j:mag

lifestyle & responsible citizenship

Berlinale 2026Cinéma / KinoCulture / Kultur

Berlinale 2026 – Forum: Effondrement (Collapse) von Anat Even – Eine freie Stimme Israels

Auf der Berlinale 2026 wurde ein einzigartiges Werk des politischen Widerstandes präsentiert. Die Rhetorik des öffentlichen politischen Diskurses verwechselt strategisch systematisch „israelische Interessen“ mit den Interessen der Regierung Netanyahus. Dies gilt in beschämender Weise auch für ein Waffenlieferendes und Waffenkaufendes (!) mit Israel verbündetes Land wie Deutschland. Konsequenterweise werden pro-palästinensische Stellungnahmen unmittelbar als „antisemitisch“ gebrandmarkt. Das aktuell letzte ins Rampenlicht getretene Opfer dieser Strategien ist die Berlinale-Festivalleiterin Tricia Tuttle. Politische Interessen wollen jetzt die Freiheit der Meinungsäusserung einschränken und die politische Relevanz der Filme unter Kontrolle bringen: Sie wollen die lange Tradition des weltweit anerkannt politischsten Festivals der A-Kategorie brechen. Die Festivalleiterin soll gehen, weil der palästinensische Regisseur des preisgekrönten Werkes Chronicles From the Siege in seiner Rede während der Abschlussveranstaltung an die Mitverantwortung der Bundesrepublik an einem laufenden Völkermord erinnerte.

Effondrement (Collapse) von Anat Even
© Anat Even

Derartige rhetorisch diffamierende Verfälschungen und Antizionismus-Konstrukte repräsentieren mit Sicherheit nicht die Interessen eines Teiles der israelischen Bevölkerung, die eine sofortige Beendigung des Genozids, Friedensverhandlungen und Hilfe für die palästinensische Bevölkerung fordert. Die israelische Filmemacherin Anat Even ist eine unter ihnen. Sie verlor ihren Lehrer und Freund Yonatan Carol sowie seine Familie und viele weitere Freunde. Sie alle wurden von der Hamas an der Grenze zum Gazastreifen, im Kibbutz Nir Oz, am 24. Oktober 2023 getötet. Nur eine Person überlebte. Even selbst hatte die frühen Jahre ihres Lebens dort verbracht.

In einer bewundernswerten und heutzutage „mutigen“ Weise spricht sie einfache Wahrheiten aus. In ihrem Dokumentarfilm Effondfrement (Collapse) zitiert sie bereits in den ersten Minuten die Zeilen des ungarisch-jüdischen Schriftstellers, Holocaust-Überlebenden und Nobelpreisträger für Literatur Imre Kertész:

„Wir waren uns der zerstörerischen Ignoranz, Dummheit, Barbarei und Bosheit, die sich wie eine Seuche in unserem Land ausbreiteten, und der Billigung dieser Tendenzen durch die Obrigkeit vollkommen bewusst.
Doch wir betrachteten all dies mit Gleichgültigkeit, wir, ein Volk, das längst jeden Versuch aufgegeben hatte, die öffentlichen Verhältnisse im Allgemeinen zu verbessern oder überhaupt irgendeine Veränderung herbeizuführen.“

Even fährt mit ihrem PKW an der Grenze zum Gazastreifen entlang, missachtet Hinderungen durch das Militär und präsentiert ihre Beobachtungen in Bildern und sehr persönlichen, ihre Gefühle nicht verbergenden Kommentaren. Die ersten Aufnahmen entstehen in Nir Oz. Sie beobachtet eine friedliche Landwirtschaft auf israelischer Seite, die scharf kontrastiert mit den einer permanenten Bombardierung ausgelieferten anliegenden Städten im Gazastreifen. Nir Oz wird systematisch als Gedenkstätte genutzt, zur Stimulierung patriotischer, wenn nicht gar Rachegefühlen. Gerade in Nir Oz aber lebten Einwohner, die von einer friedlichen Koexistenz träumten und gegen die Okkupation Stellung bezogen. Nun wurden die Bewohner vieler benachbarter Häuser evakuiert und ein Teil der Pflanzenfelder zur Militärzone deklariert.

Mit ihrem in Paris lebenden Freund Ariel pflegt sie einen ständigen Kontakt. Dieser weit desillusionierter Mann erinnert sie daran, dass Massaker schon immer organisierten Armeen als Vorwand zur Realisierung von Verbrechen gegen die Menschlichkeit dienten, wie beispielsweise zum Abschlachten zehntausender Algerier durch die französische Armee nach dem Massaker an französischen Siedlern im Mai 1945.

Dieselbe Rhetorik der Gewalt und des Rassismus wird jetzt wieder aktualisiert. Sie lässt auch ehemals linksorientierte, regierungskritische Israeli ins rechte Lager wechseln und deren Behauptungen zustimmen, dass „Araber“ immer Krieg wollen. Tatsachen wie die Ansässigkeit von Palästinenser auf dem Gazastreifen seit 1946 werden ignoriert.

