JFBB – Jüdisches Filmfestival Berlin Brandenburg 2026: Nachlese eines interessanten Jahrgangs
Auch in diesem Jahr bot das JFBB wieder ein gutes Programm mit vielen starken Spiel- und Dokumentarfilmen.
Gewinner des Preises für den besten Spielfilm wurde Book of Ruth von Esty Shushan. Selber aus der ultraorthodoxen Gemeinde erzählt sie vom Ehepaar Ruth und Shmuel. Beide haben einen kleinen Sohn, den Shmuel in der Hitze im Auto vergisst und der dadurch stirbt. Der Rabbiner verarbeitet seine Schuld und seinen Schmerz in der Religion und mit seinen streng gläubigen Freunden. Schliesslich hat Gott den Sohn zu sich genommen und es so gewollt. Doch Ruth beginnt zu zweifeln und wird mehr und mehr zur selbstständig denkenden Frau. So lässt sie sich ihre CD-Sammlung nicht wegnehmen und besteht darauf, den Führerschein zu machen, um ihre zukünftigen Kinder selber fahren zu können. Ein starker Film, den es aber sehr ähnlich bereits aus Europa gab, mit sehr ähnlicher Handlung , allerdings nicht mit ultraorthodoxer Religion.

© Metro Communications Ltd
Fantasy Life von Matthew Shear mit sich selbst in der Hauptrolle erzählt von Sam. Der hat Panikattacken, hat gerade seinen Job verloren und wird nun von seinem Psychiater (Judd Hirsch) als Babysitter für dessen Enkelinnen engagiert. Deren Vater (Alessandro Nivola) geht wieder mal als Musiker auf Tournee und die Mutter Diane (Amanda Peet, hier auch eine der Produzentinnen) ist eine weitgehend vergessene Schauspielerin, die gerne wieder spielen möchte. Da ist er gerade rechtzeitig zur Stelle und macht sich fast unersetzlich. Aber als er sich in Diane verliebt, läuft alles aus dem Ruder. Ein gut gespielter Beziehungsfilm mit bekannten Schauspielern auch in kleinen Rollen.
Mariana’s Room ist der neue Film des Franzosen Emmanuel Finkiel. In Czernowitz 1943 muss eine Mutter ihren Sohn bei Mariana vor den Nazis verstecken. Die arbeitet als Prostituierte in einem Bordell, in dem vor allem die deutschen Besatzer verkehren. Also eigentlich ein gutes Versteck, da dort niemand wirklich suchen wird. Die gesamten 131 Minuten Laufzeit werden aus der Sicht des jungen Hugo erzählt und kommen einem nicht so lang vor. Anfangs nicht begeistert über sein Versteck und die Ersatzmutter, gewöhnt er sich an sie und will am Ende sogar bei ihr bleiben. Doch die Befreier wissen das zu verhindern. Jahre der Shoah aus der Sicht eines Kindes.
Das Porträt des scheiternden Literaturprofessors Joel zeigt Negative Capability von Jesse Zigelstein. Sein Vertrag an der Uni wird nicht verlängert, seine Frau will sich von ihm scheiden lassen, weil sie jetzt eine Frau liebt und das mit dem Sex auch nicht mehr so läuft. Als auch noch der gemeinsame Hund eingeschläfert werden muss, ist er eigentlich am Ende. Doch durch die sogenannte Negative Capability ( die Lebenskunst schlechte Dinge auszuhalten) schafft er es schliesslich ein neues Leben zu starten.
The Sea von Shai Carmeli-Pollak ist der grosse Gewinner des israelischen Filmpreises und war der israelische Oscarkandidat 2026 auf der Shortlist für den nicht englischsprachigen Film. Und verursachte einen Skandal um den israelischen Kulturminister, der den Film verurteilte, obwohl er ihn eingestandenermassen nicht mal gesehen hatte. Nun entzog er den Filmpreisen jegliche finanzielle Unterstützung. Und das, obwohl der Film recht fair die Geschichte des 12-jährigen palästinensischen Jungen Khaled (Muhammad Gazawi), der bei einer Klassenfahrt ans Meer von Polizisten am Checkpoint aus dem Bus geholt wird, weil etwas mit seinen Papieren nicht stimmen soll, darstellt. Doch er gibt nicht auf, er wollte immer schon das Meer sehen. So schafft er es über die grüne Grenze, obwohl er kein Hebräisch kann. Und sein Vater, der ohne Papiere auf einer Baustelle arbeitet, beginnt ihn zu suchen. Anrührend und klasse.
