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Locarno 2026 – Semaine de la critique: Concrete Land von Asmahan Bkerat berichtet vom Leben der andauernd vertriebenen Opfer der israelischen Okkupation

Die Palästinenser gehören mit Gewissheit zu den weltweit am meisten leidenden Bevölkerungsgruppen. Aber unter ihnen lebt eine Minorität, deren Schicksal noch heftigeren Angriffen ausgesetzt ist: die landlosen Beduinen. Die palästinensisch-jordanische Filmemacherin Asmahan Bkerat, die sich bereits als Advokat der sozialen Gerechtigkeit engagierte, brachte ihren 8 Jahren Entstehungszeit in Anspruch nehmenden ersten Feature Dokumentarfilm Concrete Land in die Semaine de la Critique Sektion nach Locarno, nachdem ihr Werk bereits den  Jury Prize for Best MiniDoc beim Sebastopol Documentary Film Festival gewonnen hatte.

Concrete Land von Asmahan Bkerat
© Asmahan Bkerat

Ihr Werk erlaubt es, in intimer Weise an den Borderline-Lebensbedingungen einer afro-palästinensischen Beduinenfamilie teilzunehmen, die auf jordanischem Grund in der Umgebung Ammans um ihr kulturelles Überleben kämpft. Liebevoll erfasst die Regisseurin alle Details und Besonderheiten der Familienmitglieder, die vor allem in ihren spontanen Gesängen ihr Leid ausdrücken. Doch in der ersten Phase ihres Filmes will Bkerat vor allem die Lebensfreude und das ausgelassene Lachen einfangen, bevor die fatalen Wendungen ihres Schicksals eintreten. Die Grossmutter pflegt eine fast amouröse Beziehung zu einem Schaf, das sie mit der Flasche aufgezogen hat. Sie pflegt dessen Kopfhaar sorgfältig, um dem Tier das Outfit eines populären Sängers zu geben. Die Schulaufgaben der Kinder werden sorgfältig begleitet, auf ihre saubere Kleidung und Körperpflege wird besonders geachtet. An Stofftieren mangelt es nicht, und in der Nacht wird zuweilen getanzt und gelacht. Es sind freie Menschen, von ihren Tieren umgeben, die ein noch scheinbar eigenständiges Leben führen könnten.

Doch die weit weniger freudige soziale Realität dringt bald ein.  Der als Lastwagenfahrer beschäftigte Familienvater wird nicht regelmässig bezahlt. Das Land, auf dem sie wohnen, wird an eine Privatperson verkauft, in ihrer Umgebung beginnen bereits Bagger Bäume zu entwurzeln. Einen unter ihnen rettet die Grossmutter und pflanzt ihn – noch optimistisch überzeugt von der Sicherheit ihrer nächsten Umgebung – in der Nähe ihrer Zelte ein. Diese Frau kennt ihr Alter nicht, aber sie erinnert sich an die ersten Jahre in Palästina und weit mehr an ihre Vertreibung von den Strandregionen Gazas. Dort sah sie den Horror. Vor ihren Augen verlor sie alle ihre Familienmitglieder.

Die Vertriebenen finden keinen Frieden. Die Mutter wird von ihrer Nachbarschaft verbal attackiert, einen Dunkelhäutigen geheiratet zu haben. Seitdem verbirgt sie ihr eigenes helles Gesicht. Die Kinder werden in der Schule dafür geneckt, in Zelten zu leben. Der geschwächte Grossvater erntet mit der Hand. Der Weg zum Tierarzt ist beschwerlich und lang. Die Familie verliert daraufhin einige Tiere. Asmahan Bkerat genau beobachtende Hand-Kamera fängt die tiefe Verbundenheit mit ihnen ein.

