Locarno 2026 – Concorso : Ann Orens Film Objet a kondensiert die schmerzhaftesten Momente unseres unfassbaren Alltages
Es gibt Filme mit so vielen internen Schlaufen und Wendungen in jeder Szene überraschen und verblüffen, oder auch schockieren, so dass sich die Suche nach einem Verständnisschlüssel zu einer labyrinthischen Suche entfaltet. Fremdartig wäre eine untertreibende Beschreibung für das Szenario, das Ann Oren in ihrem im internationalen Wettbewerb Locarnos aufgeführten Werk Objet a anbietet.

© Juan Sarmiento G. – Schuldenberg Films
Auf den ersten Blick nehmen wir Teil am Alltag eines höchst spezifischen Paares, beide Chirurgen, die in einem hyperhygienischen, sterilen, luxuriösen Appartement leben. Jede ihrer Bewegungen scheint ritualisiert, bis hin zum Eieraufschneiden am Frühstückstisch. An ihrem Arbeitsplatz erwarten sie die gleichen ritualisierten, präzisen Bewegungsabläufe. Ein Zeitungsartikel feiert das erfolgreiche Paar. Die Chirurgin Dr. Ingeborg Strandberg (Aenne Schwarz) eine überaus unterkühlte Frau, es sei denn, ihr Blick wird starr, wenn er auf ein Objekt ihrer Begierde trifft, lebt zusammen mit ihrem Gefährten und Kollegen Dr. Adam Schönbaum (Louis Hofmann), der den „Charme“ des Commanders Spock aus Raumschiff Enterprise ausstrahlt, allerdings untermischt mit einer kleinkindlichen anhänglichen Seele, die nach Aufmerksamkeit heischt. Ihre sexuellen Spiele sind gleichfalls spezifisch erwähnenswert. Sie findet zu ihrem Orgasmus, indem sie seinen Kopf einwickelt und seine Knochen in Halshöhe massiert, er seinerseits durch eine lange Aufzählung von tödlichen Krankheiten während des sexuellen Aktes.
Tödliches erklingt in ihren abgeschirmten Räumen allerdings oftmals, per Radio. Dort laufen Nachrichten des fortschreitenden planetaren Untergangs: Überbevölkerung, Waldbrände, Erdbeben, Flutwellen, Umweltverschmutzung und deren Konsequenzen: Krebs-, Atemwegs-, Herz- und Kreislauf- wie auch zunehmende Alzheimer- und Demenzerkrankungen, neben weiteren Entzündungsformen. Im Radio fällt auch der Begriff des „apokalyptischer Fetischismus“, der eine spezifische Verhaltensweise umfasst, die des allgemeinen Wissens um die laufende Naturkatastrophe, ohne jedoch sich die Frage zu stellen, was getan werden könnte, und welche Eigeninitiativen möglich wären.
Das Paar scheint die Katastrophennachrichten als Stimulation seines abgeschirmten und scheinbar abgesicherten Lebensstils zu zelebrieren. Kristallin kondensiert Ann Oren hier das Bild unserer untergehenden Zivilisation, die nicht mehr handelt, sondern sich in scheinbare Schutzzonen flüchtet, als passive und nach wie vor geniessende Zuschauer der Apokalypse, wohlhabende Touristen auf Planet Erde.
Warum stiehlt das in Luxusbesitz in Satinbettwäsche getauchte Chirurgenpaar kleine Objekte bei unterschiedlichen Gelegenheiten? Der Akt des Diebstahl – liesse sich vermuten – überspringt den Transfer in eine materielle, objektivierte Wertkategorie. Nur das reine Objekt und das an es geknüpfte Begehren, vor allem das Begehren der Anderen, zählt und wird begehrt. Objet a, wie der Filmtitel lautet, ist auch der Name eines mit hochwertigsten Materialien arbeitenden Ateliers zur Erstellung kostspieliger Prothesen. In der Tat wird ihre nach ihrem Bruch notwendige Beinprothese für die Chirurgin das präferierte Objekt ihres Begehrens, mit dem sie sich allein durch Berührung zu Orgasmen katapultiert.
Der junge Chirurg kämpft daraufhin um das Begehren seiner Partnerin, indem er sich selbst zum Fetischobjekt transformiert. Er verletzt sich willentlich mit chirurgischen Instrumenten, um einen Stützgürtel mit ebenso ausgewähltem Material anlegen zu können, dessen Qualität, wie er hofft, ihre fetischistischen Gelüste auf sich lenken kann: „Spiel mit mir wie mit einer Puppe“, haucht er ihr zu.
Einen entscheidenden Hinweis einer möglichen Durchquerung des vielschichtigen Filmes Ann Orens gibt der Titel selbst, der als Atelier-Name wiederkehrt. Jacques Lacans Term „Objet a“ bezeichnet ein offen flottierendes Begehren, ein Begehren des Unbestimmbaren. Der Term signalisiert den unfassbaren Grund des Begehrens, der selbst nicht bestimmt, benannt oder symbolisiert werden kann.