Während Ariel die Zerstörung der vor Even ihr liegenden Ortschaften voraussagt, fängt ihre Kamera genau dies ein. Ariel scheut sich nicht der Filmemacherin vorzuwerfen, wie auch diese sich nicht scheut, dies in ihren Film einfliessen zu lassen, dass ihr Werk zwar mutig, aber angesichts der unglaublichen Zerstörungswut belanglos ist. Nur Filme aus Gaza, nicht Gerüchte und Kommentare, seien noch angemessen. Denn während Even sensibel auch die Panik der Vögel durch den permanenten Bombenlärm dokumentiert und unbeschäftigte, scheinbar friedliche Soldaten an Kiosken zeigt, sind seit Ende November 2025 100 000 Granaten, neben bis zu über 400 kg explosives Material enthaltenen Bomben abgeworfen worden, eine grössere Menge als sie im Jahr 2019 US-Streitkräfte in Afghanistan abfeuerten. Menschen im Gazastreifen werden unter ihren in Schutt gelegten Häusern begraben. Hinzu kommen Raketen- und Drohnenensätze der „chirurgische Operationen“. Truppen rasieren ganze Quartiere aus und glätten darauf das zerstörte Terrain mit 60 Tonnen schweren Bulldozern. Ein „asymmetrischer Krieg“ und unproportionierte Angriffe einer organisierten Armee gegen eine Zivilbevölkerung werden stets rhetorisch als Vergeltung für erlittenen Schaden legitimiert. Seit dem ersten Tag des israelischen militärischen Angriffes wurde das Interesse an der totalen Zerschlagung der palästinensischen Bevölkerung im Gazastreifen und auf der West Bank laut.

Trotzdem darf der Vorwurf an Even nicht unwidersprochen bleiben. Bilder der einen Zerstörung und Barbarei dürfen nicht fehlen, aber es macht durchaus Sinn, die Verhaltensweisen, Rituale und Statements der Angreifer zu dokumentieren. Genau dies tut Anat Even.

Sie erinnert gleichzeitig an den 27-jährigen Poeten und Doktor Ezzideen Shehab, der im Oktober 2023 nach Gaza zurückkehrte und die Logik der Mächtigen samt ihrer kalten Arithmetik der Geopolitik auf den Punkt bringt. Menschen werden bewusst und emotionslos als Ungeziefer behandelt.  Er beobachtet einen Familienvater, der schmutzige Nahrungsreste aus einem Grab klaubt und sie seiner Tochter gibt, die sie dankbar verschlingt. 60 000 Tote und 150 000 Verletzte werden von Millionen Vergeltung fordernden Israeli gutgeheissen. Soldaten tanzen im Machtrausch auf den Ruinen Gazas. Even fängt die Stimme eines Soldaten ein, der angesichts der Hilfsgüter liefernden Kolonne von Lastwagen, die an der Grenze blockiert wird, kommentiert: „Es ist beschämend, was wir ihnen geben.“

Und Even verbirgt auch diese Reflexion nicht: war es wirklich eine gute Idee, an der Grenze zu einem Jahrzehnte lang brutal unterdrückten Volk eine Tanzparty zu veranstalten? Auch diese Indifferenz ist bereits eine Form der Entmenschlichung.

Even gelingt es, an einer neuen Party an der Grenze vorzudringen, die für „autorisierte Gäste“ reserviert ist. Dort trifft sie auf Israelis aus dem ganzen Land, die T-Shirts mit der Aufschrift „Love Gaza my Homeland“ tragen und ihr Motto „Occupy, Expel, Settle“ propagieren sowie „We take back what we gave them“.  Even fängt ebenso auch die – wenig Personenreichen – Proteste gegen diese Siedler ein, die vom Militär geschützt werden müssen. An manchen Strassenkreuzungen verharren weitere Protestierende mit ihren einen sofortigen Frieden fordernden Plakaten. Sie alle wissen, zu behaupten, es gäbe im Gazastreifen keine Unschuldigen, heisst zu behaupten, es gäbe sie nirgendwo.

Effondrement (Collapse) von Anat Even
© Anat Even

Mit der versuchten Ausrottung der Bevölkerung Gazas lässt die aktuelle Staatsmacht Israels selbst die Hamas-Morde vom 7. Oktober als anekdotisches Ereignis erscheinen und nutzt sie als Privileg für ein unbestraftes Morden. Auch dieser Kommentar erklingt in Effondrement. Und fährt fort: nur eine öffentliche Anklage und die Aufbereitung der Verbrechen, wie sie angesichts der deutschen, serbischen und der Hutus erfolgten, könnte die verbreiteten Gefühle der Immunität und Überlegenheit der israelischen Bevölkerung brechen.

Niemand profitiert mehr von den Attacken der Hamas als die israelische Armee unter Netanyahu und die mit ihm verbündeten orthodoxen Rechtsradikalen, die ihren Slogan „Occupy – Expel – Exterminate“ intonieren.  Komplett tabuisiert ist auch die Frage, in welchem Masse die Jahrzehnte andauernde israelische Siedlungs- und Vertreibungspolitik Mitverantwortung trägt für die Bildung und Stärke der Hamas.

Doch Anat Even und viele Gleichgesinnte werden die Hoffnung auf ein friedliches Zusammenleben nicht aufgeben. Und niemand anderes als diese Gruppe israelischer Bürger trägt mit ihren Werken und Deklarationen mehr zur Bekämpfung jeder Form des Antisemitismus bei.

Kaum verwunderlich wurde Even sogleich in der anschliessenden Diskussion angeklagt, schmutzige Wäsche in der Öffentlichkeit zu waschen. Immerhin geben auch diese Stimmen zu, dass hier etwas wirklich schmutzig ist, jedoch übersehen sie, dass Schmutz zur Reinigung immer ans Licht muss, hinein in einen offenen, demokratischen und auf Dialog basierenden Prozess.

Von Anat Even; Frankreich; 2026; 78 Minuten.

Dieter Wieczorek, Berlin

j:mag Tous droits réservés

Dieter Wieczorek

Journaliste/Journalist (basé/based Paris-Berlin)

Dieter Wieczorek has 43 posts and counting. See all posts by Dieter Wieczorek

Laisser un commentaire

Votre adresse e-mail ne sera pas publiée. Les champs obligatoires sont indiqués avec *

*