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VdR 2026 – Nahe des Herztodes: Heat von Jacqueline Zünd

Ein schriller, verzerrter Sound eröffnet Heat, Titel des Dokumentarfilmes der Schweizer Regisseurin Jacqueline Zünd. Im extremen Zoom sieht man die unscharfen Silhouetten zweier menschlicher Körper in einem verschleierten, möglicherweise von einem Sandsturm heimgesuchten Szenarium. Wir treten mit sinnlichem Nachdruck in einen von Hitzewellen überfluteten Lebensraum ein, der den Atem raubt.

Heat de Jacqueline Zünd
Bild mit freundlicher Genehmigung Taskovski Films

Gedreht in Dubai gibt uns Heat einen nachhaltigen Eindruck davon, wie wir uns weite Teile unseres Planeten in absehbarer Zeit vorzustellen haben. Mit Temperaturen über 50 Grad halten sich die offensichtlich wohlhabenden Einwohner in grossflächigen Wohn- und Bürokomplexen auf, während importierte Arbeitskräfte die Arbeiten im Aussenbereich zu verrichten haben. Einige von ihnen erzählen ihre Geschichte.

Unter ihnen ein Lieferant, der in Schutzkleidung und mit Sturzhelm sein Tagewerk verrichtet. Er kam, um die Operation seines Grossvaters zu finanzieren, und erhielt kurz nach seinem Eintreffen am Ort die Nachricht über dessen Tod. Eine andere Arbeiterin bringt in ihrer freien Zeit Eisblöcke zu einer abgelegenen Halde, um den herum streunenden Katzen ein wenig Erleichterung zu verschaffen, besonders natürlich Wasser. In ihrer eigenen Wohnung beherbergt sie bereits einige von ihnen.

In diesen von rotgelben Farbtönen gezeichneten Szenarien, die permanent von Sandprisen überflutet werden und in denen ein wolkenloser Himmel die Sonneneinstrahlung ungemindert eindringen lässt, prägt sich schnell der Eindruck eines isolierten und vereinsamten Daseins. Wir beobachten ein Leben in Überlebenszellen, in scharfem Kontrast zu all denen, die der extremen Hitze ausgesetzt sind.

Kristallklar werden die Bilder in einer tiefgefrorenen öffentlichen Bar. Eisblöcke bilden hier das Mobiliar. Gäste konsumieren in Winterkleidung ihre Getränke. Auch hier verrichtet eine immigrierte, farbige Aushilfskraft ihren stundenlangen Dienst. In den Vereinigten Emiraten, bis vor kurzem noch Fluchtort der Geldreserven und Sicherheits-Schutzraum der Überreichen, kann man sich solche Extravaganzen leisten. Ihre weiteren Lebensräume sind mit Klimaanlagen und Feuchtigkeitsstäubern übersät.

Einer der zentralen Protagonisten ist ein Meteorologe, dessen Warnungen seit Jahrzehnten missachtet wurden. Er hat keinen Zweifel, dass die meisten dieser hier gezeigten Lebensräume in absehbarer Zeit nicht mehr bewohnbar sein werden. Schon jetzt erinnern die öden Wohnblöcke eher an ausgestorbene Stätten, die nur von Zombies durchquert werden. Doch schon jetzt stellt sich die Frage, welchen mentalen Konsequenzen ein Leben ohne weite Landschaften und ohne den Blick auf einen freien Himmel haben kann.

In diesem Ambiente des Überreichtums wirft Jacqueline Zünd auch den Blick auf massive soziale Ungerechtigkeit. Als einem Arbeiter die Auszahlung seines Gehaltes verweigert wird und er als einziger Widerstand Leistender selbst angeklagt und deportiert.

Die einfache Struktur und die Beschränkung auf nur wenige Protagonisten lassen der audiovisuellen Dimension eine grössere Entfaltung zukommen. Heat stellt die Frage, was sind die Grenzen eines lebenswerten Lebens? Gewiss vermag moderne Technologie immer noch, geschützte Komforträume zu offerieren. Die notwendigen Tätigkeiten verrichtenden Arbeitskräfte werden bald durch Roboter ersetzt werden können.  Aber ist ein Leben unter der Schutzhaube die letzte Geste, die wir an unseren Planeten senden werden? Diese erneute Kampfansage menschlicher Existenz gegen die Natur, ein Leben im Widerstand gegen die Natur, erscheint für einige als Möglichkeit, Ängste zu beschwichtigen. In Wirklichkeit sollten sie sie verstärken. Der soziale Abgrund zwischen den materiell Überlebensberechtigten und den weltweit anderen Ausgesetzten lässt eher apokalyptische Konsequenzen erwarten.

Von Jacqueline Zünd; Schweiz; 2026; 86 Minuten.

Interview mit Jacqueline Zünd (Französisch) von Malik Berkati

Dieter Wieczorek, Nyon

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Dieter Wieczorek

Journaliste/Journalist (basé/based Paris-Berlin)

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