Achtung Berlin 2026 – das Festival mit Berlin-Bezug im 22. Jahr
Wie seit dem ersten Festival war die Voraussetzung zur Teilnahme, dass der Film in Berlin gedreht wurde, der Regisseur in Berlin lebt und/oder die Produktionsfirma ihren Sitz in Berlin hat. Ein Erfolgsrezept, das für das Festival in der deutschen Hauptstadt aufging, und seitdem eine Filmschau vor allem für junge Filmemacher ist und ein grosses Publikum anzieht. Auch in diesem Jahr gab es wieder einige gute Filme in den 4 Wettbewerben (Spielfilm, Dokumentarfilm, mittellanger Film und Kurzfilm) zu entdecken.

Bild mit freundlicher Genehmigung von realfiction Filmverleih
Im Spielfilmwettbewerb gleich mit vier Preisen bedacht (Produktion, Drehbuch, Regie und beste Hauptdarstellerin), und das zu Recht, war der Film Luisa von Julia Roesler. Ein Film über sexuelle Belästigung an Behinderten, der ein wichtiges Thema aufnimmt und gleichzeitig auch eine gute Geschichte hat. Luisa (Celina Scharff, selbst behindert und stark in der Darstellung) lebt in einer Wohngruppe und hat ein gutes Leben, bis sie immer stiller wird. Als festgestellt wird, dass sie schwanger ist, schweigt sie, wer es war. Ihr Freund ist zeugungsunfähig. Hat ein Pfleger seine Position missbraucht und wer war es ? Das bringt Unruhe in das Heim und auch der Heimleiter (Peter Lohmeyer) ist schockiert. Hatte er so etwas nicht für möglich gehalten. Darf Luisa trotzdem dort selbstbestimmt wohnen bleiben, oder muss sie nach Hause zurückkehren, wie es ihre Mutter (Eva Löbau) will ? Der Film lebt vom starken Spiel seiner Hauptdarstellerin und läuft bereits im Kino.
Das Glück der Tüchtigen von Franz Müller ist die Fortsetzung seines Films Die Liebe der Kinder von 2009. Er verfolgt die Geschichte von Mira (Katharina Derr) weiter, 17 Jahre später, nun mit zwei Kindern und einem netten Ehemann, der allerdings riskante Geldgeschäfte macht und ihrem neuen Job als Leiterin in einem Supermarkt. Als sie sich Geld von ihrem früheren Stiefvater Robert ( Alex Brendemühl) borgt und ihr Mann das Geld ungefragt in einem schiefgehenden Deal verzockt, verstrickt sie sich immer mehr in einem Lügengeflecht. Eine Mitarbeiterin in ihrem Laden (Lana Cooper, Gewinnerin als beste Nebendarstellerin) beginnt ihr zu helfen, hat sie einen Crush für ihre Chefin. Doch auch sie wird belogen. Gute Schauspieler und eine starke Geschichte machen den Film aus. Ein dritter Film wird später folgen. Der Film läuft ebenfalls bereits im Kino.
Gropiusstadt Supernova von Ben Voit spielt Silvester in der Berliner Plattenbausiedlung Gropiusstadt. Luan (Mo Issa) hat einen üblen Tag. Sein Bruder Tarik erhält den Brief mit dem Urteil zu seiner Abschiebung. Und will das Land mit einer grossen Tat verlassen. Als wäre das nicht genug, sagt ihm seine Freundin, dass sie in Amerika in einer Schauspielschule angenommen wurde und für drei Jahre weggeht. Als er eine Pistole in Tariks Sachen findet, nimmt er diese an sich und fürchtet das Schlimmste. Als Tarik weg ist und sogar seine Schlange freilässt und in den Nachrichten über einen Überfall berichtet wird, will er Tarik finden und Schlimmeres verhindern. Ein Film mit gutem Spannungsaufbau. Merkwürdigerweise bei den Preisen völlig übergangen und bislang noch ohne Verleih.
Ebenfalls ohne Preis blieb Noah von Ali Tamim. Ein junger Mann stirbt, nachdem er bei einer Polizeikontrolle angeschossen wurde. Die Bewohner einer Hochhaussiedlung zünden ein Auto an. Die Polizei rückt aus und findet eine Horde junger Leute vor. Unter den Polizisten ist auch ein Deutsch-Türke, der von seinen Kollegen rassistisch behandelt wird. Die Mutter des Toten (Meriam Abbas) darf ihren Sohn nicht sehen, weil die Leiche noch nicht freigegeben ist. Und zwei Afrodeutsche sind nach vielen Anfeindungen auf Krawall aus. Der Film verfolgt mehrere Figuren in dieser Nacht und zeigt, wie sich durch täglichen Rassismus und gegenseitiges Misstrauen üble Situationen ergeben. Der Film gewann bereits Preise in Kairo und beim Max Ophüls-Preis, nur in Berlin wurde er übergangen.