Dieses unfassbare, grundlose Begehren katapultiert Ann Oren in Form dieses merkwürdig fixierten und fast leblosen Paares, dessen Fokus sich immer wieder auf genau bestimmte Objekte oder Vorgänge richtet, ohne eine wirkliche Befriedigung erfahren zu können. In eine unübliche, erstaunliche Transparenz katapultiert Oren die Bewegung des letztlich sinnlosen und unerfüllbaren Begehrens, initiiert durch einen untilgbaren, alle Motivation vorantreibenden Mangel, der nach Lacan die Grundbewegung der menschlichen Zivilisation wie der individuellen Existenz ist. Jedoch tritt sie kaum je deutlich in Erscheinung, weil sie sich einbettet und kaschiert in standardisierte symbolische Ordnungen oder materielle Objekte, wie Macht, Einfluss, Dominanz in der symbolischen Ordnung sowie Geld, Güter, Konsumakkumulation und fetische Objektbesetzungen in der materiellen Welt. Objet a dechiffriert all diese Formen als letztlich unerfüllte, vergebliche Formen eines unstillbares, nicht definier- oder kontrollierbaren Begehrens, sowie seiner fatalen Konsequenzen. Die Filmemacherin schafft hier folglich ein Realität transzendierendes und dechiffrierendes Werk, in dem der laufende Irrsinn erfahrbar wird.
En passant lässt Oren neben der Titelwahl weitere aufschlussreiche Konzepte und Stichworte in ihr Werk einfliessen. Der nicht minder egozentrische Chefarzt etwa erwähnt seine beim Fliegen erlebten Vipassana-Meditationen. Diese zu den ältesten buddhistischen Meditationsformen zählende Praxis führt zur Einsicht in die drei fundamentalen Daseinsmerkmale: Unbeständigkeit, Leidhaftigkeit bzw. Nichtgenügen und Nicht-Selbst. Auch so könnte der Abgrund definiert werden, auf dem das Paar seine existenziellen Tänze vollzieht.
Doch Oren schafft in ihrem Werk auch einen Kontrapunkt. Die rätselhafte Figur der jungen Frau Gaia (Simone Bucio), – wir erinnern uns: die Urgöttin, die direkt aus dem Chaos entstand – tritt in das hygienisch separierte und separierende Leben des Paares. Sie ist ein Wesen, das aus sich selbst spriesst. In ihrem Körper, vor allem in ihren Achselhöhlen, wachsen andere, organische Strukturen, Wurzeln und Pilze. Sie verfügt zunächst auch über einen 6 Finger, den das chirurgische Paar zu Beginn des Filmes säuberlich entfernt. Doch hier kommt es zur ersten Begegnung. Diese Naturgestalt Gaia erfühlt körperliches wie seelisches Leid und versucht, Linderung und Schlichtung zu schaffen, wo immer möglich, meist allein durch das Auflegen ihrer Hände. Die Chirurgin beobachtet diese Hand Gaias und transformiert metonymisch sofort diese Kraft in ihren Orgasmus durch die Einführung der Hand ihres Kollegen in ihren Mund.
Diese Fruchtbarkeit- und Naturkräfte evozierende Gaia nimmt immer mehr Raum ein in der Beziehung des Paares, bis zu dem Grade, dass selbst in deren sterilen Räumen die von Gaia ausgehenden organischen Gewebe um sich greifen und sich vermehren. Zum Ende des Filmes schnieft sie eine Substanz, die das gesamte Szenario noch einmal extrem transformiert. Nun hat sich der gesamte Boden des Apartments in einen wuchernden pflanzlichen Teppich transformiert. Das herbei kriechende Paar leckt an Gaias fruchtbaren Achselhöhlen und tritt ein in einen wie durch LSD oder Peyote stimulierten Rausch. Starke Farbverzerrungen und Raumkrümmungen treten ein. Orientierungslosigkeit bis zum Selbstverlust greifen um sich. In eine Waldlandschaft herauskatapultiert, kann das egozentrische, bisher auf Macht- und Lustspiele beschränkte Paar eintauchen in eine alles umfassende Aussenwelt. Grenzen und Barrieren sind überwunden, Körper, Selbst und Natur vereint.
Hier findet Orens eigener Kommentar Resonanz:
I’m interested in human desire and how it connects us to other species. The human body is the starting point for my cinematic language: the more control we have over it, the more we separate ourselves from the natural world.
Zurück auf dem immer noch kalten Boden der Realität findet das Paar doch zu einer neuen Beziehung zusammen. Oren beendet ihren Film in der vielleicht längsten Kussszene der Filmgeschichte, ein jedoch immer noch merkwürdiger, reptilartiger Kuss. Nur die herausgestreckten Zungen ertasten, erkunden, umspielen und berühren sich in sehr langer Nahaufnahme.
Von Ann Oren; Deutschland, Luxemburg, Griechenland; 2026; 95 Minuten.
Dieter Wieczorek, Locarno
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