Filmfest Hamburg 2026 – die Hits aus Cannes, Venedig und Locarno
Wie in jedem Jahr glänzte das Filmfest Hamburg auch diesmal mit einer guten Mischung aus deutschen Film- und Fernsehtiteln, aber vor allem mit einem ausgezeichneten internationalen Programm. Die Anzahl der deutschen Premieren von Festivaltiteln aus Cannes und Venedig war noch üppiger als in den vergangenen Jahren. Und auch aus Locarno und Sundance lief so einiges. Wenn man die deutschen Festivals in Hamburg und München besucht, kann man sich den Besuch von Cannes und Venedig mittlerweile eigentlich sparen. Beide Festivals ergänzen sich erstklassig. Auch die Gästeliste in Hamburg konnte sich wieder sehen lassen. Neben massig deutschen Regisseuren und Schauspielern waren auch viele Regisseure aus allen Ländern zugegen. Stargast und Preisträgerin des Douglas-Sirk-Awards war die englische Schauspielerin Helen Mirren. Der 81-jährige Filmstar, der in jeder Rolle glänzt, sei es als Queen Elizabeth in The Queen, als israelische Politikerin Golda Meir, aber auch in Action wie Red oder The Fast and the Furious 11, bis zu Caligula oder Excalibur.

© Michael Kottmeier und Martin Kunze
In Helen Mirrens neuem Film Ein Talent fürs Morden (A Talent for Murder) spielt sie, wie immer perfekt zurechtgemacht und bis in die Gesten die Originalperson nachempfindend, die berühmte Krimiautorin Patricia Highsmith. Ein Mitarbeiter aus ihrem Verlag (Alden Ehrenreich) besucht sie in ihrem Chalet in der Schweiz, um sie zu überreden, einen letzten Tom-Ripley-Krimi zu schreiben. Nun beginnt ein Katz-und-Maus-Spiel zwischen beiden, das auf mehreren Ebenen abläuft. Der Clou des hervorragenden Films ist, dass es zwar Patricia Highsmith ist, aber die komplette Geschichte des Films ausgedacht ist. Regisseur Anton Corbijn hat wieder einen höchst interessanten und spannenden Film gemacht.
Start in Deutschland ist der 5.11.26.
Der Cannes-Gewinner der Goldenen Palme Fjord, des rumänischen Starregisseurs Cristian Mungiu, stellt die grundsätzliche moralische Frage, wann sich der Staat in Erziehung und familiäre Beziehungen einmischen darf oder wo er es lieber der Familie selbst überlassen sollte. Mihai (Sebastian Stan) zieht mit seiner norwegischen Frau Lisbet (Renate Reinsve) und ihren fünf Kindern in deren Heimatdorf. Schnell werden die Kinder von ihren neuen Schulfreunden und Nachbarn zu einem anderen Verhalten als dem streng gläubigen Weltbild ihrer Eltern verführt. Als die älteste Tochter beim Sportunterricht blaue Flecken hat, geraten die Eltern in den Verdacht, die Kinder zu misshandeln. Schnell wird das Jugendamt eingeschaltet und es kommt sogar zum Prozess. Stärke des Films ist, dass Mungiu zu keiner Seite hält und der Zuschauer selber entscheiden muss, auf welcher Seite er steht.
Start ist am 7.1.27.
In die ähnliche Richtung geht der südkoreanische Film The World of Love von Yoon Ga-eun. Es ist das Porträt einer eigensinnigen Schülerin, die das durchzieht, was sie denkt. Als sie sich weigert, eine Petition gegen die Freilassung eines Kinderschänders zu unterschreiben, versuchen alle, sie zu überzeugen, doch zu unterschreiben. Von nun an wird sie gemobbt. Doch nach und nach wird klar, dass sie mit ihrem Verhalten nur versucht, ihre eigenen Erfahrungen mit sexueller Belästigung zu verdrängen. Doch das wird immer weniger möglich. Als ein Junge aus dem Kindergarten ihrer Mutter mehrfach blaue Flecken hat, kommt auch hier der Verdacht von körperlicher Züchtigung auf. Ein stark gespieltes Coming-of-Age-Drama, das zu überzeugen weiss. Leider noch ohne deutschen Verleih.
