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Naza: Töten als Videospiel – Die Auslöschung Gazas und weiterer Zonen

Internationale Kreise wussten von der Lüge seit Jahrzehnten. Aber in der öffentlichen politischen Debatte ist es bis heute noch möglich, zu behaupten, dass es sich bei allen Zivilisten, Kinder und Frauen, die bei den Militäranschlägen der israelischen Luftwaffenangriffe und Bodenoffensiven getötet wurden, um bedauerliche kollaterale Opfer handelt. Faktisch werden Kinderstätten, Krankenhäuser, Flüchtlingscamps systematisch weggebombt. Wenn zuweilen Mordakte derart evident wurden, als dass sie verleugnet werden können, wird eine “interne Untersuchung” von israelischer Seite angekündigt, über deren Ausgang die Öffentlichkeit nie etwas erfahren wird. Um so peinlicher die kürzliche hypokrite Aufregung um die Aussagen des israelischen Ministers, der das erwünschte Töten von Zivilisten explizit machte.

— Naza von Yuval Abraham und Rachel Szor
Bild mit freundlicher Genehmigung Mostra von Venedig

Dem aufmerksamen Zeitgenossen wird jedoch kaum entgangen sein, dass sofort nach den Attacken der Hamas fordernde  Stimmen laut wurden, Gaza und andere Zonen zur Tabula zu machen: Genozid mit Ansage. Das In-Erinnerung-Rufen dieser Aussagen wurde wie üblich als antisemitisch diffamiert. Gleichzeitig organisierten sich in Israel Gruppen, um in aller Öffentlichkeit gerade diese Vernichtung immer wieder zu fordern und zu organisieren.

Der israelische Journalist Yuval Abraham und die Filmemacherin Rachel Szor erinnern daran, dass es ihren Film nicht bedürfe, hätte man den Zeugenaussagen der Bewohner Gazas und den Statements israelischer Führer Gehör geschenkt.

Und doch umso wichtiger ist nun das in Venedig für Furore gesorgt habende Werk Naza. Dem Werk gelingt es, aus der Innensicht der militärischen Truppen sowie anderer Sonder- und Sicherheitseinheiten, schlicht aus den gesamten militärischen Intelligenz-Netzwerken, die faktischen israelischen Intentionen und Akte auf den denkbar klarsten Punkt zu bringen. Zeugen aus erster Hand in Schlüsselpositionen berichten, teils nahezu unbewegt, teils zweifelnd, über ihr Agieren

24 Insider werden auf einem Hausdach in Tel Aviv befragt. Gewiss sind ihre Namen vertauscht, ihre Stimmen verzerrt. Nur ihre nächtlichen Silhouetten erscheinen und selbst an diesem mag man zweifeln, denn nicht nur der Job, sondern auch das Leben all dieser Aussagenden sind nun potenziell ebenfalls tödlichen Anschlägen ausgesetzt.

“Naza“ ist das Codewort für die Erwartungen ziviler Opfer aller Art bei einem Angriffsakt. Wenn die Ziffer bei 20 bleibt, erscheint dies noch nicht einmal als erwähnenswertes Detail. Zuweilen jedoch waren es an die 500. Insgesamt ird die Zahl der Opfer, meist zivile, seit der Hamas-Attacken, auf bereits 73000 geschätzt.

Die Auffindung und Verfolgung der aktiven Widerstandskämpfe werden meist über Telefonanalysen bewerkstelligt. Die Fehlerquote hier ist jedoch hoch. Algorithmen kreieren über Wahrscheinlichkeiten Relationen mit Hamas-Mitgliedern, die oftmals in falsche Richtungen führen. Wohnungen und Wohnhäuser, in denen sich keine Waffen befanden, wurden komplett zerstört. Es wird deutlich, dass die bewusst geduldete Fehlerquote eine weitere hypokrite Legitimierung der Zivilistenmorde ist.

