Berlinale 2026 – Wettbewerb: Vielfalt des Independent-Films
Die Berlinale-Leiterin Tricia Tuttle baute in ihrem zweiten Jahr voll auf den unabhängigen internationalen Film aus aller Welt. Und stellte mit ihren Mitarbeitern ein Programm zusammen, das aus allen Genres etwas zu bieten hatte. Neben Dramen und politischen Geschichten auch Jazzfilm, Dokumentarfilm, Western, japanisches Anime und sogar einen Horrorfilm. Nicht jeder Film wusste zu überzeugen, aber es gab auch eine Menge Gutes zu entdecken. Jurypräsident Wim Wenders und seine Jury hatten die Qual der Wahl. Leider wurde vieles von politischen Diskussionen und Polemiken überschattet, wo doch die Filmkunst im Zentrum stehen sollte.

© Ella Knorz, ifProductions, Alamode Film
Den Goldenen Bären gewann der deutsche Film Gelbe Briefe von İlker Çatak. Der erste deutsche Gewinner seit 22 Jahren. Çatak lässt Berlin als Ankara und Hamburg als Istanbul agieren, was er durch Einblendungen offiziell sagt. Er zeigt eine intellektuelle Familie in der Türkei. Sie (Özgü Namal) bekannte, streitbare Schauspielerin, er (Tansu Bicer) Bühnenautor und Universitätsprofessor, die mit ihrer 13-jährigen Tochter in Ankara leben. Als er seine Studenten auffordert, statt an seinem Kurs bei einer Demonstration teilzunehmen, wird er, wie viele seiner Kollegen, entlassen. Als sein Theaterstück, in dem seine Frau mitspielt, abgesetzt wird und sie dagegen protestiert, wird auch sie entlassen. Beide durch in der Türkei übliche gelbe Briefe. Nun in Geldnot ziehen sie zur Mutter nach Istanbul. Als sie eine Serienrolle in einer Serie bei einem staatsnahen Sender annimmt, beginnt ihre Ehe zu kriseln. Ein Film, der den Staatsapparat in der Türkei kritisiert und die Frage stellt, wie weit man für seine Überzeugungen bereit ist zu gehen. Der Film startet am 5.3. in Deutschland im Kino.
In A voix basse (In a Whisper) erzählt die tunesisch-französische Regisseurin Leyla Bouzid (Der Blaue Kaftan) von Lilia (Eya Boutreera), die mit ihrer lesbischen Freundin (Marion Barbeau) nach Jahren aus Paris nach Tunesien reist, um an der Beerdigung ihres Onkels teilzunehmen. Ihre Familie weiss nichts von ihrer sexuellen Orientierung. Ihr Onkel wurde nachts nackt auf der Strasse gefunden und wurde wahrscheinlich ermordet. Doch davon will die Familie nichts wissen; er kann schliesslich nicht homosexuell gewesen sein. Und obwohl Lilias Mutter (Hiam Abbas) davon wusste und ihren Bruder deckte, ist sie geschockt über die Beziehung ihrer Tochter. Ein gut gespielter Film über Schwulenhass in Tunesien und Geheimniskrämerei.
Mit Josephine der in Amerika lebenden Brasilianerin Beth de Araujo kam der Doppelgewinner von Sundance (Hauptpreis der Jury und Publikumspreis) am Ende des Wettbewerbs ins Programm. Für viele ein Favorit, aber von der Berliner Jury übergangen. Als die achtjährige Josephine (Mason Reeves) mit ihrem Vater (Channing Tatum) im Park joggen geht, wird sie Zeugin einer Vergewaltigung. Sie will als Zeugin aussagen, was ihre Mutter (Gemma Chan) anfangs nicht will. Der Film zeigt die psychischen Belastungen des Kindes (so sieht sie überall den Täter und reagiert mit Gewalt als Selbstschutz). Wird das Leben der Familie jemals wieder sein wie zuvor? Ein starkes Thema, erstklassig gespielt vor allem von der jungen Darstellerin.
In Nina Roza der kanadischen Regisseurin Genevieve Dulude-De Celles reist ein Kunsthändler aus Quebec in seine frühere Heimat nach Bulgarien, um herauszufinden, ob ein neunjähriges Mädchen wirklich eine begnadete Malerin ist, oder ob es sich um einen Schwindel der Familie handelt. Gleichzeitig überlegt er, ob er seine Schwester besuchen soll, mit der er seit damals keinen Kontakt mehr hatte. Ein interessanter Film, der der Frage nachgeht, ob man den Wünschen eines so jungen Kindes nachgeben oder gegen ihren Willen ihr eine gute Ausbildung und einen Umzug nach Italien unterstützen soll. Die Regisseurin gewann den Preis für das beste Drehbuch.
In seinem dritten Spielfilm Rose erzählt der Österreicher Markus Schleinzer von einem jungen Soldaten, der in einem Dorf sein Erbe eines verlassenen Gutshofs antreten will. Die Dorfbewohner sind misstrauisch und erst, als er eine der Töchter (Caro Braun) eines Grossbauern (Godehard Giese) heiratet, wird er anerkannt. Doch als diese ein Kind bekommt, obwohl er nie mit ihr geschlafen hat, kommt ein Geheimnis ans Licht: Er ist in Wirklichkeit eine Frau, die sich das Leben und den Namen eines toten Kriegskameraden angeeignet hat. Ihre Frau spielt mit, aber als sie krank wird und eine Schwester der Frau sieht, dass er eine Frau ist, beginnen die Schwierigkeiten. Im 17. Jahrhundert stand auf so etwas noch die Todesstrafe. Sandra Hüller bekam für ihre Rolle nach zwanzig Jahren zum zweiten Mal den Silbernen Bär als beste Hauptdarstellerin. Der Film kommt im April ins Kino.