The Soundman des Belgiers Frank van Passel erzählt die Liebesgeschichte vom Soundtüftler Berre und von Elza, einer illegal in Belgien lebenden Jüdin, die unter falschem Namen einen Job beim Hörspiel des belgischen Rundfunks ergattert hat. Genau dort fängt Berre als Praktikant an. Sein Chef ist nicht begeistert. Als dieser sich umbringt und Berre richtig gut arbeitet, wird er schnell zum neuen Chef fürs Geräuschemachen. Elzas Familie will, dass sie unsichtbar bleibt. Aber sie will unbedingt sprechen und unterschätzt das Risiko. Als die Nazis einmarschieren und sie von einem Kollegen angeschwärzt wird, kommt es zur Katastrophe. Ist der Film über weite Strecken eine schöne Geschichte, die aber in der letzten Viertelstunde in Fantasy abdriftet und ein trauriges Ende hat. Wenn man sich darauf einlässt, ist es ein richtig guter Film.
Bei den Dokumentarfilmen gewann völlig zu Recht Reward For The Rain der Ungarin Barbara Bernath. Über den war bereits in dem Vorbericht zu lesen.

© Büki Balázs Máté
In Know Hope porträtiert Omer Shamir seinen Freund und Chef mit dem gleichnamigen Künstlernamen. Er zeigt etwas von seiner Vorgeschichte, einige (leider zu wenige) Kunstwerke, die weltweit in Galerien hängen und gute Verkaufspreise erzielen, aber auch seinen Wechsel in unverkäufliche Streetart, wo er auf Strassen und an Gebäuden mit gegenübergestellten OneLinern aktuelle Politik kritisiert. Und er ist mittlerweile Plakatmaler für die meisten grossen Demonstrationen.
Shooting ist der neue Film der israelischen Regisseurin Netalie Braun. In drei Kapiteln geht es um Zusammenhänge zwischen Kino, Krieg und Macht. Der erste Teil zeigt, wie in früheren israelischen Kriegen die Schlachten filmisch nachgestellt wurden und eigentlich Spiel- und keine Dokumentartfilme waren. Neben Ausschnitten und nichtverwendeten Szenen gibt es Interviews mit dem damaligen Regisseur und dem Kameramann, der dann in Hollywood grosse Karriere machte, Drastisch ist aber vor allem, das die Bevölkerung nicht informiert wurde und alle dachten, das der Krieg weitergegeht. Die meisten Anwohner sind in Angst geflüchtet. Der zweite Teil zeigt die Geschichte einer palästinensischen Familie in Israel. Ein Sohn wird grundlos (er war auf dem Weg zur Schule) von einem Polizisten fast blind geschossen. Anzeigen wurden jahrelang verzögert. Als sich die Familie nicht auf eine Schadensersatzzahlung einlassen wollte, kamen dieselben Polizisten im Rahmen einer Realityshow und führten eine Durchsuchung nach Waffen durch und schoben ein Gewehr unter. Die viel spätere Entschuldigung des Senders hatte den Ruf als Verräter an den Palästinensern nicht mehr wirklich ändern können. Im dritten Teil kommt ein Waffensammler ins Bild. Der hatte Massen von Waffen im Haus gehortet. Als dies verboten wurde, begann er sich Repliken, mit denen man nicht wirklich schiessen kann, zu holen und wurde zum grössten Filmrequisitenhändler Israels. Seine Frau bezeichnet sich als Pazifistin und in der Küche hängt ein Bild vom Rabbi. Mittlerweile hat er alles weggegeben, weil er nur noch Alpträume davon hat. Sachen, die die Regisseurin überlegen lassen, ob sie weiterhin Filme machen will.
The Big Chief von Tomasz Wolski erzählt die Geschichte von Leopold Trepper, dem Chef der Roten Kapelle, der grössten Anti-Nazi-Widerstand und Spionageorganisation. Er agierte von Frankreich aus. Ende der 60er Jahre wurde er in Polen verhaftet. War er wirklich ein Überläufer, wie viele Akten behaupten ? Dies kann auch der Film nicht wirklich klären, aber er zeigt das interessante Leben.
