j:mag

lifestyle & responsible citizenship

Cinéma / KinoCulture / Kultur

JFBB2024 – 30. Jüdisches Filmfestival Berlin Brandenburg 18.-23. Juni 2024: Interview mit Bernd Buder, Co-Direktor des Festivals

In 30 Jahren ist das Jüdische Filmfestival Berlin Brandenburg zu einem festen Bestandteil der Kulturszene Berlins und Brandenburgs geworden. Jewcy Movies zeigt 70 Filme quer durch alle Genres, vom Thriller über Komödien bis zum Dokumentarfilm und Kurzfilme, die Vielfalt des jüdischen Lebens auf der ganzen Welt. Dazu gibt es ergänzende Filmreihen, in diesem Jahr sind die Themen Antisemitismus, filmische Reflektionen von Terror und Trauma und Jewish Sex Positions (im Spiegel der aktuellen Sonderausstellung des Jüdischen Museums Berlin Sex. Jüdische Positionen). Das Festival bietet auch die Gelegenheit, Regisseur*innen, Schauspieler*innen und Expert*innen in den behandelten Themenbereichen zu treffen.

Einige Höhepunkte

Eröffnungsfilm – am 18.06. im Hans Otto Theater in Potsdam: A Good Jewish Boy in Anwesenheit von dem Regisseur Noé Debré. Der verträumte, optimistische Bellisha lebt mit seiner Mutter Giselle in einem heruntergekommenen Pariser Vorort. Doch als auch der letzte koschere Laden schliesst, sind die beiden die letzten Juden hier. Ein bittersüsses Drama über den Abschied von zu Hause.

The Future von Noam Kaplan (anwesend): In einer nicht allzu fernen Zukunft, Nurit Bloch hat einen Algorithmus entwickelt, der es ermöglicht, Terroranschläge vorherzusagen. Doch die junge Palästinenserin Yaffa hat einen Weg gefunden, diesen zu umgehen. Im Zwiegespräch mit der Attentäterin versucht Nurit, Yaffas Motive zu ergründen. Polit-Thriller der besonderen Sorte.

The Vanishing Soldier von Dani Rosenberg (hier die auf Französisch verfasste Kritik und das Interview aus Locarno 2023, wo der Film Premiere hatte). Shlomi, ein 18-jähriger israelischer Soldat, der im Gazastreifen seinen Wehrdienst leistet, hat die Nase voll. Auch ohne Erlaubnis beschliesst er, zu seiner Freundin nach Tel Aviv zurückzukehren. Doch dort muss er festzustellen, dass alle glauben, er sei im Krieg entführt worden. Die nächsten 24 Stunden ist Shlomi ständig auf der Flucht.
Der Regisseur wird anwesend sein.

Generation 1.5 von Roman Shumanov. Fast eine Million Menschen aus der ehemaligen Sowjetunion immigrierten in den 1990er-Jahren nach Israel. Ein Schockerlebnis, gerade im Kindesalter. Aufgewachsen zwischen russischsprachigem Elternhaus und einer Gesellschaft, die mit den Neuankömmlingen fremdelte, beleuchten die Kinder von damals einen wichtigen Teil israelischer Einwanderungsgeschichte.
Der Regisseur des Dokumentarfilms wird anwesend sein.

Rabbi On The Block von Brad Rothschild – Dokumentarfilm. Tamar Manasseh hat eine Mission. Jüdin zu sein bedeutet für sie, sich zu engagieren, Vorurteile abzubauen, sich um Benachteiligte zu kümmern – was eine Herkulesaufgabe ist, wenn man in Englewood aktiv ist, einem sozialen Brennpunkt Chicagos. Als Frau, Jüdin und Afroamerikanerin erfährt sie tagtäglich am eigenen Leib, was Diskriminierung bedeutet.

The Return From The Other Planet von Assaf Lapid (hier die auf Französisch verfasste Kritik und das Interview aus München 2023, wo der Film Premiere hatte). Der andere Planet, mit nichts in dieser Welt vergleichbar – das war für ihn Auschwitz. Hier erlebte Yehiel De-Nur die Schrecken der Shoah, die er nach dem Krieg unter dem Pseudonym Ka.tzetnik literarisch radikal verarbeitete. Über Gewalt, Folter und Kannibalismus schreibend wurde er immer wieder zum Häftling, während er gleichzeitig ein bürgerliches Leben führte.
Der Regisseur des Dokumentarfilms wird anwesend sein.