Wolfram des australischen Regisseurs Warwick Thornton ist eine Art Fortsetzung seines sehr düsteren Films Sweet Country, der vor zwanzig Jahren auch auf der Berlinale lief. Der Western spielt in den 30er-Jahren in einer Stadt mit vielen Goldminen. Als zwei Outlaws Mord und Gewalt in die Gegend bringen, schaffen es drei Kinder zu entkommen und auf die Suche nach ihrer Mutter (Australiens Aborigine-Filmstar Deborah Mailman) zu gehen. Im Gegensatz zum ersten Film ist dieser genauso spannend, aber nach ebenfalls viel Düsternis gibt es sogar ein versöhnliches Happy End.
Im Horrorfilm Yön Lapsi (Nightborn) von Hanna Bergholm ziehen die Finnin Saga (Seidi Haarla) und der Engländer Jon (Harry-Potter-Star Rupert Grint) in ihr Elternhaus in den finnischen Wäldern, wo die Bäume merkwürdige Formen haben. Als das Kind endlich da ist, denkt Jon, seine Frau spinnt, wenn sie meint, ihr Kind sei merkwürdig. Doch Saga merkt, dass etwas nicht stimmt. So trinkt das Kind lieber Blut statt Milch und mag auch gerne rohes Fleisch. Gut erzählt, sehr blutig und tief in die skandinavische Sagenwelt eintauchend.
Moscas (Flies) ist der neue Film des Mexikaners Fernando Eimbcke. In bestem Schwarz/weiss erzählt er die Geschichten von Olga und ihrem Untermieter und dessen Sohn. Um die Miete bezahlen zu können, nimmt Olga einen Untermieter auf. Und ist nicht gerade freundlich. Der braucht das Zimmer, weil seine Frau auf der Intensivstation im gegenüberliegenden Krankenhaus liegt. Und er schmuggelt seinen Sohn ein. Als er arbeiten gehen muss und der Sohn einige Tage alleine bleibt, beginnt Olga langsam aufzutauen. Und beide teilen die Faszination für ein SciFi- Flipperspiel, bei dem einst ihr toter Sohn ein Meister war. Ein Film voll kleiner Beobachtungen und sympathischer Schauspieler.

© Kinotitlán
Queen at Sea erhielt gleich zwei Preise: Regisseur Lance Hammer den Jurypreis für den Film und die beiden Schauspieler Anna Calder-Marshall und Tom Courtenay den Preis als beste Nebendarsteller. Eine Frau ist dement und kann sich nicht wirklich mitteilen; ihr Mann, der sich aufopfernd um sie kümmert, hat aber auch noch Sex mit ihr. Als ihre Tochter (Juliette Binoche) sie dabei überrascht, ruft sie die Polizei und bringt damit eine Kette an Ereignissen ins Laufen. Man weiss nie so genau, wer recht hat. Eine Art Grauzone, wo es schwer ist, zu beurteilen, was richtig ist.
Wo Men bu shi mo sheng rien (We Are All Strangers) des Regisseurs Anthony Chen aus Singapur zeigt alltägliches Leben. Junyang hat seine Freundin geschwängert und muss heiraten. Die Mutter seiner Zukünftigen ist nicht begeistert, ist er Ex-militär, hat keinen Job und der Vater schlägt beide mit seinem kleinen Nudelrestaurant durch. Und eigentlich sollte sie Konzertpianistin werden. Um die Hochzeit zu bezahlen, macht der Papa Schulden. Er verliebt sich in eine Kellnerin und heiratet sie. Nun leben sie zu viert auf kleinstem Raum. Als er stirbt, kommt es schliesslich zur Katastrophe. Ein 157-Minuten-Film, der kein Stück zu lang ist und unerklärlicherweise keinen Preis gewonnen hat.
The Loneliest Man In Town von Tizza Covi und Rainer Frimmel war der Crowdpleaser im Wettbewerb. Der Wiener Alois Koch ist seit Ewigkeiten als Al Cook ein Bluesmusiker, der mit allen inzwischen verstorbenen Bluesgrössen spielte. Er tritt immer noch auf und macht Platten. Doch hauptsächlich wohnt er mit allen seinen Erinnerungen in seiner Wohnung. Als sein Haus abgerissen werden soll und er als letzter Mieter noch dort wohnt, unterschreibt er den Auszug und plant mit der Abfindung endlich nach Amerika zu fahren, wo er noch nie war. Doch dann taucht eine alte Liebe wieder auf. Eine höchst ansehnliche Mischung aus Spiel- und Dokumentarfilm.
Der Gewinner einer künstlerischen Einzelleistung wurde YO (love is a rebellious bird) von den amerikanischen Künstlern Anna Fitch und Banker White. Regisseurin Anna und Yo trafen sich, als Anna 24 und Yo 73 waren. Trotzdem entwickelte sich eine tiefe Freundschaft bis zu Yos Tod. Der Film erzählt die Lebensgeschichte von Yo, aber auch wie Anna ein 1:3- Puppenhaus von Yos Haus nachbaut und dort auch die Puppe von Yo leben lässt. Vor allem auch die Töchter der beiden Regisseure lieben das Haus. Skurril, interessant und ungewöhnlich.
Harald Ringel, Berlin
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