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57. Internationalen Hofer Filmtagen – Die Mischung machts: Filme junger Talente und arrivierter Regisseure

Eröffnet wurde das Festival mit 15 Jahre von Chris Kraus. Der Regisseur ist seit Jahren Stammgast in Hof. Diesmal mit der Fortsetzung seines Films Vier Minuten von 2006. Jenny (Hannah Herzsprung) lebt seit ihrer Entlassung aus dem Gefängnis in einem kirchlichen Haus für betreutes Wohnen. Nachdem sie 15 Jahre wegen eines Mordes, den ihr damaliger Freund begangen hat, unschuldig im Gefängnis sass, will sie eigentlich nur eins: Rache. Als sie bei einem Putzjob an der Musikhochschule von einem ehemaligen Mitstudenten (Christian Friedel) als das frühere Klavierwunderkind erkannt wird, lernt sie durch ihn Omar (Hassan Akkouch) kennen, einen Flüchtling, der durch den IS seine Frau verlor und dem ein Arm abgehackt wurde, weil er weiter öffentlich Klavier spielte. Der will mit ihr bei einer Talentshow für Behinderte auftreten. Anfangs weigert sie sich, aber als sie erkennt, dass der Host der Show ihr damaliger Freund Gimmiemore (Albrecht Schuch) ist, willigt sie ein. Eine gekonnte über zweieinhalb Stunden dauernde Variante der Schuld und Sühne-Thematik, die gegen Ende auch einige Überraschungen bietet. Das grosse Plus des Films sind seine Schauspieler, die alle grandiose Leistungen bieten und Spannung und Gefühle bis zum Schluss aufrechterhalten. Der Film läuft in Deutschland ab 11. Januar auch regulär im Kino.

— Hannah Herzsprung – 15 Jahre
Foto mit freundlicher Genehmigung Internationale Hofer Filmtage

James Ivory, berühmter Regisseur von Filmen wie Zimmer mit Aussicht hat mit A Cooler Climate 2022 mit 94 Jahren nochmal einen Film vorgelegt. Mit Hilfe des Regisseurs Giles Gardner sichtete er Material seiner Aufnahmen einer Reise nach Afghanistan, das ein Dokumentarfilm werden sollte, ganz im Stil seines ersten Films The Delhi Way. Doch das Material landete in einem Karton und wurde nie benutzt. Jetzt dienen die Aufnahmen, neben interessanten Bildern von 1960 aus einem Land, das mit dem heutigen nicht mehr viel zu tun hat, für ein Porträt des Regisseurs, der immer ein Aussenseiter und Einzelgänger war. Er zeigt seinen Werdegang vom jungen Dokumentarfilmer zum Starregisseur aus Amerika von vor allem englischen und indischen Romanverfilmungen, das Kennenlernen mit seinen lebenslangen Produktions- und Autorenpartnern Ismail Merchant und Ruth Prawer Jhabvala, aber auch die Schwierigkeiten als homosexueller Jugendlicher Mitte des letzten Jahrhunderts. Eine gelungene Mischung aus Reisefilm und einer sehr persönlichen Lebensrückschau.

In A House in Jerusalem von Muayad Alayan zieht das Mädchen Rebecca mit ihrem Vater von England nach Jerusalem, um nach dem Tod der Mutter einen Neuanfang zu wagen. Ihr Haus liegt im sogenannten Tal der Geister. Und der Name erweist sich als Programm. In einem Brunnen mit Gängen unter dem Haus scheint ein Mädchen zu wohnen, das auf die Rückkehr der Eltern wartet, wenn der Krieg vorbei ist. Und nur von ihr gesehen werden kann. Doch welcher Krieg. Rebecca beginnt nachzuforschen, unter anderem mit der Puppe des Mädchens. Dies führt zu Problemen mit dem israelischen Geheimdienst. Der Film ist eine gute Geistergeschichte mit Zeitreiseelementen, aber zeigt auch die Spannungen zwischen Israel und den Palästinensern, was momentan ja aktueller denn je ist. Der Film wird ins Kino kommen.
Hier die ausführliche Kritik in Französisch von Malik Berkati.

My Sailor, My Love von Klaus Harö spielt vor der spröden Kulisse an der irischen Küste. Damit begibt sich der finnische Regisseur von Skandinavien erstmals an einen anderen Landstrich. Der Film erzählt die Geschichte von Howard (James Cosmo), einem ehemaligen Kapitän, der selten zu Hause war und seine verstorbene Frau und seine Tochter Grace (Catherin Walker) immer vernachlässigte. Trotzdem kümmert sie sich aufopfernd um den Vater. Als sie eine Hilfe, Annie (Brid Brennan), engagiert, um mehr zu Hause bei ihrem Mann zu sein, mit dem sie in einer Krise ist, verliebt sich Howard in Annie. Doch nun will er noch weniger von seiner Tochter wissen. Der Film zeigt familiäre Probleme verquickt mit einer Liebesgeschichte zwischen alten Leuten und hält die Balance zwischen der Sympathie zwischen Vater und Tochter. Sehr sehenswert. Deutschlandstart am 11.1.24.

