Berlinale 2018 – Panorama: Idris Elba gibt sein Regie Debüt mit Yardie

Das 1992 veröffentlichte Buch von Victor Headley über Jamaikaner im London der 80er hatte es Multitalent und Filmstar Idris Elba gleich angetan: dieser Stoff sollte seine erste große Regie Arbeit werden. Das ist nicht eben schwer zu verstehen: ein Gangsta Sujet mit reichlich Pop Kultur, viel Gewalt, pittoresken Schauplätzen und einem Helden im Dauerkonflikt zwischen Gut und Böse.

Jamaica, London, und ein Hauch von Shakespeare

Von der Geschichte muss nicht viel verraten werden. Der junge Jamaikaner, den alle nur « D » nennen, wächst zwischen rivalisierenden Banden in den 1970ern auf und wird durch den Mord an seinem geliebten älteren Bruder Jerry Dread traumatisiert. Zehn Jahre später wird er als Drogenkurier nach London geschickt, beschwört sofort Unheil herauf, indem er mit der heißen Ware lieber andere als die geplanten Geschäfte macht, und trifft in der Weltstadt nicht nur auf seine entschwundene grosse Liebe – das gemeinsame Kind hat er seit deren Flucht von der Reggae Insel etliche Jahre zuvor nie wieder gesehen-, sondern auch auf den Mörder seines Bruders, der zur Tatzeit selbst noch ein Kind war.

— Aml Ameen – Yardie
© STUDIOCANAL / Alex Bailey

D ist und bleibt hin- und hergerissen zwischen dem richtigen und dem falschen Weg, zwischen schnelles Geld machen und ein ehrlicher Mensch werden, Spaß haben und sich Pflichten stellen, Probleme durch Gewalt oder Argumente zu lösen, und vor allem durch die ihn nie los lassende Rachelust ob des Tods seines Bruders.

Aml Ameen spielt den erwachsenen D, und verleiht ihm ein Maximum sehr überzeugender jamaikanischer Coolness. Anders als im Film hätte diesen Typen kein Zollbeamter, der seine Uniform wert ist, ungefilzt ins Land gelassen. Ihm zuzusehen macht Freude, dazu kommt eine treffsichere Ausstattung, die den Zeitgeist des London der 80er aufleben lässt, Räume und Kostüm sind mehr als stimmig, und selbstverständlich spielt die Musik eine prägende Rolle, die weit über den Soundtrack hinaus geht.

Das weitere Personal ist ebenfalls durchweg gut besetzt, herausgegeriffen aus der langen Liste seien Everaldo Creary als Jerry Dread, der seinem lebenden Bruder als Geist erscheint, Shantol Jackson als seine Frau, eine zierliche Person, die sich mit einem einzigen Blick Respekt zu verschaffen versteht, Calvin Demba als Sticks, der naive und nicht ganz so coole Kontakt von D in London, der ihm den Weg in die Soundclash Szene bahnt, und Stephen Graham als herrlich öliger Bösewicht Rico.

— Riaze Foster, Aml Ameen – Yardie
© STUDIOCANAL / Alex Bailey

Idris Elba hat sich viel vorgenommen mit Yardie, der Begriff wurde von Scotland Yard für Jamaikaner in England genutzt und galt schnell als Schimpfwort. Der Film will mehr sein als reines Entertainment, mit genügend vielen Wendungen, der stets lauernden Gewalt und dem großen Moral Thema. Shakespeare erwähnt Elba zwar mit keinem Wort, und doch sind so viele Motive aus den Dramen des grossen Barden präsent: der Kampf zwischen rivalisierenden Gangs statt Königshäusern, mitsamt deren feudalen Anführern, deren Machtstellung den Königen aus Shakespeares Dramen in nichts nachsteht, der Untote, der weder sich selbst noch den Helden zur Ruhe kommen lässt, die vielen Kampfszenen und etlichen Toten, und die zentrale Frage nach dem Gut und Böse.

So ganz will das Einlösen dieses Anspruchs nicht gelingen. Elba ist ja ein Hansdampf in allen Gassen, Schauspielstar in Blockbustern wie Arthaus Filmen und klassischem Theater, Produzent, Sänger und DJ, eine Kleider Linie hatte er auch schon, einen OBE von der Queen ebenso, und nun soll es auch noch Regie sein. Dabei macht er keine Fehler, es ist alles handwerklich gut gemacht, man fühlt sich unterhalten und das offensichtliche Vorhaben, Empathie mit D zu schüren, die der Charakter im Buch wohl eher nicht verdient, geht auch nicht schief.

Allein, man verlässt das Kino und der Film ist doch reichlich schnell wieder vergessen. Vielleicht ist es gerade die Perfektion, die Idris Elba hier im Weg steht. Als das Buch herauskam, wurde es nicht in Buchhandlungen verkauft, sondern in Klamottenläden und vor Nachtclubs, sein Erfolg war der Mund zu Mund Propaganda geschuldet. Ein weniger glatter, etwas schmutzigerer Film, mit weniger Budget vielleicht, mit mehr Ecken und Kanten hätte dem Stoff gut getan. Dann hätte sich womöglich auch eben jener Nachhall eingestellt, der dem Erstling von Elba am Ende versagt bleibt.

Von Idris Elba; mit Aml Ameen, Shantol Jackson, Stephen Graham, Fraser James, Sheldon Shepherd, Everaldo Creary; Grossbritannien; 2018; 101 Minute.

Frank B. Halfar

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