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Berlinale 2023 – Bericht aus der Sektion Encounters

Der Gewinner von Encounters heisst Here und ist vom belgischen Regisseur Bas Devos. Der legt hier, wie immer mit seinen Filmen, einen Film der alltäglichen Beobachtungen vor, der sehr entschleunigt wirkt. Das hat durchaus eine gewisse Faszination, man muss sich allerdings in Ruhe darauf einlassen. Stefan ist aus Rumänien und als Bauarbeiter auf Zeit in Brüssel. In Kürze wird er nach Hause zurückkehren. Für Freunde und Familie kocht er zum Abschied einen grossen Topf Suppe. Dann lernt er eine junge Studentin kennen, die ursprünglich aus China stammt, und die über Moose promoviert. Beim Joggen trifft er im Wald auf sie und macht mit ihr eine mehrstündige Reise in die Welt der Moose. Auch der Zuschauer lernt hier noch einiges dazu.

Here von Bas Devos
© Erik De Cnodder

Der Sektionen übergreifende Preis für den besten Dokumentarfilm ging an El Eco (Das Echo) von Tatiana Huezo. Die Mexikanerin faszinierte bereits mit ihren zwei vorigen Filmen. Der Film zeigt das anstrengende und Karge Leben in dem kleinen Dorf El Eco in Mexiko. Trotz schwerer Arbeit und Entbehrungen hat man immer den Eindruck als ob es ein schönes Leben in Einklang mit der Natur ist. Da pflegen die Kinder die alte Oma bis zu ihrem Tod und die Liebe zu ihr ist stets spürbar. Mensch und Tier sind hier sehr sympathisch porträtiert und es macht Freude dem zuzusehen. Aber auch andere Einstellungen werden nicht ausgespart, wenn eine Tochter sich auf den Weg in ein anderes Leben in der Stadt aufmacht, ohne sich zu verabschieden.

Der Preis für den besten Erstlingsfilm ging an Adentro mío estoy bailando (The Klezmer Project) der argentinischen Regisseure Leandro Koch und Paloma Schachmann. Leandro Koch spielt auch die Hauptrolle, einen jüdischen Filmer von Hochzeitsvideos. Er verliebt sich in eine Klezmer- Klarinettistin und will ihr nachreisen. Dazu gibt er sich sich als Dokumentarfilmer aus, der einen Film über Klezmermusik drehen will. Er findet sogar einen österreichischen Produzenten. Doch die Dreharbeiten laufen nicht wie gewünscht: sie finden in Rumänien, der Slowakei, etc. zwar viel Folkloremusik, aber kein Klezmer. Das filmische Ergebnis ist nun der vorliegende Film.

Der Film The Adults von Dustin Guy Defa strotzt nur so vor Spielfreude. Eric (Michael Cera) kommt für einen Tag in seine alte Heimatstadt. Seine beiden Schwestern (Hannah Gross, Sophia Lillis) haben schon jahrelang nichts von ihm gehört und reagieren komplett konträr auf seinen Besuch. Durch seine Pokersucht verlängert er seinen Aufenthalt mehrfach und die Geschwister und ehemalige Freunde verbringen so doch mehr Zeit miteinander. Da werden auch gerne mal alte Kinderspiele gespielt und auch Kinderreime- und Sprachen aus der Versenkung geholt. Kein Film für jeden Geschmack, aber doch recht nett anzusehen.

In Mon Pire Ennemi macht der Exiliraner Mehran Tamadon ein Experiment. Seit Jahren in Frankreich lebend,  lässt er sich von anderen Exiliranern im Stil von Agenten der islamischen Republik verhören. Nach einigen mageren Versuchen, findet er in Zar Amir Ebrahimi, bekannt aus Holy Spider, eine starke Gegenspielerin, die mit ihren Verhörmethoden nicht zimperlich ist. Sie wurde im Iran selbst zum Opfer solche üblen Verhöre. Das ist interessant anzusehen, aber sie macht ihm auch klar, dass sich im Iran dadurch nichts ändern wird.

Műanyag égbolt (White Plastic Sky) von Tibor Bánóczki und Sarolta Szabó
© Salto Films, Artichoke, Proton Cinema

Die grösste Überraschung war der ungarisch-Slowakische Animationsfilm Műanyag égbolt (White Plastic Sky). In der Zukunft gibt es keine Tiere und Pflanzen mehr, die letzten Menschen leben unter einer Kunststoffkuppel und das Essen ist künstlich. Mit 50 wird man dem Tode zugeführt, indem man als Baumexperiment behandelt wird. Man kann sein Leben aber auch freiwillig früher beenden. Als seine Frau dies tut, folgt ihr ihr Mann ins Forschungszentrum und will sie retten. Und findet schockierendes heraus. Der Film erinnert lange an den Science-Fiction-Klassiker Soylent Green. Er bietet gute Animationen, eine spannende Geschichte und eine starke Botschaft. Eigentlich hätte er in den Hauptwettbewerb gehört, anstelle des eher schwachen chinesischen Animes Art College 1994.

Harald Ringel, Berlin

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Harald Ringel

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