The Last Ashes (Laif a Séil) von Laif Tanson aus Luxemburg ist die gelungene Mischung von Historienfilm, Western und Rachethriller. 1854 herrscht die Familie Graff mit eiserner Hand in einem kleinen Ort. Frauen haben nichts zu sagen und sehr junge Mädchen, die mit Masken herumlaufen müssen, werden zu Sex mit Leuten wie dem Pfarrer gezwungen. Helene ist eines dieser Mädchen. Als sie mit einem befreundeten Jungen weglaufen will, werden sie geschnappt, der Junge zum hinkenden Krüppel gemacht, die Eltern erschossen. Nur sie kann verletzt entkommen. Jahre später kehrt sie  (Sophie Mousel) zurück. Ihr einziges Ziel: Rache an den Graffs. Und sie ist damit sehr erfolgreich. Anfangs bleibt sie mit ihrem blutigen Treiben noch unerkannt. Aber dann erkennt sie eine Kinderfreundin und der Hinkende Junge von damals arbeitet für Graff. Ein höchst spannender Rachewestern, der auch auf jedem Fantasyfilmfest laufen könnte. Und die Schauspielerin Sophie Mousel ist eine Entdeckung.

The Coffee Table (La mesita del comedor) von Caye Casas beginnt wie eine alltägliche Geschichte. Ein Ehepaar hat einen Sohn bekommen. Sie ist überglücklich, er eher zweifelnd, hat er nicht mehr viel zu sagen. Da er bei der Wohnungseinrichtung nichts zu sagen hatte, besteht er auf den Kauf eines Kaffeetischs mit Glasplatte und zwei Statuen als Beine, weil seine Frau ihn partout nicht will. Angeblich unzerbrechlich. Und mögen tut er ihn eigentlich nicht. Doch eine Fixierungsschraube fehlt. Als die Frau einkaufen geht für den Besuch des Bruders mit neuer Freundin, passt er auf das Baby auf- und es kommt zur Katastrophe. Er stolpert, fällt auf den Tisch, die Glasplatte bricht und das Baby wird enthauptet. Doch er ist unfähig jemanden zur Hilfe zu rufen und sagt selbst beim Essen nichts. Das Schweigen führt zu weiteren tödlichen Geschehnissen. Böse, spannend und ein Kommentar zu heutigen Beziehungen.

Youssef Salem a du succès von Baya Kasmi erzählt die Geschichte vom erfolglosen Autor Youssef (Ramzi Bedia), der ein Buch über seine dysfunktionale Familie, seine erotischen Abenteuer und wilde Partys schreibt, und damit einen Bestseller. Als er auch noch den wichtigsten französischen Buchpreis gewinnt, tut er alles, dass seine Eltern das Buch nicht lesen, ihn nicht im Fernsehen sehen etc. Seine Verlegerin (Noemie LvovskY) versucht ihn zu unterstützen.  Aber leichter gedacht als getan. Ein Film der viel Spass macht, aber auch zeigt, was mit dem Ruhm einer geht.

— Peter Schneider und Angjela Prenci – Rohbau
Foto mit freundlicher Genehmigung missingFILMs (©Ben Bernhard Wood Water Films)

In Rohbau von Tuna Kaptan engagiert der Bauleiter Lutz (Peter Schneider) illegale Arbeiter aus Bulgarien, um Geld zu sparen. Als ein Mann bei einem Unfall stirbt, taucht kurz darauf seine Tochter Irsa (Angjela Prenci) auf der Baustelle auf, die nach ihrem Vater sucht. Um seine Position nicht zu gefährden und einen lukrativen Nachfolgeauftrag in Berlin zu bekommen, tut er so als ob er ihr hilft und will sie von der Baustelle fernhalten. Doch sie gibt nicht auf, und so will er sie nach Bulgarien bringen. Doch auf der Reise entwickelt er Schamgefühle, sie belogen zu haben und weiss nicht, wie er es ihr sagen kann. Ein weiterer Film über Gewissen und Schuldgefühle mit einer Hauptdarstellerin, die vorher noch nie gespielt hat, hier aber ein echter Glücksfall ist.

Weitere erwähnenswerte Filme waren Der Junge dem die Welt gehört von Robert Gwisdek, der eine starke Story über Wahn, eingebildete Figuren und multiple Persönlichkeiten zeigt, bei dem es gleich mehrere verschiedene Deutungsmöglichkeiten gibt; die Dokumentation The Mies van der Rohes von Sabine Gisiger über den Architekten, aber noch mehr über seine Familie mit Spielszenen mit Katharina Thalbach als seine Tochter – Hier die ausführliche Kritik auf Französisch von Firouz E. Pillet -; den sehr interessanten Dokumentarfilm Viva Varda! von Pierre-Henri Gibert über die Regisseurin mit ihren verschiedenen Karrieren durch die Zeiten und die Beziehung zu ihrem Mann Jaques  Demy und Wer hat Angst vor Braunau? von Günther Schwaiger über das Geburtshaus von Hitler und was heute damit passiert.

Harald Ringel, Hof

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Harald Ringel

Rédacteur / Reporter (basé/based Berlin)

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