War of Art: Reise nach Nordkorea im Universum des sozialistischen Realismus, der an die Ikonographie der Pop Art erinnert

Nordkorea bleibt für die breite Öffentlichkeit ein Terra incognita, das gleichermassen fasziniert und erschreckt. In den letzten Jahren haben sich die Dokumentationen über dieses Land jedoch vervielfacht. Immer diese Zeitgeist-Fähigkeit des Kinos, die soziale und politische Themen packt, bevor sie in die Massenmedien eindringt.
Was diesen Dokumentarfilm so originell macht, ist nicht so sehr sein Thema oder dass er aufgenommen konnte, sondern die Tatsache, dass er in völliger Diskrepanz mit genau dem steht, was er zeigt: Künstler, die von ihren Koordinatoren und Betreuern „an der Leine gehalten werden“ – wie einer der Protagonisten ihnen vorwirft  –  und nicht einmal das Recht haben, allein über die Strasse zu gehen, während der Regisseur die völlige Freiheit zu filmen zu haben scheint.

War of Art von Tommy Gulliksen
Foto mit freundlicher Genehmigung von missingFILMs – Filmverleih & Weltvertrieb

Faszinierend ist auch die Tatsache, dass wir die Reaktion der Koreaner bezüglich der Kunst wohl verstehen können, nicht nur weil wir das von ihnen erwarten, sondern vielleicht vor allem, weil sie die Reaktionen widerspiegelt, die wir in unseren Ländern auf die zeitgenössische Kunst haben: Es ist in Europa nicht ungewöhnlich, Missverständnisse, Kopfschütteln, Belustigung, Sarkasmus, Ekel oder Ablehnung gegenüber diesen Künstlern und ihren Werken zu sehen. Das Buch eines Künstlers als Geschenk zu erhalten, hier vom französischen bildenden Künstler und Grafikdesigner Jean Valnoir Simoulin, signiert vor dem glücklichen – hier der glücklichen, sehr schnell angewiderten – Empfänger mit dem Finger, den er gerade gestochen hat, um sein Blut zur Tinte seines Autogramms zu machen, ist eine Erfahrung an sich, die nicht jedermanns Geschmack sein würde, unabhängig von seiner Herkunft…

Nik Nowak, ein deutscher Musiker und Klangkünstler, macht diese sehr luzide Bemerkung: „Auch in Deutschland ist meine Kunst den Menschen, die in Museen arbeiten, völlig fremd!“

Das Projekt, das aus zwei Teilen besteht – der Präsentation der Werke von 10 Künstlern im Geist eines „kulturellen Austauschs“ und der Begegnung mit nordkoreanischen Künstlern sowie einem Film, der die Ereignisse dokumentiert – wurde von Morten Traavik initiiert, einem umstrittenen norwegischen Künstler für seine seit 2011 regelmässige Zusammenarbeit mit dem nordkoreanischen Regime bei Kunstprojekten, der das Projekt DMZ Academy ins Leben gerufen hat.

Morten Traavik erklärt: „Wir wollen nicht die Demokratie und den Frieden nach Nordkorea bringen, das müssen sie schon selbst hinkriegen. Aber wir wollen unseren und ihren Blick auf die Welt hinterfragen.“

Der Aufenthalt der Künstler wird im wahrsten Sinne des Wortes durch einen Atomtest untergraben, der die Welt, ihre Räume und ihre Begeisterung erschüttern wird. Die Nerven aller Protagonisten – Koordinatoren und Künstler – liegen blank und die Kluft zwischen ihren Weltanschauungen scheint unüberbrückbar zu sein.

 

Gegen Ende des Aufenthaltes geht die kleine Gruppe an die Musikhochschule, wo Cathie Boyd –britischer Regisseurin, Produzentin und Kuratorin – und Nik Nowak ihre Klangarbeiten präsentierten. Schliesslich können sie ihre Präsentationen nicht halten. Die beiden Künstler, die das Niveau der Musiker der Schule bewundern, sind äusserst enttäuscht und deprimiert, weil sie sich durch ihre Kunst nicht austauschen konnten. Nowak ist demoralisiert und macht diese Bemerkung: „Die Menschen sehen wirklich glücklich aus. Aber wenn man aus dem Rahmen steigt, wird es schmerzhaft.“

In Wirklichkeit was Nowak und seine Akolythen sehen aber Schwierigkeiten zu haben es zu erkennen, ist genau die Kunst des Überlebens in einem bestimmten Umgebungsrahmen. War of Art unterscheidet sich in dieser Hinsicht nicht von Dokumentarfilmen über dieses Land, die typischerweise die Kluft zeigen, die trotz des guten Willens auf beiden Seiten zwischen den Begleitern und Gästen Nordkoreas, die ständige Konfrontation – ob gedämpft oder auffällig – mit dem Verständnis und der Wahrnehmung der Welt, den Klang- und Bildlandschaften, der Äusserung der Dinge und ihrer Realität, dem Seiltanz des Alltags…

Dieser spannende Dokumentarfilm ist eine ausgezeichnete Gelegenheit, in ein völlig fremdes Universum einzutauchen und sich vor dem eigenen Spiegel der Wahrnehmungen zu befinden, die manchmal ebenso verzerrend wie verzerrt sind!

Vollständige Rezension auf Französisch hier.

Malik Berkati

Von Tommy Gulliksen ; Norwegen, Deutschland ; 101 Minuten ; 2019 ; Englisch/Koreanisch mit deutschen Untertiteln.

Kinostart Deutschlandweit : 6. Juni 2019

Premiere am 06.06.2019 um 20:00 Uhr in Berlin, Il Kino in Anwesenheit des Künstlers Nik Nowak

Filmgespräch am 07.06.2019 um 19:00 in Hamburg, Abaton in Anwesenheit des Künstlers Nik Nowak

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