Berlinale 2026 – Forum: Highlights aus Spiel- und Dokumentarfilmen
Auch in diesem Jahr haben Barbara Wurm und ihr Team es erneut geschafft, ein sehr interessantes und vielschichtiges Programm zusammenzustellen. Die Bandbreite reichte von Dokumentarfilmen aus der ganzen Welt bis hin zum indonesischen Horrorfilm.

© Nothing New, Tohokushinsha Film Corporation
AnyMart des Japaners Yusuke Iwasaki zeigt den jungen Supermarktangestellten Sakai, der in einem typischen kleinen japanischen Lebensmittelladen arbeitet. Der steht hier für die ganze japanische Gesellschaft und zeigt meist lustlose Angestellte, Kunden aller Art und einen Chef, der hart zu seinen Angestellten ist und bei dem das Verhalten Kunden gegenüber sogar mit den von ihm vorgeschriebenen Sätzen stattzufinden hat. Das hat durchaus etwas von David Lynch und endet schliesslich als ein Horrorfilm mit blutigen Splattereffekten. Ein sehr starker Erstlingsfilm.
Ted Fendt, in Berlin lebender amerikanischer Independent-Regisseur, erzählt in seinem dritten Film Auslandsreise von Leonie und ihren Freunden. Leonie driftet durch Berlin und hat Lesekreise. In diesem Jahr beschäftigt sie sich mit den Büchern von Anna Maria Orteses, von denen sie auf verschiedenen Ebenen fasziniert ist. Ihre Lesekreis-Mitstreiter bewegen sich ähnlich durch Berlin, vor allem ihr Bekannter, der ständig die Wohnungen wechselt und nicht in die Firma seines Vaters einsteigen will, was er aber schliesslich doch macht. Von den Texten der Autorin so eingenommen, besucht sie sogar die deutsche Übersetzerin ihrer Bücher und erfährt allerhand Wissenswertes, aber auch Anekdoten. Ein schöner Film, der das Verhalten vieler junger Leute in Berlin sichtbar macht und gleichzeitig Interesse für die Autorin weckt.
Volker Koepp ist seit Jahrzehnten geschätzter Chronist Ostdeutschlands und östlicher Regionen wie Litauen oder der Ukraine. Sein neuer 200 Minuten langer Film Chronos-Fluss der Zeit bietet nun die Rückkehr in Stationen seines Werkes, aber aktualisiert. Neben Ausschnitten aus früheren Filmen gibt es neue Besuche und Gespräche mit Personen, mit denen er früher geredet hatte. Dies ist interessant anzusehen, wenn z.B. die Autorin aus der Ukraine jetzt in München wohnt und mit Koepp aber auch in die Ukraine fährt. So wird das vorherrschende Thema auch der Ukrainekrieg. Es bleibt zu hoffen, dass diese aktualisierte Rückschau nicht sein letzter Film ist. Der Film startet am 12.3. in den deutschen Kinos.
Crocodile ist ein interessanter Dokumentarfilm von Pietra Brettkelly und der nigerianischen Künstlergruppe The Critics über die Critics. Seit Jahren macht das Künstlerkollektiv Science-Fiction-Filme, die aber auch die kenianische Gesellschaft widerspiegeln. Anfangs noch aus Spass an der Freude und z. B. mit einer Neunjährigen als Regisseurin entwickelten sich weiter und wurden immer professioneller. Vor allem seit mehr als 100000 Leute ihren YouTube-Kanal abonniert haben und der Hollywoodregisseur JJ Abrams sie mit Equipment unterstützt hat. Mittlerweile hat die Gruppe auch Ausstellungen in anderen Ländern, u. A. in Frankfurt. Doch es gab auch Probleme: Ein Mitglied stieg aus, um erfolgreicher Musiker zu werden, und einer wurde rausgeschmissen, weil er die anderen im Schlaf sexuell belästigte. Der interessante Film macht Lust, auch mal einen ganzen Film der Gruppe zu sehen.
Ghost in The Shell ist der neue Horrorfilm des indonesischen Starregisseurs Joko Anwar. Anwar macht seit vielen Jahren Horrorfilme, aber durchaus mit witzigen Elementen und meist recht blutig. Und immer auch als Kommentar zur Situation in seinem Heimatland. So auch diesmal. Ein Journalist wird zu Unrecht zu Gefängnis verurteilt und bringt unwissend einen auf Rache sinnenden Geist mit. Der bringt nun Insassen um und macht Kunstinstallationen aus ihnen. Ein Mitinsasse kann an Auren erkennen, wer in Gefahr ist. Je röter die Aura, desto gefährdeter der Mensch. Nun müssen sie versuchen, die Verantwortlichen hinter ihrem Rachefeldzug – einen mächtigen Insassen, der im Gefängnis wie ein König residiert, sowie den korrupten Gefängnisdirektor – auszuschalten. Ein handwerklich gut gemachter Film, der in die deutschen Kinos kommen wird.