In Nur der Wald ist geblieben der österreichische Regisseure Hans Seebacher und Tobias Hochstöger zeigen den Wald und eine erst kürzlich eröffnete Hütte zur Erinnerung an ein ehemaliges KZ. Erst jetzt ist die Bevölkerung (teilweise) offen gegenüber den Geschehnissen. Und im Wald finden sich immer noch Reste von Schuhsohlen und Kleidung.
The Smugglers von Tony Copti und Yaniv Berman behandelt ein kaum bekanntes Thema: das Verbot vieler palästinensischer Bücher in Israel. Da Tony Copti und sein Partner ein Buchcafé in Jerusalem betreiben und ständig nach Büchern gefragt werden, die sie nicht haben, versuchen sie diese in arabischen Nachbarländern zu beschaffen. Als sie an der Grenze beschlagnahmt werden, werden sie zu Buchschmugglern. Unterhaltsam, ironisch und eigentlich schräg. Wieso ist Israel so merkwürdig Bücher bei der Einfuhr zu verbieten, wenn man auch dort alle Bücher über Amazon bestellen kann ?
Sehr interessant war die Nebenreihe Nordic Jewish Focus. Dort liefen verschiedenste Filmgenres. Und alle zeigen, wie vielschichtig jüdisches Leben in den nordischen Filmen dargestellt wird.
Attachment ist ein jüdischer Horrorfilm von Gabriel Bier Gislason aus Dänemark. Maja ist Schauspielerin und verliebt sich in Leah. Sie zieht mit ihr ins Haus von Leahs Mutter. Und wird gewarnt: Ihre Mutter (Sofie Grabol) ist sehr verschroben. Leah hat merkwürdige Anfälle, ihre Mutter übt mysteriöse Rituale aus. Eine Kerze brennt ständig. Maja sucht Hilfe in einem jüdischen Laden. Deren Besitzer (David Dencik) macht sie mit schwarzer jüdischer Magie vertraut. Und er ist der Bruder von Leahs Mutter. Eine recht betuliche Mischung aus jüdischen Geschichten, Geisterhorror und einem sehr schnellen Ende a la Exorzist.

Bild mit freundlicher Genehmigung Nordisk Film Production
The Bridgeplayers von Alberto Herskovits aus Schweden ist ein Dokumentarfilm. Porträtiert werden vier Freundinnen, die das KZ in Auschwitz überlebten. Kennengelernt haben sie sich, als sie alle am selben Tag im KZ ankamen. Gezeigt werden vor allem Gespräche, die sich aber nicht nur um alte Zeiten drehen, sondern um Aktuelles Geschehen, Familie und das Leben in Stockholm. Das Bridgespielen ist dabei ihr zentraler Zeitvertreib.
Never Alone von Klaus Härö ist eine Koproduktion aus Finnland,Estland,Schweden,Deutschland und Österreich. Erzählt wird in Rückblicken bei einem Interview die Lebensgeschichte von Abraham Stiller. Selbst Jude, verheiratet mit einer reichen Geschäftsfrau und beliebt im Geschäft, schafft er es, eine Schiffsladung von jüdischen Geflüchteten zu retten. Ein Ehepaar, bald mit Kind, nimmt er bei sich in die Wohnung und das Geschäft auf. Doch aus Angst vor den Russen schliesst sich Finnland Nazideutschland an. Abraham versucht mit allen Mitteln „seine“ Juden weiterhin zu schützen. Auch unter Einsatz seines eigenen Lebens. Aber er schafft es nicht, alle zu retten. Vor allem der Abtransport seiner Hausgäste macht ihn bis ins hohe Alter fertig. Ein guter Spielfilm über harte Zeiten.
Swedishkayt:YidLifeCrisis in Stockholm ist der neue Film der beiden kanadischen Komiker Eli Batalion und Jamie Elman. Bekannt geworden durch ihre Comedy-Webserie YidLifeCrisis und vor einigen Jahren auch zu Gast beim JFBB, reisen sie diesmal für eine Comedyshow nach Stockholm. Dort werden sie überrascht, dass Yiddish sogar offizielle Minderheitensprache in Schweden ist. Der Film ist ein spassiger bunter Bilderbogen über das vielfältige jüdische Leben in der Stadt und ihre Show in Auszügen.
Harald Ringel
j:mag Tous droits réservés