Die Lebenssituation der Familie verdunkelt sich zunehmend. Die politische Realität wird in die laufenden TV-Nachrichten eingespielt: Netanyahu gesteht der extremen Rechten unter Leitung Ben-Gvirs eine Privatarmee in der besetzten Westbank zu, mit dem Auftrag, palästinensische Beduinen in der Negev Wüste zu verfolgen und ihr Land sowie Unterkünfte zu zerstören. Dutzende Dörfer werden von Israel ausradiert. Die Bevölkerung soll auf engem Raum in der Wüste zusammengetrieben werden. Israel will das Territorium wirtschaftlich nutzen.

Das unbestreitbare, systematische, Jahrzehnte andauernde Morden an der palästinensischen und beduinischen Bevölkerung durch die militärische israelische Okkupation wird hier wieder einmal verdeutlicht und lässt die kürzliche, rhetorische Empörung über die expliziten Aussagen zu Tötungsabsichten des israelischen Ministers Ben-Gvir als heuchlerische und systematisch Fakten leugnende Strategie erscheinen. Die Staatsrepräsentanten suhlen sich in dem Anschein, über Jahrzehnte hinweg von nichts gewusst zu haben, und ziehen selbstredend keine Konsequenzen, nicht einmal den sofortigen An- und Verkaufsstopp von israelischen Waffenlieferungen, wie dies vor allem in Deutschland angezeigt wäre.

Concrete Land von Asmahan Bkerat
© Asmahan Bkerat

Bkerat, der Israel jede Rückkehr zu ihren heimatlichen Territorien verweigert, zeigt Bagger an der Arbeit, die Agrarfelder verwüsten und Zelte zerstören. Ohne Landbesitz dürfen die Beduinen nicht bauen. Ihr Antrag auf eine Wohnung liegt seit fünf Jahren auf Eis. Selbst von ihren unmittelbaren Nachbarn werden sie von Ort zu Ort getrieben, da ihre Plastiktüten und der Geruch ihrer Tiere die wohlhabenden Nachbarn bereits stören, selbst bevor sie ihre Häuser beziehen.

Die landlose Familie muss sich schliesslich von ihren Tieren trennen. Dies bricht dem Grossvater das Herz. Er stirbt bald darauf in einem Krankenhaus, nachdem er kurz zuvor noch im Widerstand seine eigene Familie verliess, um unter freiem Himmel weiterzuleben. Sein Leben lang Farmer gewesen, verweigert er das Leben in geschlossenen Räumen: „Ich fühle das Licht, wenn ich draussen lebe.“

Erneut berichten TV-Nachrichten über das systematische Töten aller, die sich weigern, ihre Heimat zu verlassen. Frühstückende Familien und stillende Mütter werden abgeschlachtet.

Während die Tochter in der Schule gezwungen ist, die Nationalflagge zu grüssen und patriotische Texte, die nicht die ihren sind, laut vorzulesen, empfängt ihre Familie den Räumungsbefehl, dem sie innerhalb von fünf Tagen nachkommen muss. Die Kinder beklagen den Verlust ihrer Schule und Freundschaften. Noch in der Nacht wird ihr Zelt attackiert.

Und doch stirbt der Lebenswille nicht. Aus der Ferne filmen die Töchter der Familie ein Popkonzert und ein Feuerwerk. Eine weitere Tochter wird geboren. Das Lieblingsschaf der Grossmutter wird versteckt und mitgenommen. Die letzte Einstellung zeigt die Familie in einem schrottreifen Laster auf eine öde, dicht besetzte Betonbausiedlung zufahren.

Für die jüngste Generation der Familie, die bereits mit TV und Cellphones aufwuchs und sich immer schon ein eigenes Zimmer wünschte, ist dies auch ein möglicher Neuanfang. Willkommen in der kapitalistischen Welt. Doch Asmahan Bkerat Werk vermag es, dem Zuschauer vor allem den Verlust eines freieren Lebens in bescheidenen und selbstgenügsamen Bedingungen hautnah verständlich zu machen.

Von Asmahan Bkerat; Drehbuch und Schnitt: Ban Maraqa; Jordanien, Palästina; 2026; 101 Minuten.

Dieter Wieczorek, Locarno

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Dieter Wieczorek

Journaliste/Journalist (basé/based Paris-Berlin)

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