Berlinale 2026 – Panorama: Starke Spielfilme, schwache Dokumentarfilme
Die Schere zwischen Spiel- und Dokumentarfilmen ging dieses Jahr stark auseinander. Während das Spielfilmangebot qualitativ überzeugte, waren nur drei Dokumentationen wirklich gut. Die übrigen Produktionen boten kaum neue Erkenntnisse, waren entweder gut gemeint oder schlicht überflüssig. Gut waren die Schriftstellerinnen-Porträt Siri Hustvedt – Dance around yourself von Sabine Lidl, die die Erfolgsautorin und Frau des verstorbenen Paul Auster porträtiert, Bucks Harbour von Pete Muller, der das harte Leben und die verschärfte Männlichkeit im amerikanischen Fischerort Downeast Maine zeigt, und Tristan Forever von Tobias Noelle und Loran Bonnardot, in dem ein Pariser Arzt auf die abgelegenste bewohnte Insel der Welt auswandern will.

© Medea Film Factory
Nun zur Auswahl aus den Spielfilmen
Arru von Elle Sofe Sara handelt von Maia, einer samischen Rentierhirtin, die verhindern will, dass sie ihr Land verliert, weil dort ein Bergbauprojekt realisiert werden soll. Dafür bittet sie einen Onkel, der erfolgreicher Anwalt ist, um Hilfe. Der kommt, und ein Erfolg liegt in greifbarer Nähe. Doch ein altes Familiengeheimnis kommt zum Vorschein: Der Onkel hat einst ihren Bruder sexuell missbraucht. Wie soll man sich nun entscheiden: weiter so tun, als ob nichts wäre und das Land behalten oder keine gemeinsame Sache mehr mit ihm machen ?
Enjoy Your Stay von Dominik Locher und Honeylyn Joy Alipio ist einer von zwei starken Filmen über Reinigungskräfte. Luz von den Philippinen verdingt sich zur Reinigung in einem Luxusskiresort in der Schweiz. Sie braucht Geld, um das Sorgerecht für ihre Tochter auf den Philippinen nicht zu verlieren. Illegal ohne Papiere wird sie wie ihre Kolleginnen nicht sehr gut behandelt und muss Sachen tun, die sie sonst nie tun würde. Wie weit ist man bereit, über seine moralischen Grenzen zu gehen?
Der andere Film zu ähnlichem Thema ist der deutsche Film Ich verstehe ihren Unmut von Kilian Armando Friedrich. Realisiert mit Laiendarstellern, die sich mit dem Thema auskennen, erzählt der Film von der Objektleiterin Heike. Ständig mit zu wenig Leuten kämpfend und abhängig von einem Subunternehmer hat sie immer mehr Stress. Abwerbeversuche gehen nach hinten los und der Subunternehmer will mehr Stunden und bessere Objekte von ihr rausschlagen. Und sie muss Leute mit fiesen Tricks kündigen. Doch sie will das nicht mehr mitmachen. Beide Filme sind Paradebeispiele für die Ausnutzung von meist armen Arbeitern und zeigen ein präkeres Bild der Arbeitswelt.
Geunyeoga doraon nal (The Day She Returns) von Hongsang Soo aus Südkorea lief diesmal im Panorama und nicht im Wettbewerb. Wahrscheinlich weil er letztes Jahr bei der Preisverleihung sagte, dass es ihm langsam peinlich ist, immer etwas zu gewinnen.Und das, wo sein neuer Film der schönste seit Jahren ist. Eine ältere Schauspielerin hat nach Jahren der Abstinenz einen neuen Film gemacht mit einem Indie-Regisseur. Nun sitzt sie in einem Restaurant mit deutscher Küche und Bier (natürlich wird auch diesmal getrunken, wenn auch weniger als sonst) und macht mehrere Interviews hintereinander, bei denen sich viel wiederholt.
Mit Isabel kehrt der brasilianische Regisseur Gabe Klinger endlich ins Kino zurück. Sein Film Porto liegt ja schon Jahre zurück. Marina Person, die auch das Drehbuch mit ihm zusammen schrieb, spielt eine Sommelière, die mit ihrem Job im Luxusrestaurant unzufrieden ist. Sie mag originäre brasilianische Weine, die ihr Chef mit schönster Regelmässigkeit ablehnt. So eröffnet sie eine kleine Weinbar und erhofft Erfolg. Doch der Sponsor aus Amerika springt ab, der Erfolg bleibt aus und sie muss sich entscheiden, was sie nun tut. Ein sehr schöner ruhiger Film, bei dem man ein angenehmes Gefühl hat, ihn zu sehen.
Ivan und Hadoum von Ian de la Rosa erzählt von der Liebesgeschichte vom Transmann Ivan und der Mitarbeiterin Hadoum in einem Gewächshaus in Spanien. Problem: Er will Chef des Gewächshauses werden, sie will sich gewerkschaftlich organisieren und verhindern, dass Amerikaner sich dort einkaufen und viele Mitarbeiter entlassen werden. Wird er sich für Karriere oder seine Liebe entscheiden? Wird es ein Happy-End geben?