Der zweite neue Film des Japaners Hirokazu Kore-eda in diesem Jahr lief in Venedig im Wettbewerb. Look Back ist die berührende Geschichte zweier verschiedener Mädchen, die durch das Manga-Zeichnen zu Freundinnen werden. Die extrovertierte Fujino ist eine begabte Mangazeichnerin, die Strips für die Schülerzeitung zeichnet. Als Kyomoto, die ihre Wohnung nicht verlässt, auch ein Comic für die Zeitung macht, hat Fujino zunächst Konkurrenzdenken im Sinn. Doch beide werden Freundinnen. Fujino schafft es sogar, Kyomoto in die Öffentlichkeit zu bekommen. Beide zeichnen einen professionellen Manga und werden von einem Verlag für eine Serie engagiert. Mit Animefilm. Doch Kyomoto hört auf und geht an die Uni, um Kunst zu studieren. Doch da kommt es zu einer Tragödie.
Ein wunderschöner Film über Träume und Freundschaft mit einem sehr traurigen Ende. Start 2027.
Coward ist der dritte Film des Belgiers Lukas Dhont, der mit jedem seiner Filme Preise in Cannes gewann. Diesmal bekamen die beiden Hauptdarsteller Emmanuel Macchia und Valentin Campagne gemeinsam den Darstellerpreis. Im Ersten Weltkrieg 1916 sind beide Belgier an der Front. Pierre will ein guter Soldat sein, Francis macht Truppenunterhaltung. Gemeinsam wollen sie eine Revue mit viel Travestie auf die Beine stellen. Beide verlieben sich ineinander, doch die Realität des Krieges holt sie ein. Als Pierre mit Francis desertieren will, lässt der ihn im Stich. Ein Film über Krieg und mögliche Gefühle, aber auch über damalige Realität und gesellschaftliche Zwänge.
Start ab 31.12.26.
Fatih Akin bleibt sich treu und liefert mit jedem seiner Filme ein anderes Sujet ab. In Geister geht es um eben diese: Geister. Farasha (eine starke Entdeckung: Mariam Dawoud) und Faris (Eren M. Güvercin) lernen sich bei der Abiparty auf dem Hamburger Fernsehturm kennen und verlieben sich unsterblich ineinander. Doch bei einem Unfall auf einer Baustellenumleitung stirbt Mariam. Er fühlt sich schuldig und denkt nur noch an sie. Auch sie will ihn wiedersehen. Sie kann ihn nur 40 Nächte in seinen Träumen wiedersehen. Was ist real, was eingebildet? Die Liebe wird immer stärker. Wird sie seinen Selbstmord hinnehmen, um bei ihm bleiben zu können, oder will sie ihn lieber bei den Lebenden wissen? Ein starker Mix aus Liebesgeschichte und Fantasy mit guten Schauspielern.
Start ab 5.11.26.

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Elefanten im Nebel ist das Regiedebüt des nepalesischen Drehbuchautors Abinash Bikram Shah, der unter anderem das Buch zum Berlinale-Film Shambala geschrieben hat. Sein Erstling gewann den Hauptpreis des Un Certain Regard in Cannes. In Nepal gibt es seit langer Zeit eine Gruppe von Transfrauen, genannt Kinnarfrauen. Eine wird vom Oberhaupt gewählt und lebt mit ihren Töchtern. Pirati ist Matriarchin in einem abgelegenen Dorf im Wald, wo die Menschen versuchen, eine Horde wilder Elefanten von der Zerstörung ihrer Häuser und Ernten abzuhalten. Doch Pirati lebt nicht keusch, als sie sich in einen Motorradfahrer verliebt. Eine ihrer Töchter will auch ihre Freiheiten und streitet sich mit ihr. Doch dann verschwindet sie spurlos. Die Polizei tut nicht viel und die Dorfbewohner wollen die Kinnarfrauen loswerden. Pirati beginnt selber nachzuforschen. Eine starke und exotische Geschichte, die Mysterygeschichte und Plädoyer gegen Vorurteile geschickt verwebt. Mit einem überraschenden Schluss.
Start erstes Halbjahr 2027.
