„Im Fluss der Zeit – Jüdisches Leben an der Oder“ – Eine Wanderausstellung des Deutschen Kulturforums Östliches Europa, bis 10. Dezember 2021 in Wiesbaden

Die Landschaft an der Oder mit ihren wechselnden herrschaftlichen und nationalen Zugehörigkeiten war über Jahrhunderte hinweg ein Begegnungsraum. Hier kreuzten sich auch die deutsch-jüdische und die polnisch-jüdische Kultur. In der Neuzeit bedrohte der Nationalismus, gepaart mit dem Antisemitismus, diese kulturelle Vielfalt an Oder, Obra und Warthe. Der Nationalsozialismus zerstörte sie.

— Allee auf dem jüdischen Friedhof in Landsberg an der Warthe, 2017
© Deutsches Kulturforum östliches Europa (Foto: Adam Czerneńko)

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden weite Abschnitte der Oder zur deutsch-polnischen Grenze und die deutsche Bevölkerung aus den Regionen östlich des Flusses vertrieben. Polen fanden hier eine neue Heimat und für kurze Zeit schien es, dass in Niederschlesien und Pommern jüdisches Leben heimisch werden könnte. Mehrere Zehntausend polnisch-jüdische Holocaustüberlebende siedelten sich hier an, doch die meisten wanderten bis Ende der 1960er Jahre wieder aus. Die jahrhundertelange Anwesenheit von Juden an der Oder fiel dem Vergessen anheim, ihre Spuren wurden oft zerstört.

Die deutsch-polnische – zweisprachig konzipierte – Wanderausstellung des Deutschen Kulturforums Östliches Europa möchte zum Nachdenken und zum Gespräch zwischen den ehemaligen und heutigen Bewohnerinnen und Bewohnern der Region anregen und zur Neuentdeckung des deutsch-polnisch-jüdischen Kulturerbes dieser Landschaft einladen.

Die Ausstellungseröffnung vom 25. Oktober kann online auf dem YouTube-Kanal Culture To Go gesichtet werden.

Zur Ausstellung gibt es ein Begleitprogramm:

»Juden in Oberschlesien. Eine literarische und historische Spurensuche« – Vortrag von Dr. Andrzej Kaluza und Julia Röttjer, M.A.
3. November 2021, 18:30 Uhr, Haus der Heimat – Eintritt frei | Anmeldung erforderlich: kulturreferat@bdv-hessen.de , Tel.: +49 (0) 611-36019-18, 3G-Modell

Die industriell geprägte Region Oberschlesien wird nicht vordergründig mit Jüdinnen und Juden in Verbindung gebracht. Allerdings gab es in fast jeder grösseren Stadt vor dem Zweiten Weltkrieg eine aktive jüdische Gemeinde mit einer repräsentativen Synagoge. An die Geschichte der Jüdinnen und Juden erinnert dort heute ein Museum, das kürzlich im ehemaligen Tahara-Haus am Jüdischen Friedhof in Gleiwitz/Gliwice eröffnet wurde.

Julia Röttjer und Andrzej Kaluza sind Redakteure des vom Deutschen Polen-Institut herausgegebenen »Jahrbuch Polen«, das 2021 Oberschlesien gewidmet ist und das sich in mehreren Beiträgen mit jüdischem Leben in der Region beschäftigt. Sie sprechen an dem Abend über einige Persönlichkeiten, lesen Texte unter anderem aus dem Jahrbuch selbst und stellen weitere Aspekte jüdischen Lebens in Oberschlesien im Bereich der Literatur-, Kultur- und Industriegeschichte vor.

»בדרך (Baderech) – Auf dem Weg! Jüdische Displaced Persons 1945–1949« – Vortrag von Jim G. Tobias
7. Dezember 2021, 18:30 Uhr, Jüdische Gemeinde Wiesbaden, Friedrichstr. 33, Wiesbaden und ONLINE per ZOOM Clouds Meetings. Eintritt frei | Anmeldung erforderlich: info@jg-wi.de , Tel.: +49 (0) 0611 93330-30, 2G-Modell

Nach der Niederschlagung des Nationalsozialismus strandeten in Westdeutschland, insbesondere in der US-amerikanischen Besatzungszone, rund 200.000 Jüdinnen und Juden, vornehmlich aus Polen. Sie hatten die Shoah überlebt oder flüchteten vor neuen Pogromen in Osteuropa in den von den Alliierten eingerichteten jüdischen Displaced Persons (DPs) Camps. Das waren selbstverwaltete Lager mit eigenen Schulen, Theatern, Krankenhäusern, Sportvereinen, Parteien und Zeitungen. Doch der Aufenthalt im »Land der Täter« war nur temporär, die meisten Jüdinnen und Juden hatten ein klares Ziel vor Augen: Das Land Israel, den in Gründung befindlichen jüdischen Staat.

Über dieses fast vergessene Kapitel der deutschen Nachkriegsgeschichte spricht der Historiker und Journalist Jim Tobias. Er ist Leiter und Mitbegründer des Nürnberger Instituts für NS-Forschung und jüdische Geschichte des 20. Jahrhunderts. Im Mittelpunkt seiner Forschungen steht die Geschichte der jüdischen DPs. Zahlreiche Buchveröffentlichungen, TV-Beiträge und Webangebote, wie etwa das Portal www.after-the-shoah.org, in dem rund 300 jüdische DP Centers verzeichnet sind.

Wanderausstellung bis 10. Dezember 2021 im Wiesbadener Haus der Heimat, Friedrichstraße 35, 65185 Wiesbaden. Öffnungszeiten: Mi, Do 10-17 Uhr, Fr 10-14 Uhr.
Eintritt frei / 3-G-Prinzip.

Malik Berkati

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