Lady spielt in der nigerianischen Stadt Lagos. Lady ist Taxifahrerin und schlägt sich tough durch. Als eine frühere Freundin, die inzwischen Callgirl ist, ihr den Job als exklusive Fahrerin der Sexarbeiterinnen eines Zuhälters vermittelt, verdient sie endlich richtig Geld, das sie für ihren lange geplanten Umzug in ihre Traumstadt verwenden will. Doch als es zu einem Totschlag kommt, läuft alles aus dem Ruder. Ein gut gemachter Krimi, der auch die Lebensgegebenheiten im heutigen Nigeria zeigt, inszeniert von Olive Nwosu.
Lali von Sarmad Sultan Khoosat ist der erste pakistanische Film im Programm des Panoramas.Und was für einer. Zeba ist bereits mehrfach Witwe und gilt als Pechbringer in Person. Sajawal hat ein grosses Feuermal im Gesicht. Trotzdem heiraten beide. Anfangs rührt er sie nicht an, aber bald siegt die Begierde. Doch durch Aberglaube und Klatsch bei den Nachbarn sind die schönen Zeiten bald vorbei. Schliesslich wird er von einem Djinn besessen und als auch sie zum Dämon wird, geht es rund. Ein sehr unterhaltsamer Film mit einer Mischung aus Komödie, Drama und Horror lässt sich nicht wirklich einem Genre zuordnen. Eine echte Entdeckung aus einem Land, dessen Filmindustrie nicht sehr gross ist.

© Khoosat Films
Mouse von Kelly O’Sullivan und Alex Thompson erzählt von Callie, genannt Mouse (Katherine Mallen Kupferer), deren beste Freundin Minnie (Chloe Coleman) bei einem Autounfall stirbt. Sie will bei einer Ehrungsshow mitmachen, obwohl sie nicht singen kann. Sie nähert sich immer mehr Minnies Mutter an (Sophie Okonedo) und übt mit ihr Singen. Als sie eine Videothekenangestellte trifft, die ihr lesbisches Love-Interest wird, beginnt sie sich langsam neu zu finden. Der Film hat gute Schauspieler zu bieten, allen voran die Neuentdeckung Katherine Mallen Kupferer.
Paradise von Jeremy Comte erzählt von einer Betrugsmasche im afrikanischen Accra. Eine Frau aus Kanada ist verliebt in einen Frachtschiffkapitän, von dem sie nur ein Foto hat und häufige Telefonate führte. Als das Schiff brennt und er viel Geld für eine Operation braucht, schickt sie ihm dies und macht deshalb eine Menge Schulden. Doch der Kapitän existiert nicht. Es ist ein schwarzer Trickbetrüger, der damit seine Familie ernährt, aber auch einen Gangsterboss unterstützt. Der Sohn der Kanadierin fliegt nach Afrika, um die Schuldigen zu finden. Ein guter Krimi um eine Betrugsmasche, die man vorher noch nicht kannte.
Der ägyptische Film Safe Exit von Mohammed Hammad ist ein Psychothriller um einen Sicherheitsmann in einem Wohnhaus. Der hilft mit Warnungen, dass sein gesuchter Bruder fliehen kann, wenn die Polizei kommt. Als eine junge Frau ohne Geld einen Termin beim Arzt im Haus hat, aber morgen wiederkommen muss, lässt er sie in seiner Wohnung schlafen. Daraus entwickelt sich eine Freundschaft, die in eine Katastrophe führt. Ein fesselnder Fernweh-Krimi mit einem überraschenden Ende.
Staatsschutz von Faraz Shariat erzählt von Staatsanwältin Seyo die einem rechtsextremen Anschlag zum Opfer fällt. Sie muss schnell erfahren, dass rechtsextremes Verhalten verharmlost wird und deren Freunde auch bei Polizei und Staatsanwaltschaft sitzen. Sie beginnt in eigener Sache zu ermitteln und lässt sich nicht so leicht einschüchtern. Ein Krimi, der der Wahrheit im echten Leben überraschend nahezukommen scheint. Nur das Ende erscheint doch ein wenig zu übertrieben.
The Moment von Aidan Zamiri erzählt die wahre Geschichte des britischen Popstars Charli xcx, die sich auch selber spielt. Ein Film soll über ihr Konzert gedreht werden. Der Regisseur (Alexander Skarsgård) ist Egomane und verlangt, dass beim Konzert alles anders gemacht wird; der Kreditkartensponsor macht noch vor dem Konzert pleite und die Plattenfirmenchefin (Rosanna Arquette) unterstützt sie auch nicht wirklich. Eine Mockumentary, die von der Sängerin selbst initiiert wurde.
Vier minus drei von Adrian Goiginger erzählt von den professionellen Clowns Heli (Robert Stadelober) und Barbara (Valerie Pachner), die zusammen mit ihren Kindern ein alternatives Leben auf dem Land leben. Nur Heli würde eigentlich sein ursprüngliches Ziel, als Clown in Paris, weiterverfolgen. Als Heli und die beiden Kinder einen Autounfall haben und sterben, fällt Barbara in ein tiefes Loch. Was nun tun und wie weiterleben. Erschütternd gut.
Harald Ringel, Berlin
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