Strawberries der Marokkanerin Laila Marrakchi erzählt die Geschichte von Hasna, die nach Andalusien geht, um als Saisonarbeiterin bei der Erdbeerernte zu arbeiten. Doch die Arbeit ist hart und die Bezahlung viel schlechter als in Marokko gesagt. Sie freundet sich mit ihren Mitbewohnern an und steht bald vor einem neuen Problem: Ihre Freundin Meriem wird vom Boss vergewaltigt und sie konnte nicht helfen. Die soll nun für ihren Boss als Hausmädchen arbeiten. Als sie es nicht mehr aushält, bekommt die Gruppe keine Arbeit mehr zugeteilt. Die Anwältin einer Organisation will all die Zustände aufdecken, braucht aber Hasna und Meriem für die Aussagen. Was werden sie tun ?
Start ab 28.1.26.
The Station von Sara Ishaq aus dem Jemen erzählt von Layal, die in einem jemenitischen Dorf eine Tankstelle nur für Frauen betreibt. Motto: Keine Männer, keine Waffen, keine Politik. Doch Benzin ist knapp und Männer kontrollieren alles. Als ihr kleiner Bruder zum Militär gehen soll, will sie dies mit allen Mitteln verhindern. Sie tut sich sogar mit ihrer verhassten Schwester zusammen. Doch es ist schwierig und benötigt viele Tricks. Ein interessanter Film: das Leben im Jemen, der zeigt, wie übel und frauenfeindlich es dort zugeht. Es ist laut Regisseurin fraglich, ob der Film im Jemen jemals gezeigt werden wird.
Start ab 28.1.26.
La Gradiva der Französin Marine Atlan gewann den Hauptpreis der Semaine de la Critique in Cannes. In 145 Minuten, die aber nie langweilig werden, erzählt der Film von der Klassenfahrt eines Gymnasiums nach Pompeji. Ihre Lehrerin , Madame Mercier, gibt sich die grösste Mühe, aber verliert ihre Gruppe immer mehr. Liebeleien und Unterhaltung sind den Jungs und Mädchen viel wichtiger als der Vesuv und versteinerte Figuren. Wie in jeder normalen Schulklasse ist auch hier alles vorhanden: die heissen Mädels, das hässliche Entlein, die aufschneiderischen Jungen, der Streber und der Klassenclown. Einige sind aber nur nach aussen, was sie zu sein scheinen. Am Ende steht eine Katastrophe.
Start: erstes Halbjahr 2027.
Iron Boy (Le corset) von Louis Clichy ist ein wunderschöner Animationsfilm im schön gezeichneten Stil. Christophe ist 11 und kippt häufig um. Nun muss er mit einem sehr steifen Korsett durchs Leben gehen. Dadurch fällt er als Helfer auf der Farm seiner Eltern aus. Und die ist ohnehin in finanzieller Schieflage. Er verdingt sich als Orgelschüler und findet seine grosse Leidenschaft. Doch seinem Vater gefällt das gar nicht. Als er schliesslich eine Freundin findet, scheint alles gut zu werden.
Start ab 21.1.27.
Ein weiterer, aber stilistisch anderer Animationsfilm war Tangles. Durcheinander von Leah Nelson. Basierend auf der Graphic Novel von Sarah Leavitt thematisiert der Film in Schwarz/Weiss die Alzheimer-Erkrankung ihrer Mutter. Sarah ist in den 90er Jahren in San Francisco Comiczeichnerin für ein queeres Stadtmagazin. Frisch verliebt in Domino muss sie häufiger in die Kleinstadt ihrer Eltern. Als running Gag gibt es sehr skurrile Durchsagen im Flugzeug. Zuhause bemerkt sie, dass ihre Mutter sich verändert und immer mehr vergisst. Als sie gerade für den New Yorker engagiert wird, gibt es die schreckliche Diagnose. Alle Familienmitglieder gehen mit Mutters Krankheit anders um, wie dies halt der Fall ist. Ein Film zum Andenken an ihre Mutter. Im Original gesprochen von Schauspielern wie Julia Louis. Dreyfus, Seth Rogen oder Bryan Cranston. Anrührend, witzig und sehr traurig.
Start ist am 4.3.27.

