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ZFF 2026 – Die Welt im Bild, das Zuhause ausserhalb des Bildes

Das 22. Zurich Film Festival fand vom 24. September bis zum 4. Oktober 2026 statt. Mit 133 Filmen, 46 Welt- und Europapremieren, 21 Schweizer Filmen und rund 500 Filmschaffenden und Branchenleuten ist das Festival weiter gewachsen. Zürich ist damit kein Festival im Niedergang, sondern eines im Wachstum. Es will zugleich Entdeckungsort für neue Filmschaffende, Treffpunkt für etablierte Namen, Branchenereignis und Publikumsfestival sein.

This image shows a man dressed in a black tuxedo with a black bow tie, sitting on a stool in front of a grand piano. The piano is a Steinway & Sons model, as indicated by the logo on the piano. The man appears to be performing or preparing to perform, as he is positioned near a microphone on a stand. Behind him, there is a large circular logo with…
— Andy García bei der Preisverleihung des 22. Zurich Film Festival im Opernhaus
Photo by Andreas Rentz/Getty Images for ZFF

Die entscheidende Frage ist deshalb nicht allein die Qualität der Auswahl. Es geht um die Stellung des Festivals im Lebenszyklus eines Films und um sein Verhältnis zum eigenen Publikum und zur eigenen Gesellschaft. Wenn ein Film bereits in Cannes, Venedig oder Toronto zu sehen war und danach nach Zürich kommt: Was fügt Zürich ihm hinzu? Und ein Festival, das jedes Jahr Krisen und das Leid der Welt in seine Kinosäle bringt – wie bereit ist es, die Kamera auch auf jene Gesellschaft zu richten, in der es selbst stattfindet?

Zürichs Wettbewerbe sind weiterhin klar auf die Entdeckung neuer Filmschaffender ausgerichtet. Sowohl der Spielfilm- als auch der Dokumentarfilmwettbewerb zeigen 14 erste, zweite oder dritte Regiearbeiten; Voraussetzung ist eine Welt-, Europa- oder Schweizer Premiere. Zürich kann deshalb nicht einfach als Festival der grossen Namen bezeichnet werden. Vielmehr versucht es, zwei unterschiedliche Logiken miteinander zu verbinden: Entdeckung und Aufmerksamkeit.

Im Spielfilmwettbewerb gewann Flesh And Fuel von Pierre le Gall das Golden Eye. Der Film erzählt von den Lastwagenfahrern Étienne und Bartosz, deren Begegnung auf den europäischen Strassen zu einer Liebesgeschichte wird. Die Strasse wird dabei zum Raum für Einsamkeit, Arbeit und die Schwierigkeit, Nähe herzustellen.

Im Dokumentarfilmwettbewerb ging der Hauptpreis an Bucks Harbor von Pete Muller. Der Film porträtiert eine Fischergemeinde in Maine und verbindet die Lebenswelt seiner Protagonisten mit Fragen von Männlichkeit, gesellschaftlicher Isolation und dem Verlust von Lebensgrundlagen. Der Publikumspreis ging an Mila/Marija von Andrina Mračnikar, das sich mit Erinnerung, Krieg und der slowenischsprachigen Minderheit in Kärnten beschäftigt.

Diese Auswahl zeigt die Stärke Zürichs: Neue Stimmen können neben etablierten Namen sichtbar werden. Gleichzeitig liegt hier auch ein Widerspruch. Die Entdeckung eines Films und seine Vermarktung als grosses Festivalereignis folgen nicht immer derselben Logik.

Viele Filme des diesjährigen Programms beschäftigten sich mit Krieg, Migration, Unterdrückung, Armut und politischen Konflikten. Besonders NAZA von Yuval Abraham und Rachel Szor richtet den Blick auf die Systeme hinter Israels Bombardierung des Gazastreifens und die Tötung palästinensischer Zivilisten. Der Film untersucht diese Mechanismen und baut dabei unter anderem auf Veröffentlichungen von +972 Magazine, Local Call und The Guardian auf.

Doch genau hier entsteht eine grundsätzliche Frage: Was geschieht mit dem Leid, wenn es zum kulturellen Erlebnis wird? Das Publikum sieht, ist betroffen und geht danach zum nächsten Film. Das bedeutet nicht, dass Zuschauerinnen und Zuschauer gleichgültig wären. Aber selbst extremes Leid kann innerhalb eines Festivals Teil eines kulturellen Konsumkreislaufs werden. Das Kino muss keine politischen Lösungen liefern. Es kann jedoch einen Moment des Innehaltens, des Dialogs und eines verantwortungsvolleren Sehens schaffen.

Diese Verantwortung betrifft auch die Kultur des Zuschauens. Das Rascheln von Verpackungen, das Öffnen von Plastik oder Gespräche im Saal gehören inzwischen zum Festivalalltag. Popcorn im Kino ist an sich kein Problem. Bei einem Film wie NAZA können solche Geräusche jedoch den unausgesprochenen Vertrag zwischen Film und Publikum stören. Ein Kinosaal ist ein gemeinsamer Raum – und bei bestimmten Filmen ist die Stille Teil des Respekts vor der gemeinsamen Erfahrung des Sehens.

Das Leid der anderen spiegelt sich im Festival: Das Publikum sitzt im bequemen Sessel, ist für einen Moment mit einer anderen Realität konfrontiert und kehrt danach in den eigenen Alltag zurück. Doch richtet sich der Blick des Festivals auch auf Zürich selbst?

