Christopher Nolans Odyssee: Wenn das Epos den Autor herausfordert
Montags ist das Kino in Zürich günstiger. Ich hatte mit einem befreundeten Filmkritiker verabredet, Christopher Nolans Odyssee zu sehen. Als er hörte, der Film dauere fast drei Stunden, meinte er, unser Programm könnte damit etwas lang werden. Ich sagte: «Nein, es gibt auch eine Vorstellung um fünf, nehmen wir die.»

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Ehrlich gesagt betrat ich den Saal mit einer gewissen Skepsis – nicht von der Art, die einen vom Kinobesuch abhält, sondern von jener, die hofft, diesmal unrecht zu behalten.
Ich mag es nicht, einen Regisseur im Voraus zu verurteilen. Das habe ich von Fatih Akin gelernt. Vor Aus dem Nichts konnte ich mit vielen seiner Filme wenig anfangen, doch genau dieser Film wurde zu einer meiner wichtigsten Kinoerfahrungen. Bei Christopher Nolan hatte ich ein ähnliches Gefühl. Ich war nie ein begeisterter Anhänger seines Kinos, lasse aber jedem Regisseur die Möglichkeit, mich mit dem nächsten Film zu überraschen.
Das Licht ging aus. Hoyte van Hoytema an der Kamera, Jennifer Lame am Schnitt – dasselbe eingespielte Team, das in den letzten Jahren Nolans visuelle Sprache geprägt hat, war wieder mit dabei. Doch schnell dachte ich: Werkzeug, so perfekt es auch sein mag, macht allein noch keinen grossen Film. Werkzeug bekommt erst Bedeutung, wenn es einem eigenen Blick dient.
Der Film begann.
Entgegen der Sorge meines Kollegen war er nicht langweilig. Der Rhythmus hält, die Bilder sind eindrücklich, die schauspielerische Führung kontrolliert, und Odysseus’ Reise nimmt einen mit durch all ihre Prüfungen und Begegnungen. Aber genau in diesem Moment dachte ich: «Nicht langweilig zu sein» ist ein ziemlich niedriger Massstab für einen Film. Viele Filme sind unterhaltsam, ohne dass danach etwas im Kopf oder im Gefühl bleibt.
Zunächst muss man zwischen der Odyssee und den griechischen Tragödien unterscheiden.
Die Odyssee ist, neben der Ilias, eines der beiden grossen Homer zugeschriebenen Epen – Werke, die auf der griechischen Mythenwelt beruhen. Die griechischen Tragödien hingegen, von Aischylos über Sophokles bis Euripides, sind eine andere literarische Gattung, die sich aus demselben mythischen Erbe speist. Ödipus, Medea, Antigone und Agamemnon sind Tragödienhelden; Odysseus ist der Held eines Epos.
Auch Aristoteles unterscheidet in seiner Poetik zwischen beiden: Die Tragödie konzentriert sich auf eine dichte, krisenhafte Handlung, während das Epos einen weiteren Horizont von Reise, Zeit, Schicksal und Geschichte umfasst.
Genau diese Weite macht die Odyssee für eine Verfilmung so verlockend – und ebenso riskant. Die Grösse der Vorlage kann jede Adaption in ihren Schatten stellen.
Die Grösse des Rahmens ist kein guter Grund für die Kleinheit der Aussage. Die Filmgeschichte zeigt: Grosse Literaturverfilmungen sind selten blosse Nacherzählungen.
Kurosawa verlegt in Das Schloss im Spinnwebwald Shakespeares Macbeth ins feudale Japan, spricht dabei aber eigentlich über Macht, Angst und Schicksal. Pasolini holt in König Ödipus und Medea den Mythos aus der Vergangenheit, um die Krise des modernen Menschen zu erzählen.
In beiden Fällen spürt man: Der Regisseur hat dem Text etwas hinzugefügt. Die klassische Welt ist durch seinen eigenen Blick gegangen und dabei neu geboren worden.
Bei Odyssee stellte sich dieses Gefühl bei mir nicht vollständig ein.
Nolan rekonstruiert Homers Welt mit beeindruckender Pracht, aber ich habe eher das Gefühl, einer Wiedererschaffung dieser Welt beizuwohnen als ihrer Neudeutung. Ich sehe Odysseus’ Reise – spüre aber kaum, dass diese Reise auch durch Christopher Nolans persönliche Welt gegangen ist.
Wenn ich Nolan heute beschreiben müsste, halte ich ihn nach wie vor, vor allem für einen der grössten Erzählarchitekten des zeitgenössischen Kinos. Seine Fähigkeit, Zeit, Struktur und Erzählung zu organisieren, ist unbestreitbar. Doch für mich bleibt die Frage: Führt diese Architektur immer auch zu einer autorenhaften Welt? Vielleicht deshalb halte ich Memento noch immer für seinen vollständigsten Film. Dort sind Form und Bedeutung nicht voneinander zu trennen; das Publikum sieht das Vergessen nicht nur, es erlebt es.
In Odyssee steht Nolan hingegen eher ausserhalb des Mythos. Er erzählt ihn mit bemerkenswertem Können, macht ihn aber seltener zu einer persönlichen Erfahrung.
Nach dem Film drehte sich das Gespräch mit meinem Kollegen auf dem Heimweg vor allem um die Wiedererkennungsszene von Odysseus.
In der Welt des Epos akzeptieren wir Zyklopen, Götter und mythische Mächte – das ist die Konvention dieser Welt. Doch sobald die Geschichte sich einer Beziehung zwischen zwei Menschen nähert, ändert sich diese Konvention. Hier geht es nicht mehr um Ungeheuer, sondern um Vertrauen, Erinnerung, Liebe und die Distanz, die zwanzig Jahre zwischen zwei Menschen legen.
Genau an diesem Punkt überzeugte mich der Film weniger als die lange Reise davor.
Die Wiedererkennungsszene trägt das Gewicht all dieser Jahre der Trennung kaum spürbar auf den Schultern des Publikums – sie wirkt eher wie eine notwendige Station der Handlung, die abgehakt wird. Genau in dem Moment, in dem der Film von der Nacherzählung zur Erfahrung hätte werden können, geht er vorsichtig daran vorbei.
Odyssee ist kein schwacher Film – im Gegenteil, er ist kraftvoll, handwerklich souverän und in seiner Umsetzung bewundernswert. Nolan zeigt einmal mehr, dass er bei der Führung grosser Kinoprojekte kaum Konkurrenz kennt.
Als ich den Saal verliess, dachte ich weniger an Christopher Nolan als vielmehr wieder an Homer. Das mag zunächst eine Ehrerbietung an die Grösse dieses uralten Epos sein – zugleich aber bleibt eine Frage an Nolans Kino zurück.
Ein grosser Autor ist nicht nur jemand, der grosse Geschichten erzählt; er lässt selbst die ältesten Erzählungen so durch seinen eigenen Blick hindurchgehen, dass wir die Welt neu sehen.
Ich habe Odyssee bewundert. Doch ich verliess das Kino mit dem Gefühl, dass Homers Stimme noch immer lauter klingt als Nolans.
Majid Movasseghi
Kritik auf Französisch von Malik Berkati
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