Cannes 2026 – Wettbewerb: Andreï Zviaguintsevs Minotaur – Variantenreiche Gewalt in einem totalitären System
Der russische Filmemacher Andreï Zviaguintsev ist seit der Honorierung seines Debütfilmes The Retour mit dem Goldenen Löwen Venedigs 2003 ein nicht seltener Gast und mehrfacher Preisträger in Cannes. Nach langer Covid-Erkrankung, behandelt in Deutschland, kehrte Zviaguintsev nach dem Angriff auf die Ukraine nicht mehr in sein Land zurück und lebt heute in Frankreich. Nach neun Jahren bringt er nun wieder einen Film nach Cannes.

© Anna Matveeva
Im Zentrum seines im Cannes-Wettbewerb präsentierten Film Minotaur steht ein erfolgreicher Mann mittleren Alters, Gleb (Dmitriy Mazurov), der zwei Probleme hat. Seine Frau geht fremd und gleichzeitig steht er als Unternehmenschef unter politischem Druck, der ihn abfordert, einen Teil seiner Belegschaft an die russisch-ukrainische Front abkommandieren zu lassen. Für beides findet er Lösungen, die viel Raum für ein russisches Ambiente lassen.
Seit seiner eigenen Kindheit, mit familiärer Instabilität konfrontiert, zeigt sich Zviaguintsev besonders sensibel dafür, die Differenz zwischen dem schönen Schein der Oberfläche und dem wirklichen Innenleben seiner Protagonisten herauszukristallisieren. In Minotaur zeigt sich diese Spannung besonders bei den häufigen Geschäftsdinners „unter Freunden“, in denen die Frauen als erotische oder bloss gesellige Staffagen figurieren. Seine eigene Frau Galina (Iris Lebedev) langweilt sich zu Tode und hasst die leeren Wiederholungen ihres eingeschränkten Alltags als Hausfrau, Mutter und ausstaffierte Gemahlin.
Gleb zeigt sich nicht unsensible für ihre Klagen, vermag ihr aber nicht, eine wirkliche Alternative anzubieten, denn er selbst steckt im Korsett seiner Machtposition. Als Galina sich schliesslich in die Arme eines sportlichen Geliebten flüchtet und jede unbeobachtete Minute für ihr Zusammensein nutzt, nehmen die unterschwelligen Spannungen des Ehepaares weiter zu.
Der kaum naive Gleb ahnt bald die unangenehme Wahrheit und mit seinen Beziehungen zu den entsprechenden russischen Diensten hält er auch bald den Namen und die Adresse des Geliebten seiner Frau in seinen Händen, dem ab diesem Zeitpunkt nicht mehr viel Auftrittszeit in Zviaguintsevs Film bleibt.
Die korrupten Beziehungsgeflechte innerhalb des russischen Machtapparates sind vielleicht der wichtigere Aspekt in diesem Werk. Sie bilden jedoch nur eine Hintergrundkulisse, die nicht wirklich durchleuchtet wird. Lediglich ihre Wirksamkeit wird schlicht ins Bild gesetzt. Da genügt eine kurze Bemerkung gegenüber dem noch mächtigeren Konzernchef, um ihn aller unangenehmen Fragen seitens der Polizei zu entledigen und selbst angesichts eines profunden Beweises für seinen mörderischen Tatverdacht auf Ansage von oben unbehelligt zu lassen.
Ebenso schnell entledigt er sich der unangenehmen Aufgabe, einen Teil seiner Belegschaft in den Krieg zu schicken, durch eine kurzfristige und nutzlose Scheinbeschäftigung von herbeigerufenen, fingiert engagierten Fahrern, die dann an Stelle der Belegschaft abkommandiert werden, ohne ihren Dienst überhaupt angetreten zu haben. „Everything goes, ab einer bestimmten Etagenhöhe“, ist die banale und nicht ganz überraschende Message in Zviaguintsevs Films.
Gleb muss allerdings selbst Hand anlegen, um den Geliebten seiner Frau zu beseitigen. Dieser seiner Aktion wird im Film viel Raum und Zeit gegeben. Neben einer Anzahl von Unwahrscheinlichkeiten gelingt ihm ein (fast) perfektes Verbrechen.
Lediglich seine Frau wird durch ein sie in erotischer Verzückung zeigendes Foto in der Jackentasche ihres Ehemannes mit der Wahrheit konfrontiert, dass er um ihren Fehltritt weis. Ihr Geliebter war Fotograf, und da er verschwunden ist, kann sie sich den Rest zusammen reimen. Doch nie dringt dieses Wissen an die Oberfläche. Der schöne Schein zwischen dem Ehepaar bleibt gewahrt. Mehr als das: allein gelassene Galina nähert sich nun wieder ihrem Ehemann an, eine Perspektive, die nicht auf das Wohlwollen der an Frauenrechten oder Frauenwürde eintretenden Gruppen hoffen kann. Doch auch hier grüsst Russland.
Minotaur wurde in Cannes der „Grand Prix“ zugesprochen. Ein Teil der Presse lobte die „beachtliche Effizienz“ und die „Singularität“ des Films. Der Film wird jedoch eher der Kategorie „schon öfter mal gesehen“ zugeordnet. Gelobt wurde auch, dass der Krieg selbst nicht explizit im Film gezeigt wird. Aber dies ist der – wirklich anzumerkende – bemerkenswert kritisch beobachtete Aspekt in Zviaguintsevs Werk: Der Krieg findet in den Luxusvillen, exklusiven Restaurants und Chefetagen nicht statt.
Von Andreï Zviaguintsev; mit Dmitri Mazourov, Iris Lebedeva, Boris Koudrine, Yuriy Zavalnyouk, Varvara Chmykova; Frankreich, Litauen, Deutschland; 2026; 140 Minuten
Dieter Wieczorek
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