Plan F. von Ina Balon erzählt von zwei Schwestern, die unterschiedlicher nicht sein können. Franka ist als Punk so etwas wie ein Star, aber einer, den keiner mehr will.Maja lebt ein ruhiges Leben mit ihren Eltern auf dem Hof in Brandenburg, und will nur ihre Ruhe haben. Doch ihre Schwester will sie vor der Ödnis retten, ist doch die dritte Schwester seit Jahren verschwunden. Nun ziehen sie durch Berlin. Maja merkt schnell, dass Franka viele Schwierigkeiten hat und vor dem Untergang steht. Eine interessante Variante über Probleme, aber auch Liebe unter Schwestern.
Sechswochenamt von Jaqueline Jansen ist ein starker Film über Trauer und Trauerbewältigung und darüber, was alles auf einen zukommt, wenn man einen Tod in der Familie hat. Lore (Magdalena Laubisch) hat ihre Mutter verloren und sitzt nun in ihrer rheinischen Heimatstadt, um alles zu regeln. Das ist viel Arbeit und die Oma hat andere Vorstellungen, wie die Beerdigung sein soll. Doch Lore will den letzten Wunsch ihrer Mutter erfüllen. Aber eine ungewöhnliche Beerdigung ist rechtlich nicht so einfach zu machen. Und auch ansonsten gibt es viel zu tun, und das, obwohl sie durch den Verlust ohnehin geschwächt ist. Und Corona verschärft das Ganze noch. Ein exemplarischer Film über ein schwieriges Thema, mit dem sich schon viele auseinandersetzen mussten. Der Film kommt am 18.6.26 ins Kino.
Bei den Dokumentarfilmen stachen vier Filme heraus
Double Trouble von Emilia Sniegoska porträtiert die beiden alten Frauen Hanka und Bronka, seit immer Nachbarinnen und Freundinnen, die inzwischen alleine in ihren Häusern leben, aber beide darauf bestehen, in ihren Häusern zu bleiben. Sie leben in Bukovina, einem polnischen Dorf in Rumänien direkt an der Grenze zur Ukraine. In direkter Nähe zum Krieg hören sie oft Explosionen und Schüsse. Da in ihrem Dorf nur noch alte Leute wohnen und die Kinder wegen der Arbeit ausgewandert sind, bleiben nur ihre Treffen und Telefonate mit den Kindern. Ein fast idyllisches Leben mit dem Füttern der Hühner und der Feldarbeit. Ihre Freundschaft hilft über alles hinweg. Ein wirklich schöner Film.

Bild mit freundlicher Genehmigung Visions du Réel
Kilian Helmbrecht verbringt als Vogelwart sieben Monate alleine auf Schärhorn, einer Düneninsel in der Helgoländer Bucht. In seinem Film Im Licht der Sandbank zeigt er diese Zeit. Man begleitet ihn beim Vögel beobachten und beim Treibholz sammeln. In wunderschönen Bildern entsteht ein gutes Porträt des Lebens in so einem Gebiet. Und der Klimawandel wird sichtbar und durch Gespräche mit Fachleuten auf einem Computergrossbildschirm thematisiert. Wie viele Vogelarten werden auf Dauer überleben, wo sich doch hunderte Kilometer entfernte Veränderungen auf ihr Leben und ihre Nahrung auswirken. Schöne Bilder gepaart mit Informationen zum Klimawandel. Der Film wird ins Kino kommen.
Schwarze Häuser von Katrin Sikora erzählt von einem weitgehend verdrängten Thema aus der Nachkriegszeit, den Verschickungskindern. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden Millionen Kinder zur psychischen Heilung in sogenannte Kurheime geschickt, quer durch Deutschland. Doch viele Kinder wurden geschlagen oder psychisch terrorisiert. Erzählen duften sie nichts, weil sie sonst nie wieder nach Hause dürfen. Mit diesen oder anderen Drohungen wurden sie ruhig gehalten. Und wenn sie später ihren Eltern etwas erzählten, wurden sie oft nicht ernst genommen. Anhand von Augenzeugenberichten, gepaart mit eigenen Familienerfahrungen, wird ein schockierendes Bild freigelegt. Grund waren die vielen unqualifizierten Erzieher, die zum Teil auch noch aus Naziüberbleibseln gespeist wurden. Zusätzlich gibt es Teile aus einem Stück zum Thema vom Deutschen Theater in Berlin. Der Film wird im ZDF laufen.