In der Filmreihe Der Angst begegnen – Filmische Reflektionen von Terror, Trauma und Widerständigkeit:

Supernova: The Music Festival Massacre von Yossi Bloch. Augenzeug*innenberichte von Überlebenden des Massakers auf dem Supernova Musikfestival am 7. Oktober. Aus verschiedenen Quellen zusammengetragen, bietet die Dokumentation erstmals eine Zeitleiste des erschreckenden Angriffs, bei dem 365 Menschen getötet, Hunderte verwundet und 40 in den Gazastreifen entführt wurden.
Gal Dalal – Überlebender des 7. Oktober wird anwesend sein.

Zwei Filme über das rechtsterroristische Attentat in Norwegen in 2011: Utøya July 22 von Erik Poppe (hier die auf Französisch verfasste Kritik aus der Berlinale 2018, wo der Film im Wettbewerb war) und Reconstructing Utøya von Karl Javér (inszenierter Dokumentarfilm).

Filmreihe Bruch oder Kontinuität? „Antizionismus“ und Antisemitismus im Sozialismus und danach.

Filmreihe Sex. Jüdische Positionen.

Programm der Panels

Alle Filme des Festivals

Bernd Buder, der künstlerische Co-Direktor des Festivals zusammen mit Lea Wohl von Haselberg, hat sich freundlicherweise bereit erklärt, unsere Fragen zu beantworten. Interview.

 

— Programmdirektor Bernd Buder
©JFBB

Das Plakat dieser Jubiläumsausgabe ist sehr symbolisch in Bezug auf die aktuelle Situation, fasst aber auch den Geist zusammen, in dem dieses Festival seit seinen Anfängen agiert. Wie gehen Sie mit dieser Ausgabe angesichts der so belastenden aktuellen Ereignisse um?

Kultur, und damit auch Filmfestivals, und damit auch das JFBB, stehen ja traditionell für das Verbindende statt das Trennende. Dafür, Erfahrungen auf der Leinwand zu vermitteln und zu reflektieren, mal unterhaltsam, mal nachdenklich, mal analytisch. Dabei kommen unterschiedliche Erfahrungen gemeinsam zum Tragen, Vielfalt eben. In dieser Vielfalt bleiben immer auch Fragen unbeantwortet, und das ist auch gut so. Das momentan Belastendste an den aktuellen Ereignissen ist ja der Druck, sich entweder fürs «für» oder fürs «gegen» entscheiden zu müssen, Komplexität ist nicht befragt, Widersprüche werden ausgeblendet. Unser diesjähriges Festivalmotiv – israelische und iranische Musiker in einer Band – zeigt schon mal plakativ, dass es um Vielfalt mit all ihren Widersprüchen geht. Dabei sind wir aber nicht naiv: allein reden löst keine Probleme. Aber es hilft mehr, als sich anzuschreien und nicht mehr zuzuhören. Darum geht es nicht nur in den Geschichten, die unsere Filme erzählen, sondern ganz besonders in den Spezialreihen: das Kino, das Filmfestival auf Raum für gemeinsame Reflexion, um die momentane Sprachlosigkeit zu überwinden – eine Sprachlosigkeit als Folge gesellschaftlicher Spaltungen, von Terror und Traumata, aber auch der Angst, etwas Falsches zu sagen.

Eine der Themen des Festivals ist Jewish Sex Positions, in Anlehnung an die Ausstellung des Jüdischen Museums Berlin, die gerade eröffnet wurde. Ist es wichtig, Brücken zu anderen Institutionen in der Region zu bauen?

Ganz wichtig. Man findet gemeinsam Themen, Anregungen, neue Fragestellungen, den Zugang zu neuen Publikumspotenzialen. Die Zuschauer*innen können da weitermachen, wo sie aufgehört haben. In diesem konkreten Fall nach dem Film in die Ausstellung oder umgekehrt. Synergien gibt es bei jeder Zusammenarbeit, mit Veranstaltungspartnern und mit Förderern. Auf diesen Ideenreichtum sind wir angewiesen und freuen uns jedes Jahr auf die gemeinsamen Brainstorming-Termine. Unserem Publikum eröffnen sich dadurch interdisziplinäre Ansätze, Filme zu gucken, zu geniessen und zu reflektieren, ohne dabei die Zuschauer*innen zu belehren.

