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Videoex – Internationales Experimentalfilm & Video Festival : Das Festival, das nach Negativfilm riecht

Jedes Jahr, genau dann, wenn der Trubel der roten Teppiche von Cannes abebbt und die letzten Bilder vom Mittelmeer in den Medien verschwinden, beginnt in einer ruhigen Ecke Zürichs ein Festival, das wirkt, als käme es aus einer anderen Zeit; ein Festival, das noch immer nach Negativfilm riecht.

World on a String von Yannick Mosimann
Bild mit freundlicher Genehmigung Videoex

Videoex ist für mich weit mehr als nur ein Filmfestival. Im Laufe der Jahre habe ich viele Festivals besucht: Cannes, Venedig, Berlin, Locarno, Zürich, Leipzig und Visions du Réel. Bei einigen war ich Jurymitglied, bei anderen Gast oder Kritiker. Doch unter all diesen Erfahrungen nimmt Videoex immer einen besonderen Platz ein: ein Festival, dessen Filme man kaum irgendwo sonst finden kann. Hier beginnt das Reich des experimentellen Kinos; ein Raum für widerständige Bilder, unkonventionelle Erzählformen und Filme, die oft weniger Geschichten erzählen als vielmehr Träume entwerfen.

In einer Zeit digitaler Dateien und makelloser Bildschirme nimmt Videoex das Geräusch des Projektors weiterhin ernst. 16-mm- und 35-mm-Filme werden hier nicht als Nostalgie gezeigt, sondern als Haltung. Manchmal hat man das Gefühl, nicht in einem Kino zu sitzen, sondern in einem lebendigen Museum der Filmgeschichte.

Das Festival findet im Kasernenareal in Zürich statt, im Kino Z3, das jedes Jahr für einige Tage zu einem Treffpunkt für Filmemacher:innen, Künstler:innen, Musiker:innen und Liebhaber:innen des experimentellen Bildes wird. Workshops, Performances und Vorführungen lassen die Grenzen zwischen Kino, Musik und bildender Kunst verschwimmen.

Die letzte Ausgabe fand vom 22. bis 31. Mai 2026 statt.

Für den Schweizer Wettbewerb von Videoex 2026 wurden aus 175 Einreichungen neun Filme nominiert; die Jury würdigte die hohe künstlerische Qualität und Vielfalt der Arbeiten. Den Hauptpreis erhielten Yannick Mosimann für World on a String und Maurizius Staerkle Drux für Those Who Hear the Sun.

Im Internationalen Wettbewerb wurden aus rund 2000 Einsendungen 26 Werke ausgewählt. Ausgezeichnet wurde Nguyễn Phượng Kiều Anh für Fallen Noon, Special Mentions gingen an Giulia Cosentino & Perla Sardella sowie Matti Harju.

In diesem Jahr verwandelte Lorenzo Pusterla, langjähriger Wegbegleiter des Festivals und ein ausserordentlich talentierter Fotograf, den Projektor in Teil einer Live-Performance. Lichtflecken, verschwommene Negative und Klänge aus ungewöhnlichen, fast unbekannten Instrumenten verstärkten das Programm des Festivals; eine Atmosphäre, die eher einem Traum als einem Konzert glich. Als hätte das Kino selbst die Bühne betreten, um über seine Vergangenheit zu singen.

Doch der Geist von Videoex zeigt sich für mich vor allem im Gesicht des Mannes, der es seit Jahren leitet: Patrick Huber. Ich nenne ihn in meinem Kopf den „Mann mit dem steinernen Gesicht“.

Nicht weil er kalt ist, sondern weil er eine ungewöhnliche Ruhe und Konzentration ausstrahlt. Er spricht wenig, trägt einfache Kleidung und wirkt weniger wie ein Festivaldirektor als wie jemand, der ein fragiles kulturelles Erbe bewahrt. Im Festival ist er überall: er stellt Filme vor, organisiert Vorführungen, spricht mit Gästen und achtet auf jedes Detail.

Mein erstes intensiveres Gespräch mit ihm fand 2020 statt, mitten in der Corona-Zeit; einer Zeit, in der Masken Gesichter verdeckten und Distanz zur neuen Normalität wurde. Ich gehöre nicht zu den Menschen, die leicht Gespräche beginnen. Trotzdem ging ich an diesem Tag auf ihn zu. Ich erzählte ihm, wie lange ich Videoex bereits verfolge und dass dieses Festival für mich ein Ort ist, an dem Filme sichtbar werden, die sonst kaum eine Leinwand finden. Ich sprach über meine Arbeit als Filmemacher, Filmkritiker und Theaterautor, über Festivals, die ich besucht habe, und über Jurys, in denen ich tätig war.

Patrick hörte zu. So wie immer. Ohne theatrale Reaktionen, ohne übertriebene Zustimmung. Er hörte einfach zu.

Das Gespräch endete, und wir gingen auseinander. Ich dachte, es sei eines dieser kurzen Festivalgespräche, die sich schnell im Gedächtnis verlieren. Doch am selben Abend erhielt ich eine Nachricht auf WhatsApp. Patrick hatte meine Nummer aus den Akkreditierungsdaten des Festivals gefunden. Ein Jurymitglied aus Frankreich konnte wegen der Corona-Beschränkungen nicht nach Zürich reisen. Ich solle seinen Platz übernehmen. Für einen Moment konnte ich es kaum glauben.

Am nächsten Tag war ich Mitglied der internationalen Jury von Videoex.

In den folgenden Tagen sah ich gemeinsam mit einem weiteren Juror, Adam Jasper, einem Architekturprofessor aus Australien, 36 Filme aus zwanzig Ländern; intensive Tage voller ungewöhnlicher Bilder, unerwarteter filmischer Experimente und Diskussionen über ein Kino, das sich jeder einfachen Einordnung entzieht. Seit diesem Jahr ist meine Beziehung zu Videoex mehr als die eines Besuchers geworden. Sie wurde zu einer Verbindung mit einer kleinen, freundlichen und sehr engagierten Gemeinschaft, die mit grosser Sorgfalt einen Teil der Vergangenheit und Zukunft des Kinos bewahrt.

Jedes Mal, wenn ich den Saal betrete, habe ich das Gefühl, an einen Ort zurückzukehren, an dem die Zeit langsamer fliesst; wo das Geräusch des Projektors noch existiert, das Negativ noch atmet und das Bild uns weiterhin überraschen kann.

Vielleicht ist genau das der Grund, warum Videoex für mich nicht nur ein Festival ist. Videoex riecht nach Negativfilm. Und in unserer Zeit ist kaum etwas seltener als das.

Majid Movasseghi

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Majid Movasseghi

Critique de cinéma et réalisateur/Film Critic & Filmmaker (basé/based Zurich)

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