Offizielle Strategie ist, nicht die Hamas-Meeting präzise anzugreifen, sondern deren Privaträume. Das produziert bereits automatisch zivile Opfer, meist ganze Familien. Oftmals sind die eigentlichen Hamasmitglieder während dieser Angriffe gar nicht anwesend.

In einem signifikanten Rückblick erinnern Yuval Abraham und Rachel Szor mittels Archivbildern daran, dass bereits die Konstruktion der Stadt Tel Aviv nur durch die systematische Zerstörung palästinensischer Siedlungen möglich wurde.

Nun wird nach einem Evakuierungsaufruf die totale Zerstörung  ganzer Wohnblöcke vollzogen, selbst wenn bekannt ist, dass 25 % der Bewohner sich immer noch dort aufhalten. Menschen auf dem Weg zu Nahrungsausgaben werden systematisch angegriffen und dezimiert. Militärische Zonen werden bestimmt, doch nicht effizient kommuniziert. Bei unwissentlichen Übertritten werden Bewohner getötet, da nun eine heuchlerische Legitimation vorliegt: Jeder, der die imaginäre Grenze überschreitet, ist automatisch ein “Terrorist.”

Da die Körper nicht geborgen werden können, werden sie von Hunden verzerrt.
Einige der Befragten geben zu, Tausende getötet zu haben. Sie setzen ihren mentalen Zustand während des Tötens aus Entfernung mit Gewinnen bei Videospielen gleich, die sie mit ihren Kollegen enthusiastisch feiern. Nicht einer unter ihnen, wird nun gestanden, stellte sich auch nur eine Frage.

Um eine moralische Krise zu vermeiden, wird geraten, an das “System” zu glauben, das heisst, an eine Art Meta-Sinn all dieser Abschlachtungen auf lange Sicht. Palästina soll zerstört werden, und dies so schnell wie möglich, bevor der internationale Druck steigt, ist die explizite Devise. Und selbst – liesse sich hinzufügen – wenn eine internationale Gemeinschaft reagierte, wer in der israelischen Führung würde sich durch bloss rhetorische Akte beeindrucken lassen ? Yuval Abraham und Rachel Szor zitieren Netanyahus TV-Auftritte und konfrontieren sie mit Dokumentarbildern.

Auf dem Hausdach ist alles friedlich. Die übliche Schizophrenie der unmittelbaren Wahrnehmung. Nächtlicher Strassenverkehr und Hochhaussilhouetten mit ihren Bewohnern in beleuchteten Appartements signalisieren ein fatale Normalität. Die barbarischen Akte, nur wenige Kilometer entfernt, werden von den Filmemachern mit Bedacht nur reduziert eingeblendet. Der Horror spiegelt sich im Schweigen, in der Stille einer Spielwelt. Jede moralische Empfindung oder Reflexion konnte getilgt werden.

Yuval Abraham und Rachel Szor partizipierten bereits an der Regie von No Other Land (2024), der die Gewaltaktionen israelischer Siedler gegen palästinensische Siedlungen dokumentierte. Der Film gewann 2025 den Academy Award für den besten Dokumentarfilm .

Israelische Minister wollen Yuval Abraham und Rachel Szor nach der Veröffentlichung von Naza ausbürgern. Die Ausbürgerungsstrategie hatte mit Habeck und Scholz in Deutschland begonnen. Auch soll eine globale Medienkampagne gegen den Film gestartet werden. Immerhin dringt der Film nun auch in die innere Diskussion  Israels ein.

Die Biennale Venedig 2026 vergab ihren Jury-Preis an dieses Schlüsselwerk.

Von Yuval Abraham und Rachel Szor; Grossbritannien; 2026; 80 Minuten.

Dieter Wieczorek

[Edit 30.09.2026: La critique en français de Malik Berkati à l’occasion de la sortie en Suisse romande du film]

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Dieter Wieczorek

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