Der türkische Film Hear The Yellow von Banu Sivaci erzählt von Suna (Selva Erdener), die ins kaputte Haus ihrer Kindheit zurückkehrt. Eigentlich um einen Vertrag zum Ausziehen zu unterschreiben, da die gesamte Gegend wegen Erdbebengefahr geräumt werden soll. Doch sie streitet auch mit ihrem Bruder, der mit einer Büffelzucht in die roten Zahlen gekommen ist. Der eigentliche Zweck der Reise ist aber der Nachbar, den sie zum Gestehen des Mordes an ihrem Vater bringen will. Doch der ist inzwischen dement. Sie freundet sich mit dessen Tochter an, die auch unglücklich mit ihrer Situation ist. Ein Film über familiäre und öffentliche Probleme und Vorurteile in der türkischen Gesellschaft. Ein gutes Drehbuch, glaubhaft verfilmt.
Pepa Lubojacki gewann für ihren Film If Pigeons Turned To Gold den Berlinale-Dokumentarfilmpreis und den Caligari-Filmpreis des Forums. Kann man dem Alkoholismus und der Sucht entkommen, wenn alle Familienmitglieder seit Generationen Alkoholiker waren und der Vater sogar daran gestorben ist? Die Beobachtung über Jahre mit ihrem immer wieder obdachlosen Bruder und Cousins macht die schwierige Situation vor allem für Angehörige, wie hier die Regisseurin, sichtbar. Sie liebt ihren Bruder, hat aber immer wieder auch Phasen, in denen sie aufgeben will. Besonders wird der Film durch KI-Animierte Fotos, die sprechen, und eine animierte titelgebende Taube. Das ist gewöhnungsbedürftig, aber auch originell.

© CLAW films
Liebhaberinnen von Koxi ist eine Adaption eines Werks von Elfriede Jelinek. Eine alternde Messe-Hostess (Johanna Wokalek) folgt einem jungen Cam-Girl (Hannah Schiller), das in der Nähe ihres Elternhauses wohnt. Eigentlich immer von der jungen Chefin gelobt, wird sie ihres Alters wegen plötzlich entlassen. So gibt sie dem Drängen eines Verehrers (Ben Münchow) nach und heiratet diesen. Schliesslich hat sie Schulden und da muss man halt mit der Stiefmutter im Haus leben können. Und das Cam-Girl befindet sich auch immer mehr in der Abwärtsspirale. Ein ungewöhnlicher, interessanter deutsch-luxemburgischer Film.
Das indische Spielfilmdebüt Members of The Problematic Family von R Gowtham hat als Aufhänger die Beerdigung eines jungen Mannes. Schon da fällt ein anderer junger Mann auf, der sich merkwürdig auffällig benimmt. Der geistig zurückgebliebene Sohn wird im Laufe des Films immer gewalttätiger. Allerdings steht ihm seine Umwelt da in nichts nach. Ein intensiver Film, bei nicht nur das Ende fragwürdig erscheint und zeigt, wie familiäre Beziehungen sich immer mehr hochschaukeln können.
Nous Sommes les fruits de la forêt ist das erste Mal, das Rithy Panh nicht im Wettbewerb, sondern im Forum läuft. Und es ist eine Abkehr von seinen letzten Filmen, die kambodschanische Geschichte mit Hilfe von Puppen darstellte. Nach einem Ausflug in den Spielfilm nun die Rückkehr zum Stil seiner frühen Dokumentarfilme. Die Bunong sind eine indigene Volksgruppe, die in Eintracht mit dem Wald und den Geistern ihrer Vorfahren, den Skills, leben. Doch immer mehr von ihrem Wald wird ihnen weggenommen, auch der Totenwald, wo ihre Vorfahren begraben sind und die Geister leben, wird nicht beachtet. Ein Film, der die üblen Folgen der Globalisierung sichtbar macht.
Szenario von Marie Wilke ist ein Dokumentarfilm über die Bundeswehr. Oder besser über eine militärische Modellstadt, in der für den Ernstfall geübt wird. Gezeigt werden Touristenführungen, verschiedenste Kriegssimulationen, Interviews mit Leuten und alles im Stil einer beobachtenden Dokumentation à la Frederick Wiseman. Die Bundeswehr muss dabei immer die Balance halten zwischen historischer Aufarbeitung und den seit dem Ukrainekrieg und Donald Trump immer stärker werdenden Anforderungen. Interessant.
Was an Empfindsamkeit bleibt ist ein sehr persönlicher Dokumentarfilm der Regisseurin Daniela Magnani Hüller. Selbst das Opfer eines Stalkers in der Schule und schliesslich sein Opfer bei einer Messerattacke, das sie gerade so überlebte, rekonstruiert sie nun den Fall. Dabei konfrontiert sie Beteiligte wie den damaligen Staatsanwalt, ihre Klassenlehrerin und ehemalige Mitschüler mit kritischen Fragen: Warum mangelte es an Aufmerksamkeit und Intervention seitens der Schule? Und warum kann die Polizei oft erst einschreiten, wenn es bereits zu spät ist? Es dauerte 14 Jahre, bis die Regisseurin die Kraft fand, das Erlebte auf diese Weise aufzuarbeiten.
Ergänzt wurde das Programm durch das Forum Special, wo neben einigen interessanten neuen Dokumentarfilmen auch die restaurierte Wiederaufführung von Charles Burnetts My Brothers Wedding und die vorher nicht veröffentlichte DDR-Doku Frauen in Berlin von Chetna Vora liefen.
Bei der guten Qualität freut man sich schon auf das Programm im nächsten Jahr.
Harald Ringel, Berlin
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