine Rezepte vor. Der Film schafft Raum für Fragen, für Stille und für ein unerwartetes Lachen. Er erinnert daran, dass das Lebensende nicht ausserhalb des Lebens steht und dass Begleitung mehr sein kann als Versorgung: eine gemeinsame Erfahrung, die niemandem die Endlichkeit erspart, aber verhindern kann, dass Menschen ihr allein gegenüberstehen. Bei einem Thema, das gesellschaftlich noch immer gern verdrängt wird, ist das eine beachtliche Leistung.

Der Film feierte am 21. Oktober 2026 bei den Hofer Filmtagen seine Premiere und ist für den Hofer Dokumentarfilmpreis Granit nominiert.

Von Maria Arlamovsky; Österreich; 2026; 95 Minuten.

Malik Berkati

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