© Piffl Medien GmbH
Der englische Regisseur Martin McDonagh macht seit Jahren tolle Filme und ist Oscarpreisträger. Wild Horse Nine ist sein bislang bester Film. Der Regisseur war auch einer der Stargäste in Hamburg. Chile 1973. Der Militärputsch steht bevor. CIA-Büroleiter MJ (Steve Buscemi) schickt seine Agenten Chris (John Malkovich) und Lee (Sam Rockwell) auf die Osterinseln. Chris vergisst immer mehr und will seine Memoiren schreiben. Das will MJ verhindern. Er beauftragt Lee, ihn zu erschiessen. Aber auch Chris hat Lee gesagt, dass er ihn von seinen Leiden erlösen soll. Schon am Flughafen plaudert Chris viel aus bei zwei Touristinnen. Und plötzlich will er in Venedig sterben. Ein wundervoll funktionierender Mix aus Thriller und Komödie im typisch schwarzen Stil des Regisseurs. Und John Malkovich ist eine Oscarnominierung sicher.
Start ab 12.11.26.
The Meltdown ist der neue Regiefilm der chilenischen Schauspielerin Manuela Martelli. Und wie ihre Vorgängerfilme wieder richtig gut. Chile 1992. Die neunjährige Ines ist bei ihren Grosseltern in einem Skigebiet. Im Hotel wohnt eine deutsche Skimannschaft, die dort ein Training absolviert. Ines hat Langeweile und lernt Hannah, eine 15-jährige Skifahrerin, kennen und freundet sich mit ihr an. Als Hannah nach einem Rendezvous mit Ines Bruder spurlos verschwindet, beginnt eine grosse Suche. Auch ihre Mutter (Saskia Rosendahl) kommt aus Deutschland. Ein starker Mix aus Mystery und Thriller mit ständiger bedrohlicher Atmosphäre, der auch das Schweigen nach Pinochet thematisiert. Völlig unverständlich, dass der Film noch keinen deutschen Verleih hat.
Worte der Liebe (Quelques mots d’amour) von Rudi Rosenberg erzählt von Erika (Klasse wie immer: Hafsia Herzi), die mit ihrer pubertierenden Tochter Abigaelle und ihrem Sohn Yoni zusammenlebt. Eine nette Familie ohne Väter, komplettiert durch den zugelaufenen Hund Vanille. Als Abigaelle nur noch ein Ziel hat, nämlich ihren leiblichen Vater kennenzulernen, gibt es nur noch Probleme. Denn der will nichts von ihr wissen, genau wie von seiner danach gegründeten und verlassenen Familie. Ein wunderschöner Film, der zeigt, dass die Menschen, die mit einem sind und einen lieben, das sind, was zählt.
Start 2027.
Possible Love ist der erste Film des koreanischen Regisseurs und ehemaligen Kulturministers Lee Chang-dong seit 2018. Eine starke Charakterstudie, die die Unterschiede von reichen und armen Menschen in Korea (aber nicht nur dort) behandelt. Ho-seok, nach einem Streik entlassen, und seine Frau Mi-ok haben Probleme und wollen wieder arbeiten. Eine junge Filmemacherin will einen Dokumentarfilm über den Arbeitskampf drehen und will beide porträtieren und dafür benutzen. Doch der Mann sperrt sich zunächst und bricht dann schliesslich völlig zusammen. Wie weit sollte eine Regisseurin für ihren Film gehen ?
Start ab 22.10.26.
Minotaurus ist der neue Film des russischen Regisseurs Andrey Zvyagintsev, der seit einigen Jahren in Paris lebt und nach seiner Dankesrede in Cannes wohl auch nicht mehr nach Russland zurückkehren wird. Er macht basierend auf dem Film Eine untreue Frau von Claude Chabrol eine Variante, die in Russland während des Ukrainekriegs spielt. Ein Thriller über Macht und Korruption, der nicht nur den Mord am Liebhaber seiner Frau zeigt, sondern auch Dinge, wie das Engagieren neuer Mitarbeiter, nur um sie als Kanonenfutter auf die Kriegsliste zu setzen.
Start ab 5.11.26.
Es gab so viele gute Filme in diesem Jahr, dass wir leider nicht alle erwähnen können. Da freut man sich schon auf nächstes Jahr. Da findet das Festival vom 30.9.bis 9.10.27 statt.
Die Kritik von Fjord auf Französisch von Malik Berkati
Die Kritik von Shambala auf Französisch von Firouz E. Pillet
Harald Ringel, Hamburg
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