Das Festival hat immer danach gestrebt, ein Ort der Begegnungen, des Verständnisses und der Diskussionen zu sein. Wenn Sie diesen Anstieg des Antisemitismus sehen, ist das nicht entmutigend? Fragen Sie sich manchmal, ob das alles vergeblich ist?

Gerade jetzt ist ein jüdisches Filmfestival wichtig und richtig, um die Vielfalt zu zeigen, die in jüdischer Erfahrung steckt. Es hält den öffentlichen Raum – das Kino und sein Auditorium – offen, um gemeinsam über wesentliche Themen zu sprechen, jüdische Erfahrungen in jeder Hinsicht zu vermitteln. Damit bietet es jüdische Perspektiven auf Themen an, die alle angehen, Perspektiven, von denen alle profitieren, und zeigt die mannigfaltigen Überschneidungen mit nicht-jüdischen Erfahrungen. Dass davon Antisemitismus nicht weggeht, ist uns genauso klar wie es immer wieder aufs Neue frustrierend ist, dass jüdische Veranstaltungen unter Polizeischutz stattfinden müssen. Auch wenn diese Veranstaltungen Teil eines ganz normalen Alltags sind. Eine Normalität, die sich in unseren Filmen abbildet. Auch das ist uns wichtig zu sagen, bei all der in diesen Zeiten wichtigen Problemorientiertheit: Juden und Jüdinnen sind eben nicht die viel zitierten «Mit»-Bürger*innen, sondern Bürger*innen, und das Jüdische Film Festival Berlin Brandenburg ist auch ein Filmfestival gegen Antisemitismus, aber in erster Linie ein Filmfestival.

Das Festival hatte auch immer das Anliegen, ein breites Spektrum des israelischen Kinos oder Filme mit Themen aus dem jüdischen Leben weltweit zu zeigen. Wie gehen Sie den Auswahlprozess der Filme an?

In erster Linie geht es um gute Filme. Dabei sollen alle Genres vom Arthaus bis zur romantischen Komödie, von der Geschichtsreflektion bis zum Thriller, auf die Leinwand kommen. Das ist ja das Schöne an einem thematischen Festival: man kann die ganze Bandbreite des Kinos zeigen. Genauso vielfältig sind denn auch deren Inhalte. Am Ende überzeugen immer die Filme, wo es am Schluss mehr offene Fragen als Antworten gibt und man am nächsten Morgen noch am Frühstückstisch über die Absichten des Regisseurs streiten kann. Dann hat man als Programmer alles richtig gemacht: Filme, die im Kopf hängen bleiben und dabei neue Sichtweisen eröffnen, künstlerisch, emotional, inhaltlich.

Es gibt zwei ausgewählte Filme, die sehr emblematisch für die Zeitgeistkraft des fiktionalen Kinos sind, fast schon präkognitiv: Vanishing Soldier und The Future. Erstaunt Sie diese Zeitgeistkraft als künstlerischer Leiter immer noch?

Das sind zwei Beispiele für das israelische Kino, das sehr schnell denkt und emotional aktuelle Vorgänge verarbeitet, und dabei traditionell sehr kritisch ist, extrem vielstimmig und unpathetisch. Von Behäbigkeit keine Spur und bewundernswert aktuell, und wenn Sie sagen, präkognitiv – vielleicht dann wieder ein Stück beängstigend, weil immer auch sehr realitätsnah. Nach dieser Mischung suchen wir, und finden sie in allen Kinematografien. Allerdings wählen wir ja auch aus mehreren hundert Einreichungen und recherchierten Filmen aus, und unter denen, die es nicht ins Programm schaffen, gibt es viele, bei denen genau diese Kreativität auf der Strecke bleibt.

Die Auswahl an Dokumentarfilmen scheint eher eine historische Perspektive zu haben. Können Sie uns ein paar Worte zu diesem Trend sagen?

