Cannes 2026: Kulturelle Differenzen, dialogferne Institutionen und die Gewalt des Gesetzes
Das mit der Goldenen Palme von Cannes 2026 gekrönte Werk Fjord von Cristian Mungiu fragt nach der Dialogfähigkeit in sich zersplitternden Gesellschaften.

Bild mit freundlicher Genehmigung Festival de Cannes
Wenn in der diesjährigen Cannes-Edition der gleiche Film mit der Goldenen Palme, dem FIPRESCI und dem Preis der Ökumenischen Jury sowie auch mit dem François-Chalais-Preis ausgezeichnet wird, erscheint die Frage unausweichlich, welches Schlüsselproblem unserer heutigen Kultur hier in überzeugender Weise behandelt wird.
Fjord des rumänischen Filmemachers Cristian Mungiu spielt an einem auf den ersten Blick idyllischen norwegischen Küstenort. In der laizistischen, allein an nationalem Recht und Gesetz sich orientierenden Gesellschaft lebt das hinzugezogene, orthodox-christlich geprägte Ehepaar Gheorghiu mit seinen fünf Kindern. Sie werden als Mitbürger geschätzt, sind befreundet mit ihren Nachbarn und konfliktlos integriert in ihre Umgebung. Doch die Erziehungsform des rumänischen Vaters Mihai (Sebastian Stan) wie der norwegischen Mutter Lisbet (Renate Reinsve) ist strikt und autoritär. Streng religiöse Formen bestimmen den Tagesablauf der Familie. Gleichzeitig nehmen die Schulpflichtigen am staatlichen Unterricht teil, wo sie freundschaftliche Beziehungen zu Mitschüler/innen aufbauen.
Der Konflikt bricht aus, als eine Lehrerin blaue Flecken bemerkt und die befragten Gheorghiu-Kinder zugeben, zuweilen geohrfeigt zu werden. Die blauen Flecken liessen sich – wie sich herausstellt – auch durch Ereignisse während des Sportunterrichts erklären. Eine juristische, minutiös nachgestellte Anklage bildet ein Aktionszentrum in Mungius Werk. Bereits zuvor wurden durch polizeiliche Massnahme die Kinder gegen ihren Willen von den Eltern getrennt. Die Mutter riskiert sogar, den Kontakt mit ihrem Baby zu verlieren und kämpft darum, zumindest ihre Muttermilch liefern zu können.
Auf den Punkt gebracht geht es juristisch darum, ob Ohrfeigen als Kindesmisshandlung qualifiziert werden können. Mit sezierender Genauigkeit werden kulturelle Differenzen entfaltet. Zugleich wird der Fall politisiert und ideologisch instrumentalisiert bis hin zu grösseren überregionalen Protestaktionen. Mungiu eruiert subtil die unterschwelligen Abneigungen der staatlichen Erzieher/innen gegenüber einer strikt religiösen Erziehung, sowie auf der Gegenseite die Nutzung der Demokratie-Postulate für eine abweichende, traditionelle Erziehungsform.
Bereits in seinem 2022 in Cannes Wettbewerb gezeigten Werk R.M.N. problematisierte Mungiu Vorurteile gegenüber Andersdenkenden und Fremden bis hin zu rassistischen Extremen und eruierte unterschwellige Ängste und Frustrationen. Einen moralischen Konflikt zwischen Anspruch und Wirklichkeit entfaltete ebenfalls bereits sein Werk Baccalaureat, ebenfalls 2016 in Cannes mit dem Drehbuchpreis geehrt.
Eine Gerichtsverhandlung als zentrales Szenario prägte bereits 2023 das in Cannes mit der Goldenen Palme gekrönte Werk Anatomy of a Fall von Justine Triet. In Mungius Werk erscheint das Gericht als Ort formalisierten Standpunktaustausches als letzte Konsequenz eines zerrissenen Dialoges in Zeiten sich zersplitterter Gesellschaften, markiert durch ideologische Enklaven und Abschottungen.
Angesichts dieser kulturellen Fehlentwicklungen und ihrer gefährlichen Konsequenzen erinnert Mungiu an notwendige Toleranz und die Kapazität zu dialogisieren, an die Fähigkeit, seine eigene „Position“ zu hinterfragen. Mungiu geht es in seinen eigenen Worten darum „unsere Urängste und Instinkte, die viel stärker in unserem Gehirn verwurzelt sind als die jüngste dünne Schicht von Rationalität und Empathie“ zu thematisieren. Seine Filme verdeutlichen immer wieder, wie sich oftmals unterschwellige Unsicherheit, eine eigene Weltsicht zu entwickeln, durch aggressive, intolerante Verhaltensmuster kompensiert.
Fjord ruft erneut zum Dialog als einzige positive Antwort angesichts dieses Kommunikationskonfliktes auf. Auch und besonders, weil hier der Dialog erneut misslingt. Die Familie Gheorghiu flieht – wiederum gegen den Willen der Kinder – nach Rumänien, ohne sich auch nur von ihren Freunden verabschiedet zu haben.
Fjord besticht nicht zuletzt durch seine dramaturgische und schauspielerische Brillanz, die bereits Mungius 2007 in Cannes mit der Goldenen Palme gekröntes Werk Four Months, Three Weeks and Two Days auszeichnete.
Von Cristian Mungiu; Rumänien, Frankreich, Norwegen, Schweden, Dänemark; 2026; 146 min.
Dieter Wieczorek, Cannes
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