In Where The Waves Took Her zeigt Jana Stallein den Alltag einer neu dazugekommenen Hebamme Anne-Katrin auf dem Seenotrettungsschiff SOS Humanity. Da immer mehr geflüchtete, schwangere Frauen auf Booten im Meer trieben, wurden Hebammen nötig. Mit ihr wird vor allem das weibliche Team auf dem Rettungsteam porträtiert. Und es gibt viele Geschichten von geflüchteten Frauen. Interessant und sympathisch.
Zusätzlich gab es wie immer die drei Zusatzsektionen Spotlight, Special und Serie
Im Spotlight lief Balance von Björm Schürmann. Johannes (Andreas Nickl) ist Musiker und sieht seine Tochter Clara (Larissa Kiers) nur selten und dann kurz. Das soll auch diesmal so sein. Eigentlich haben sie sich nicht viel zu sagen. Clara will eigentlich nur einen Zwischenstopp auf dem Flug nach Korea machen. Doch als der Flieger erst Tage später abheben soll, fahren die beiden in eine alte Familienhütte an der Ostsee. Was erst noch einigermassen harmonisch ist, schlägt schnell um. Ein interessantes Zwei-Personen-Stück ( von kleinen Nebenrollen mal abgesehen).

Bild mit freundlicher Genehmigung von projekt:::film
Germaine Acogny – Die Essenz des Tanzes von Greta-Marie Becker ist ein Porträt über die Mutter des zeitgenössischen afrikanischen Tanzes. Sie mischt afrikanische und europäische Tanzformen, gewann viele internationale Preise und tanzt auf der ganzen Welt. Um junge Tänzer im Senegal zu unterstützen, unterrichtet sie in der Schule, die sie selbst gegründet hatte. Dokumentarmaterial, Interviews und eigens inszenierte Tanzszenen fügen sich zu einem interessanten Gesamtbild zusammen. Der Film startet im Kino am 28.5.26.
Im Spezial liefen zwei Filme, die der Berliner Salzgeber-Verleih ins Kino bringen wird:
Lutz Pehnert und Ferdinand Hübner zeigen in Scherbenland die Veränderungen in Kreuzberg anhand von Aufnahmen aus den 70er Jahren mit der Gruppe Ton, Steine, Scherben mit ihrem Leadsänger Rio Reiser, der auch heute noch Kult ist. Vor allem auch in der damaligen Hausbesetzerszene. Der war ein Sprachrohr der Berliner Gegenkultur mit auch heute noch berühmten Liedern wie Der Traum ist aus oder Macht kaputt, was euch kaputt macht. Im heutigen Berlin werden die Rap-Gruppe RAPK und die Sängerin Maike Rosa Vogel gezeigt, die aber keine professionelle Sängerin mehr sein will, da sie Singen für Geld verabscheut. Das Ganze gibt ein interessantes Bild von Kreuzberg gestern und heute. Kinostart ist am 30.4.26.
Mit Fucking Different Generations bringt der Berliner Produzent und Regisseur Kristian Petersen den neuesten Teil seines vor zwanzig Jahren gegründeten Projektes Fucking Different in die Kinos. Ging es damals noch um Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen Lesben und Schwulen geht es nun immer mehr um Unterschiede zwischen jungen und alten Communities. In mehreren Kurzfilmen verschiedener internationaler Regisseure wie Todd Verow geht es sehr unterschiedlich um dieses Thema. Am interessantesten sind aber die Intervieweineinheiten zum jeweils nächsten Kurzfilm mit jungen Leuten, Leuten jeder Altersklasse, aber auch mit Prominenten wie dem Ex-Berlinale-Panorama-Chef und Regisseur Wieland Speck oder dem Produzenten und Regisseur Jürgen Brüning. Start demnächst.
Bei den Serien gab es mit Schwarze Schafe die Serie und Sternstunde der Mörder, die es bereits zum Streamen gibt oder die bereits in der ARD gelaufen sind. Wingspan ist eine Serie mit sehr unterschiedlichen Laufzeiten, die eine Vermarktung eher schwer machen. Sehr interessant war House of Yang von Regisseurin Mia Spengler und Creatorin/Autorin Stefanie Ren, die bereits bei der Berlinale lief, aber erst und dann komplett im Oktober im Fernsehen laufen wird. Eine starke Horrorgeschichte auf drei Zeitebenen (1949,1999 und heute), bei der in einem Schwarzwaldhaus Kinder mit kompletten Räumen verschwinden und später wieder als Geister auftauchen. Eine zweite Staffel ist bereits in Planung.
Abgerundet wurde das Programm durch eine Retrospektive mit Filmen zum Thema rechte Gewalt in den Nachwendejahren mit dem Titel Der Nachhall der Baseballschlägerjahre.
Harald Ringel
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