Nicht nur. In Filmen wie A Small Voice, Monogamia oder Rabbi On The Block zum Beispiel kommt ja ganz viel Gegenwart auf die Leinwand, und das sehr persönlich. Andererseits interessiert uns der Blick in die Geschichte, die nie auserzählt ist und immer neue Aspekte und Interpretationsmöglichkeiten zu bieten hat. Gerade heute, wenn «die Geschichte» immer wieder bemüht wird, wenn es darum geht, die Gegenwart zu erklären, sollte man sie auch kennen. Um zu erkennen, wann «die Geschichte» ein Vorwand ist, um absurde Narrative zu erklären, und wann man aus ihr lernen kann. Mit Geschichte beschäftigt sich ja auch eine ganze Sektion, die sich dem Antisemitismus in der politischen Kultur real existierenden Sozialismus widmet – ein Thema, an das sich nur wenige herangewagt haben.

Haben Sie bei der Auswahl der Kurzfilme einen Aufschwung in den Themen oder den filmischen Ansätzen junger Filmemacher*innen bemerkt?

Das Kurzfilmformat bietet einen Rahmen, in kurzer Zeit und oft kleinem Budget Erfahrungen zu reflektieren, ohne dass ein ausgefeiltes Marketing-Konzept mit Zielgruppendefinition notwendigerweise Teil des Finanzierungskonzepts ist. Das macht die meisten Kurzfilme so frisch und unberechenbar, von der persönlichen Handschrift des Regisseurs, der Regisseurin getragen. Wir haben die Kurzfilmprogramme nach unserem persönlichen Gusto ausgewählt, dabei geht es auffallend oft um zwischenmenschliche Kommunikation und ihre Grenzen, vom irregeleiteten Sicherheitsgefühl über Verständigungsschwierigkeiten bis zu Kriegs- und Konfliktsituationen.

Sie werden einen Film zeigen, der aus Sequenzen besteht, die während des Massakers am 7. Oktober beim Supernova Musikfestival gefilmt wurden. Wenn man so harte und schwierige Filme hat, stellt man sich als Festivaldirektor in die Frage, wie man sie in die Auswahl einfügen kann?

Ja, dieser Film ist extrem hart. Da kommen auch Fragen nach der Ethik des Filmemachens auf: kann man diese privaten Aufnahmen, die ermordete, sterbende Freunde und Freundinnen derer zeigen, die diese Aufnahmen gemacht haben, zeigen? Junge Menschen im Techno-Outfit, die um ihr Leben rennen? Wird damit Privatsphäre verletzt? Nach dem Sichten des Films habe ich lange gebraucht, um mich davon zu erholen. Ein allerkleinster Bruchteil dessen, was die Überlebenden und die Freunde und Verwandten der Getöteten durchmachen. Es ist wichtig, diesen Film zu zeigen, weil er zeigt, was war. Das ist hart, sehr hart. Aber Teil einer Realität des Terrors, vor der es keine Trigger-Warnung gibt. Ihn nicht zu programmieren, hiesse, die Realität zu beschönigen.

Gal Dalal, ein Überlebender des Massakers, wird anwesend sein, aber nicht die Regisseure. Warum?

Wir haben den Film in unsere Film- und Diskussionsreihe « Der Angst begegnen » integriert, wo wir über Terroranschläge, die daraus entstehenden kollektiven und individuellen Traumata reflektieren und nachdenken, wie der öffentliche Raum für Auseinandersetzung und Diskurse offen bleiben kann. Hier ist es wichtig, persönliche Erfahrungen zu reflektieren, nicht so sehr deren künstlerische Umsetzung. Das ganze Thema und Supernova. The Music Festival Massacre insbesondere, hinterlässt uns mit vielen offenen Fragen und Wunden. Das Gespräch zwischen einem Betroffenen und dem Publikum öffnet meiner Meinung nach mehr Gesprächsräume, mehr Tiefe bei der gemeinsamen Verarbeitung als ein Q&A über die filmkünstlerische Konzeption, auch wenn ich die Arbeit der beiden Regisseure Yossi Bloch und Duki Dror hier sehr schätze.

https://jfbb.info

Malik Berkati

j:mag Tous droits réservés

Malik Berkati

Journaliste / Journalist - Rédacteur en chef j:mag / Editor-in-Chief j:mag

Malik Berkati has 860 posts and counting. See all posts by Malik Berkati

Laisser un commentaire

Votre adresse e-mail ne sera pas publiée. Les champs obligatoires sont indiqués avec *

*