JFBB2022 – Ein Festival wider das Vergessen

Deutschlands grösstes jüdisches Filmfestival, im zweiten Jahr unter neuer Leitung, fand diesmal in erheblich weniger Tagen und Kinos statt. In diesem Jahr gab es weniger Filme, die demnächst ohnehin ins Kino kommen, dafür wieder mehr Filme, die noch keinen Verleih haben, was einem so manche Entdeckung bescherte. Viele Filme befassten sich mit der Nazizeit und deren Folgen, aber auch aktuelle Stoffe fanden sich.

Gewinner des Spielfilm-Wettbewerbs wurde Cinema Sabaya von der Israelin Orit Fouks Rotem. Bei einem Filmworkshop für jüdische und arabische Frauen treten Unterschiede von Sprachbenutzung über verschiedene Lebensformen und Probleme im jeweiligen Leben der Protagonistinnen zu Tage. Katalysiert wird das durch Gespräche und filmische Übungen. Der gesamte Film macht immer den Eindruck, dass man in einem Dokumentarfilm sitzt, auch wenn er mit Schauspielern inszeniert ist. Aber auch im Film will die Regisseurin, die den Kurs leitet, einen Film daraus machen, was von den Teilnehmerinnen als zu privat abgelehnt wird. Wurde da eventuell tatsächlich erlebtes nachgespielt ?

Cinema Sabaya von Orit Fouks Rotem
©Ella Barak

Evolution des Ungarn Kornel Mundruczo bekam eine lobende Erwähnung. Eva, ein 1945 in einem KZ bei Aufräumarbeiten gefundenes Baby wohnt im heutigen Berlin. Als sie nicht mit ihrer Tochter zu einer Ehrung gehen will, gibt es lange Konfrontationen in denen ihre Tochter sie mit ihrer jüdischen Vergangenheit zum Mitkommen animieren will. Und ein Wasserschaden tut noch ein Weiteres. Ein intensives Drama über Spätfolgen des Holocausts und verschiedene Herangehensweisen, wie man ihn bis heute verarbeitet. Der Film läuft demnächst im Kino.

The Red Star, eine Fake- Doku von Gabriel Matias Lichtman erzählt die Geschichte von Laila Salarna, die es nie gegeben hat. In Argentinien merkt jeder den Schwindel, da die Schauspieler des Films dort recht bekannt sind, hier aber nicht. Das angebliche Model/Schauspielerin/Sängerin spioniert im Wirklichkeit für den englischen Geheimdienst und war an der Entführung von Adolf Eichmann beteiligt.

Concerned Citizen von IdanHaguel lief bereits beim Panorama der Berlinale. Ein Film, der sehr gut zeigt, wie man als eigentlich liberaler Bürger in die Rassismusfalle tappen kann. Als ein Afrikaner an einem frischgepflanzten Baum lehnt, ruft ein Stadtplaner die Polizei und wird Zeuge eines brutalen Polizeiübergriffes. Aber er tut und sagt zunächst nichts. Verquickt wird dies mit dem Adoptionswunsch des homosexuellen Paares und dem Problem der Gentrifizierung.

Hier die Kritik (auf Französisch: Malik Berkati, Berlinale 2022).

Zwei weitere Berlinalefilme, Der Passfälscher von Maggie Peren zeigt die Geschichte von zwei jüdischen Freunden, die in der Nazizeit in Uniformen eigentlich gut überleben, bis der Eine anfängt Pässe für andere Juden zum Flüchten zu fälschen und Wir könnten genauso gut tot sein von Natalia Sinelnikova, der Geschichte der Sicherheitsbeamtin Anna, die in einem abgesicherten Haus mit strikten Regeln selbst unter Verdacht gerät einen Hund entführt zu haben.

Abgerundet wurde der Wettbewerb mit Berenshtein des Ukrainers Roman Shumunov über einen jüdisch-ukrainischen Partisanen und seine Erlebnisse 1944, basierend auf wahren Ereignissen und Rose der Französin Aurelie Saada, der Geschichte einer alten jüdischen Frau, die ihr Leben noch mal geniessen will und sich nicht mehr einschränken lässt. Faszinierend gespielt von Françoise Fabian.

Kritik der Film; Interview von der Regisseurin Aurélie Saada und die Schauspielerin Aure Atika; Interview von der Hauptdarstellerin Françoise Fabian. (auf Französisch: Firouz E. Pillet, Locarno 2021).

Als Gewinner des Dokumentarfilm-Wettbewerbs wurde der 53 minütige Film Summer Nights von Ohad Milstein prämiert. Der Film ist ein faszinierendes Kleinod, in dem der Regisseur seinen sechsjährigen Sohn Alva mit der Kamera begleitet, ihn filmt und in Gesprächen und seinen Gedanken so universelle Themen wie Familie, Leben und Tod behandelt.