Das Festival zeigte in diesem Jahr 21 Schweizer Filme, so viele wie noch nie. Darunter war Ebjä! Adolf Wölfli von Heinz Bütler, der den Critics Jury Award als bester Schweizer Film im Programm ausserhalb der Gala-Premieren erhielt. Der Film löst sich von der traditionellen Form des Künstlerporträts und beschäftigt sich mit dem komplexen Erbe des Schweizer Künstlers Adolf Wölfli.

— Ebjä! Adolf Wölfli von Heinz Bütler
© HOOK Film

Auch Enjoy Your Stay von Dominik Locher richtet den Blick auf gesellschaftliche Widersprüche innerhalb der Schweiz. Eine philippinische Frau ohne Aufenthaltsbewilligung gerät in die Welt eines luxuriösen Skigebiets in Verbier. Nach der Vorführung veranstaltete das ZFF gemeinsam mit Sans-Papiers Zürich ein Gespräch über die Lebensrealität undokumentierter Migrantinnen und Migranten, über Ausbeutung, Unsichtbarkeit und Widerstand. Hier wurde ein Film nicht nur gezeigt, sondern mit einer konkreten gesellschaftlichen Realität verbunden.

Man kann deshalb nicht sagen, Zürich sehe sich selbst nicht. Die präzisere Frage lautet: Ist dieser Blick auf die eigene Gesellschaft ebenso kontinuierlich wie der Blick auf die Krisen der Welt?

Diese Frage gewinnt an Gewicht, wenn man auf die Wohnsituation blickt. In der Bevölkerungsbefragung 2025 bezeichneten 56 Prozent der Zürcher Bevölkerung den Wohnraum erstmals als grösstes Problem der Stadt. Auch die Lebenshaltungskosten gehören zu den wichtigsten Sorgen. Am 1. Juni 2026 standen lediglich 252 Wohnungen leer – 0,11 Prozent des gesamten Wohnungsbestands.

Blickt auch das Kino auf dieses Zürich? Migration und soziale Ungleichheit werden durchaus thematisiert. Wohnraum und Lebenshaltungskosten spielen in den hier betrachteten Schweizer Filmen jedoch keine zentrale Rolle. Und ein Blick auf Schweizer Geschichte, Kunst oder Kultur ist nicht automatisch dasselbe wie eine kritische Auseinandersetzung mit der heutigen Schweizer Gesellschaft. Mehr Schweizer Filme sind deshalb eine wichtige Entwicklung – aber nicht automatisch ein Zeichen für mehr gesellschaftliche Selbstkritik.

Auch das iranische Kino ist ein Prüfstein für diese Frage. A Bit of Light von Ali Asgari ist ein unprätentiöser Film, der nicht frei von formalen Schwächen ist. Im Zentrum steht ein iranischer Arzt, dessen Praxis geschlossen wird und der daraufhin den Glauben an seine Zukunft verliert. In einer Szene wie der Schliessung der Praxis wird gesellschaftlicher Druck konkret und unmittelbar sichtbar.

Head to Head von Ghasideh Golmakani erreicht in Schauspiel und Regie noch nicht durchgehend eine vollständige Geschlossenheit. Seine zentrale Idee ist jedoch prägnant: Eine Regisseurin verlangt von ihren männlichen Schauspielern, Frauenkleider und Kopftücher zu tragen. Die Umkehrung der Machtpositionen wird zur komischen und grotesken Auseinandersetzung mit Geschlechterrollen, Einschränkung und Widerstand.

Auch die Zirkulation der Filme zwischen Festivals stellt die Frage nach Zürichs eigener Funktion. Flesh And Fuel war bereits in Cannes zu sehen, A Bit of Light und Possible Love von Lee Chang-dong in Venedig, Head to Head in Toronto. Diese Zirkulation ist normal und kein Schwachpunkt. Entscheidend ist vielmehr: Was fügt Zürich einem Film hinzu – ein neues Publikum, einen neuen Dialog, zusätzliche Aufmerksamkeit oder ein zweites Leben?

Auch die Stars führen zu dieser Frage. Die Anwesenheit von Julianne Moore, Naomi Watts, Tom Hiddleston, Willem Dafoe, Jesse Eisenberg, John Turturro, Casey Affleck, Andy García, Richard Linklater, Martin McDonagh und Danny Boyle ist ein kulturelles und mediales Kapital für das Festival. Sie können Menschen ins Kino bringen, die sonst vielleicht nicht gekommen wären. Gleichzeitig bleibt die Frage: Sind die Stars ein Tor zum Kino – oder wird das Kino selbst an den Rand dieses Tores gedrängt?

Am Ende ist die Frage an Zürich nicht die Frage nach einem gescheiterten Festival. Im Gegenteil: Sie richtet sich an ein Festival, das so gross geworden ist, dass es sein Verhältnis zu Medien, Industrie, Publikum und Gesellschaft genauer definieren muss.

Zürich ist heute nicht mehr nur ein Festival zur Präsentation neuer Filme. Es ist ein internationales, mediales, industrielles und kulturelles Ereignis. Seine Zukunftsfrage lautet vielleicht nicht, wie es noch grösser werden kann, sondern wie präziser sein Blick werden kann: die Welt sehen, die es in seine Kinosäle bringt, und dabei das Zuhause nicht vergessen, in dem es selbst steht.

Vielleicht werden dann die Welt im Bild und das Zuhause ausserhalb des Bildes zu zwei Seiten derselben Beziehung: ein Spiegel, der das Leid der anderen zeigt, aber manchmal auch die Kamera umdreht – und sich selbst betrachtet.

Majid Movasseghi

NAZA Kritik auf Deutsch von Dieter Wieczorek
NAZA Kritik auf Französisch von Malik Berkati

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Majid Movasseghi

Critique de cinéma et réalisateur/Film Critic & Filmmaker (basé/based Zurich)

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