Summer Nights von Ohad Milstein
Foto mit freundlicher Genehmigung von JFBB

Bei We Wept Without Tears von Gideon Greif und Itai Lev dauerte es fast dreissig Jahre bis der Film fertiggestellt werden konnte. Niemand wollte ihn finanzieren. Bereits 1993 kehrten 6 Überlebende der sogenannten Sonderkommandos nach Auschwitz- Birkenau zurück und redeten dort über ihre unmenschliche Arbeit, zu der sie von den Deutschen gezwungen wurden. Die Beseitigung der Holocaustopfer konnten sie nur durchhalten, in dem sie völlig gefühllos funktionierten und ihre eigene Menschlichkeit verloren. So wurden Essenspausen sitzend auf Leichenbergen gemacht, da es sonst nichts zu sitzen gab. Früher als Mitschuldige angeklagt, ist schon lange klar, dass sie selber mit der grössten Opfer waren. Oder wie einer der 6 sagt: ich bin zwar aus Auschwitz geflohen, aber ich bin immer noch da. Ein Film der schockt und lange nachhallt.

Baby Yar.Context von Sergei Loznitsa zeigt als Bildercollage von Originalbildern von 1941 von Blumengaben bei Naziparaden in der Ukraine über Pogrome gegen Juden in Lemberg und der Abschlachtung von 33771 Juden in der Schlucht von BabiYar bei Kiew bis zu den Kriegsgerichtsprozessen Schuldiger, von denen natürlich alle nur Befehlen folgten. Bilder, die im Kopf bleiben und gegen das Vergessen helfen.

Raymonde El Bidaouia der israelisch-französischen Schauspielerin Yael Abecassis zeigt auf den ersten Blick das Porträt der sephardischen Jüdin, die seit 50 Jahren ein Star zunächst in Marokko, dann mit 18 nach Israel ausgewanderten Sängerin. Eigentlich begann sie mit französischen Chansons, fand aber bald ihre Berufung im Nachsingen marokanischer Lieder in arabisch, was dem Starwerden in Israel aber überhaupt nicht geschadet hat. Und sie ist die Mutter der Regisseurin. Diese und deren Bruder wurden von ihr nach dem Unfalltod des Ehemanns kaum noch beachtet. Der Sohn wurde quasi von seiner Schwester aufgezogen und auch heute hält Raymonde ihn nicht aus, weil er sie zu sehr an ihren toten Ehemann erinnert. So ist der Film eigentlich die Annäherung von Tochter zur Mutter, was nur funktionieren konnte, weil die Kamera dazwischen war.

Adam & Ida von Jan Tenhaven zeigt die ergreifende Lebensgeschichte von zwei Geschwistern, die sich nach 53 Jahren tatsächlich noch wiedergefunden haben. 1942 als die Zwillinge 3 Jahre alt waren, wurde Ida von einem polnischen Ehepaar versteckt und getauft, lebt seit 30 Jahren in Chicago. Adam überlebte das KZ und ging zurück nach Polen, wo er heiratete. Der Film zeigt mit Hilfe von Animationen und Dokumentaraufnahmen die Geschichte beider, folgt ihnen danach bei ihrem gemeinsamen Leben bei Chicago. Ein Film der beweist, dass es immer etwas bringen kann nie aufzugeben. Sehr sympathisch. Leider starb Adam vor der Premiere des Films.

Weitere Filme bot Kino fermished, quasi das filmische Panorama des Festivals. Highlight war hier der neue Film der ultra- orthodoxen Regisseurin Dina Perlstein Shattered. Die Filme die in der Hauptsache für Frauen gemacht werden, bei der alle wichtigen Rollen von Frauen gespielt werden (hier u.a. vom israelischen Star Gila Almagor) und auf Schimpfworte oder rohe Gewalt verzichtet wird, sind immer um 3 Stunden lang und bieten eine gelungene Mischung von Melodram und Thriller mit in der Realität verwurzelten politischen Geschehnissen. Im neuen Film geht es um Vertuschungen nach einem Bombenattentat, was von Israel über Argentinien nach Spanien führt und eine echte Überraschung bietet. Die Länge des Films kommt einem (wie immer bei der Regisseurin) erheblich kürzer vor. Und diesmal war die Regisseurin auch selbst angereist.

Hier liefen auch eine Doku über westliche, nichtjüdische Freiwillige im Kibbuz der 70er Jahre und die daraus entstehenden Probleme (Apples And Oranges), die Doku über das Attentat auf die Synagoge Tree Of Life in Pittsburgh, die Notfallübungsdoku State Of Emergency und Shalom Putti, eine Doku über Juden in einem kleinen Dorf in Uganda.

— Jeanine Meerapfel
Foto mit freundlicher Genehmigung

Abgerundet wurde das Programm mit einer Retrospektive mit Filmen der deutsch- argentinischen Regisseurin und Präsidentin der Akademie der Künste Berlin, Jeanine Meerapfel. Ihr neuer Film über ihre Mutter (Eine Frau) eröffnete das Festival. Eine Frau, die ihr ganzes Leben unter Heimatlosigkeit litt und zugleich das Porträt über Exilerfahrungen im 20. Jahrhundert.

Das nächste JFBB-Festival findet vom 13.-18.6.2023 statt.

Harald Ringel

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